Klimawandel Saubere Luft macht Forschern Sorge

Die Luft auf der Erde ist klarer geworden, so dass mehr Sonnenlicht den Erdboden erreichen kann, berichten Schweizer und amerikanische Forscher. Doch das ist nicht unbedingt eine gute Nachricht. Möglicherweise verstärkt die saubere Atmosphäre den Treibhauseffekt.


Sonneneinstrahlung 1983 bis 2001: Luft klarer geworden
Science

Sonneneinstrahlung 1983 bis 2001: Luft klarer geworden

Eigentlich klingt es nach einer Erfolgsmeldung: Nachdem sich seit den fünfziger Jahren die Erde Jahr für Jahr durch die zunehmende Luftverschmutzung verdunkelte, hat sich dieser Trend nun umgekehrt. Es wird heller. Wie zwei Forscherteams im Fachblatt "Science" berichten, erreicht seit etwa 1990 wieder mehr Sonnenlicht den Erdboden, weil die Atmosphäre klarer geworden ist.

Die Wissenschaftler um Martin Wild von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich werteten die Daten von über 100 Messstationen weltweit aus, die die Intensität der Sonnenstrahlung aufzeichnen. Sie stellten fest, dass seit 1990 wieder mehr Sonnenlicht den Boden erreicht. Außer in stark verschmutzten Gegenden wie in Indien sowie einigen Gebieten in Afrika, Südamerika und Australien, habe sich die Sonneneinstrahlung überall langsam erhöht.

Bestätigt wird dies von einer Forschergruppe um Rachel Pinker von der amerikanischen University of Maryland in College Park. Diese Gruppe wertete Daten aus den Jahren 1983 bis 2001 aus, die durch Satelliten gesammelt worden waren. Während bis etwa 1990 immer weniger Sonnenlicht auf den Boden traf, kehrte sich dieser Trend dann um: Die Sonneneinstrahlung war nun umso höher.

Die Forscher vermuten, dass die Luft sauberer ist, weil Industrieanlagen und Autos durch neue Filtertechniken nicht mehr so viel Ruß und Staub in ihre Umgebung abgeben. Auch der Niedergang der Industrie in Osteuropa nach der Wende habe die Umweltbelastung verringert. Die Atmosphäre erholte sich außerdem von den Aschemengen, die der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen bei seinem Ausbruch am 12. Juni 1991 in die Luft geschleudert hatte.

Doch die klare Luft hat auch Nachteile: Bisher wirkten die Partikel in der Atmosphäre als eine Art Sonnenschirm und kompensierten so die globale Erwärmung. Forscher hatten verwundert festgestellt, dass der Treibhauseffekt zu einem deutlich geringeren Temperaturanstieg führt als bei Berechnungen an Klimamodellen vorhergesagt. Sie schlossen daraus, dass das heutige Klima nicht so sensibel auf zusätzliches Kohlendioxid reagiert wie zum Beispiel während der letzten Eiszeit.

Offenbar war es aber die Luftverschmutzung, die die vorausberechnete Erwärmung verhinderte beziehungsweise verringerte. Gerade in Gegenden, wo die Luft stark verschmutzt war, ließ sich in der Vergangenheit kaum eine Erwärmung feststellen. Ohne diesen Schutz könne nun das ganze Ausmaß der globalen Erwärmung zum Tragen kommen, fürchtet Klimaforscher Wild. Wie anfällig das Klima für den Treibhauseffekt sei, werde sich erst jetzt zeigen.

"Das heißt nicht, dass wir nun wieder mehr Schmutzpartikel in der Luft brauchen", erklärte der Züricher Klimatologe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber es zeigt, dass man gegen den Treibhauseffekt nichts ausrichten kann, wenn man nur eine Ursache bekämpft." In den letzten Jahren sei zwar die Luft sauberer geworden, doch die Treibhausgase gelangten nach wie vor fast unvermindert in die Atmosphäre. Dies könne sich nun rächen.

Jana Schlütter

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