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Klimawandel paradox: Tiefsee der Antarktis wird kälter

Der Klimawandel lässt die Arktis tauen - doch in der Antarktis wird es keineswegs überall wärmer. Im Gegenteil: Meeresforscher haben nun herausgefunden, dass sich das Wasser tief im Südpolarmeer sogar abkühlt. Auch das Meereis hat sich zumindest kurzfristig rekordverdächtig ausgedehnt.

Es ist fast wie bei einer Versteigerung. 2080, 2030, 2012: Das sind die Jahreszahlen für ein dramatisches Ereignis, das Klimaforscher prophezeien - einen komplett eisfreien Nordpol. Während das Schmelzen des arktischen Meereises eindeutig mit dem von Menschen verursachten Klimawandel in Verbindung gebracht werden kann, sind die Zusammenhänge in der Antarktis noch unverstanden. So beobachten die Wissenschaftler im Westen der Antarktis zwar Schmelze, aber im Osten tut sich wenig. Nun haben Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven eine wichtige Beobachtung gemacht: Die Tiefsee der Antarktis wird wieder kälter - nach jahrelanger Erwärmung.

Ein 58-köpfiges Wissenschaftlerteam war zehn Wochen auf dem Forschungsschiff "Polarstern" unterwegs und hatte Meeresströmungen, Temperatur-, Salzgehalt- und Spurenstoffverteilung im Meerwasser der Antarktis gemessen. Die Forscher maßen die Temperatur des auf den Meeresgrund abgesunkenen kalten Oberflächenwassers. Daraus könne man schließen, dass das Wasser schon an der Oberfläche kälter war als sonst, berichtet Volker Strass, Ozeanograph am AWI, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Reise sollte die Grundlage dafür legen, die gegensätzlichen Entwicklungen in Arktis und Antarktis zu verstehen, sagte Expeditionsleiter Eberhard Fahrbach. Seit Ende der achtziger Jahre sei bei solchen Untersuchungen festgestellt worden, dass es in der Tiefsee immer wärmer geworden sei, sagte Fahrbach. Aus noch ungeklärten Gründen. "Jetzt ist der Trend gebrochen", sagte Fahrbach. Die Abkühlung bewege sich im Hundertstel-Grad-Bereich, was für ein Polarmeer allerdings sehr viel sei.

Zugleich zeigten Satellitenaufnahmen die höchste Ausdehnung von Meereis im antarktischen Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen. Nun stelle sich die Frage, ob der kalte antarktische Sommer eine dauerhafte Trendänderung einleite oder nur ein Ausreißer sei, sagte Expeditionsleiter Eberhard Fahrbach. "Im augenblicklichen Zustand ist keine stärkere Schmelze des Eises zu erwarten", sagte Strass.

Die Abkühlung könnte laut AWI die Umwälzbewegungen der ozeanischen Wassermassen in Schwung bringen. Denn das kalte Antarktiswasser sinkt ab und lässt Wasser vom Südpol weg fließen. Dadurch strömt wärmeres Wasser, der zirkumpolare Tiefenstrom, in Richtung Antarktis. Es ist bis zu 1,5 Grad wärmer als das übrige Wasser und gleicht das von der Antarktis abfließende Wasser aus. Forscher haben dieses zirkumpolare Wasser als möglichen Grund für die Gletscherschmelze im Verdacht.

Die Absinkbewegungen der Wassermassen im Südlichen Ozean sind ein Teil der globalen Umwälzbewegungen des Ozeans und spielen eine wichtige Rolle im globalen Klimageschehen. "Das Südpolarmeer hat großen Einfluss aufs Klimageschehen, weil es als CO2-Senke und -Quelle fungieren kann - abhängig von der ozeanischen Zirkulation", sagte Strass. "Die neuen Beobachtungen sind nun ein Indiz dafür, dass dieses große Gebiet sehr sensibel auf Klimaänderungen reagiert."

Welche Folgen die Abkühlung des Tiefenwassers haben wird, ist noch unklar. So sind auch paradoxe Reaktionen denkbar: Wenn nun mehr kaltes Wasser absinkt, könnte wärmeres Wasser nachfließen, so Strass. Und wieder eine verstärkte Schmelze auslösen.

In den nächsten Jahren wollen die Wissenschaftler diese Frage mit Hilfe von autonomen Mess-Systemen klären. Sie sind am Meeresboden verankert oder treiben frei und liefern über mehrere Jahre hinweg ozeanographische Daten.

lub/ddp/AP

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