Klimawandel Saure Meere schaden Fisch-Nachwuchs

Die Versauerung der Ozeane ist für Fische kein Problem - das haben viele Forscher bisher angenommen. Doch gleich zwei neue Studien zeugen vom Gegenteil: Insbesondere Eier und Larven nehmen Schaden. Damit bedrohen steigende Kohlendioxid-Werte nicht nur Korallen und Krustentiere.

Dorsche im Ozeaneum Stralsund: Fischeier entwickeln sich in saurem Wasser schlechter
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Dorsche im Ozeaneum Stralsund: Fischeier entwickeln sich in saurem Wasser schlechter


Hamburg - Wenn die Ozeane versauern, bedroht das die Fischbestände in den Meeren. Wie zwei Forscherteams aus Kiel und den USA im Journal "Nature Climate Change" berichten, reagieren insbesondere Fischeier und -larven empfindlich auf steigende Kohlendioxid-Werte. Anders als bisher angenommen, blieben Fische somit von der Ozean-Versauerung nicht verschont. Im Gegenteil: Viele ohnehin durch Überfischung gefährdete Arten seien durch den Klimawandel und seine Folgen einer weiteren Bedrohung ausgesetzt.

Der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre ist seit der industriellen Revolution rapide gestiegen und wird auch in den nächsten Jahrzehnten aller Voraussicht nach weiter stark zunehmen. Derzeit liegt der Anteil an Kohlendioxid in der Atmosphäre bei etwa 390 ppm (parts per million, 390 Teile CO2 pro eine Million Teile Luft). Ein Drittel des überschüssigen Kohlendioxids wird voraussichtlich von den Ozeanen "geschluckt" - das Gas löst sich im Wasser. Dadurch verändert sich die Chemie des Meeres. Das Wasser wird saurer, sein pH-Wert sinkt.

Es ist bekannt, dass dies einigen Meeresbewohnern schadet, insbesondere solchen, die ein kalkhaltiges Außenskelett besitzen. Dazu zählen Muscheln, Schnecken, Korallen oder Krebstiere. Bisher gingen Experten davon aus, dass Fische von den steigenden Kohlendioxid-Werten wenig beeinträchtigt werden. Sie seien in der Lage, ihren Säure-Base-Haushalt effektiv zu regulieren und könnten Veränderungen des pH-Werts somit ausgleichen - so lautete die Annahme. Die aktuellen Untersuchungen zeigen aber, dass dies nicht auf Eier und Larven zutrifft.

Andrea Frommel vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) und ihre Mitarbeiter hatten Eier und Larven des Kabeljaus in großen Versuchsbecken unterschiedlich hohen CO2-Konzentrationen ausgesetzt: einem Kontrollwert, der etwa beim heutigen Kohlendioxid-Anteil liegt, einem mittleren Wert, der gegen Ende des 21. Jahrhunderts erreicht sein wird, und einem hohen Wert, der mehr als zehnmal über dem heutigen Wert liegt, aber vor allen in Küstennähe zeitweise erreicht werden dürfte. An den Küsten kommt es zu einem Auftrieb an Wasser, das arm an Sauerstoff, aber reich an Kohlendioxid ist, schreiben die Forscher. Genau dort kommen die Larven des Kabeljaus vor.

Die Wachstumskurve der Larven veränderte sich bei hohen Kohlendioxid-Werten: Zwischen dem 25. und dem 46. Tag nach dem Schlüpfen wuchsen die Larven weiter, obwohl normalerweise zu diesem Zeitpunkt die Energie in die Entwicklung der inneren Organe gesteckt wird, berichten die Forscher. Außerdem bildeten die Fischlarven viel mehr Fette als Proteine und lagerten diese in den Organen ab. Das Gewebe vieler Organe wurde darüber hinaus stark geschädigt, etwa in Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse oder im Darm.

Insgesamt wiesen zwölf Prozent der Larven im mittleren und 75 Prozent im hohen CO2-Bereich starke Schäden in mehreren Geweben auf. Diese waren allerdings vorübergehend. Am Tag 46 waren an den Larven keine Schäden mehr sichtbar. Die Sterblichkeit der Fischlarven untersuchten die Forscher in ihren Experimenten nicht. Sie gehen aber davon aus, dass sich aufgrund der massiven Organverletzungen deutlich weniger Larven als üblich zu ausgewachsenen Fischen entwickeln werden.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kamen die Forscher um Hannes Baumann von der Stony Brook University (US-Staat New York). Sie hatten die Auswirkungen der Versauerung auf Eier und Larven des Gezeiten-Ährenfisches untersucht, der an den Flussmündungen entlang der Nordamerikanischen Atlantikküste lebt.

Setzten sie Eier und Larven bis zum Alter von einer Woche hohen Kohlendioxid-Werten (etwa tausend ppm) aus, verkürzte sich die Lebensdauer der Larven, und sie wuchsen weniger. Die Eier, so zeigten Versuche, waren am empfindlichsten für die steigenden Kohlendioxid-Werte. Auch ihre Untersuchung widerspreche der allgemeinen Annahme, dass die Ozean-Versauerung den Fischpopulationen nicht schade, schreiben die Wissenschaftler.

wbr/dpa



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