Debatte über Staatsform Scheitern Demokratien am Klimawandel?

Manche Forscher halten Demokratien für ungeeignet, um den Klimawandel zu stoppen. Sie glauben, Autokraten könnten Umweltschutz besser durchsetzen. Der Soziologe Nico Stehr widerspricht: Durchwursteln sei die beste Methode.

Ein Interview von

Brandung in Aberystwyth in Wales: "Es gibt keinen Masterplan"
DPA

Brandung in Aberystwyth in Wales: "Es gibt keinen Masterplan"


Seit beinahe 25 Jahren versucht die Weltgemeinschaft, den Klimawandel zu bremsen und den Ausstoß von Treibhausgasen zu beschränken. Doch nicht mal die hauptverantwortlichen Industriestaaten haben durchgreifende Fortschritte erzielt.

Liegt die Ursache darin, dass zu viele Leute mitbestimmen dürfen?

Das Klimaproblem überfordere Demokratien, womöglich wären effizientere Entscheidungswege notwendig, argumentieren unter anderem Star-Klimaforscher James Hansen von der Nasa, der ehemalige tschechische Ministerpräsident Vaclav Havel und diverse Wirtschafts- und Politikforscher.

Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der deutschen Bundesregierung (WBGU) schrieb in einem Gutachten, die Umstellung auf eine klimaschonende Weltwirtschaft sei "ein Test für die Zukunftsfähigkeit der Demokratie". Verwirkt die Demokratie etwa ihre Daseinsberechtigung?

Anlässlich seines Aufsatzes zum Thema im Wissenschaftsmagazin "Nature" kontert der Soziologe Nico Stehr die Bedenken im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Zur Person
  • Nico Stehr ist Inhaber der Karl-Mannheim-Professur für Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Er beschäftigt sich seit Langem mit Klimapolitik und gehört zu den renommiertesten deutschen Soziologen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Stehr, autokratische Gesellschaften wie China können ohne Rücksicht auf Wähler die besten Experten in die Regierung holen, müssen keine kurzfristigen Wahlversprechen einlösen, könnten Klimaschutz staatlich verordnen. Sind die nicht im Vorteil bei der Bekämpfung langfristiger, komplexer Probleme wie dem Klimawandel?

Stehr: Nein. Demokratische Gesellschaften sind lernfähiger, kreativer und anpassungsfähiger. Wissenschaftler aus demokratischen Staaten waren es übrigens auch, die Probleme wie das Ozonloch und den Klimawandel entdeckt haben - weil ergebnisoffen geforscht wird.

SPIEGEL ONLINE: Demokratien wursteln sich durch, sie beziehen möglichst alle Interessen ein. Aber können sie schnell genug auf Probleme reagieren, die in der Zukunft liegen?

Stehr: Es gibt jedenfalls keine Alternative zur demokratischen Willensbildung - gerade weil Durchwursteln, Flexibilität und Anpassung an sich verändernde Umstände Tugenden und die besten Methoden sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Stehr: Es gibt nie das eine große Problem, das mit einem Masterplan gelöst werden könnte, jedes Problem steht in Verbindung mit anderen: Der Klimaschutz etwa betrifft nicht nur den Energiesektor, sondern die gesamte Wirtschaft, Sozialsysteme, Bildung und kulturelle Werte. Eine Gesellschaft muss alles aufeinander abstimmen. Planwirtschaften können auf unvorhergesehene Fehlschläge ihrer Pläne oft nicht flexibel genug reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber Politikberater etwa in Deutschland beklagen, dass die vom Volk gewählten Politiker komplexe Probleme wie den Klimawandel oft nicht durchdringen und so leichtes Opfer von Lobbyisten würden.

Stehr: Das Lamentieren über die "lästige Demokratie" mit ihren dummen Bürgern und Politikern halte ich für einen Denkfehler. Entscheidungen sind oft eine Frage der eigenen Werte, sie beruhen also nicht nur auf wissenschaftlichen Erkenntnissen - Bürger und Politiker müssen also abwägen, nicht Wissenschaftler.

SPIEGEL ONLINE: Auf Grundlage lückenhafter Informationen?

Stehr: Man braucht nicht alle Informationen, um Entscheidungen zu treffen. Mit der Unvollkommenheit lebt es sich am besten in Demokratien, die ihre Entschlüsse eher korrigieren.

SPIEGEL ONLINE: Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) schlägt vor, Klimaschutz als Menschheitsziel der Vereinten Nationen und in der deutschen Verfassung festzuschreiben.

Stehr: Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen, aber welche Folgen hätte es? Staaten werden ihre Souveränität kaum aufgeben. Und als Verfassungszusatz bliebe die Frage, welche Handlungen dann als Verstöße gegen Nachhaltigkeit gewertet würden - da gäbe es riesigen Deutungsspielraum.

SPIEGEL ONLINE: Expertengremien könnten sich zuständig fühlen zu entscheiden.

Stehr: Wir müssen beim Klimaschutz aufpassen, nicht in die Falle zu gehen, vor der der Philosoph Friedrich August von Hayek warnte: Unter dem Eindruck, ihr Wissen mehre sich stetig, glauben manche Wissenschaftler, wir könnten "eine umfassende und bewusstere Lenkung aller menschlichen Tätigkeiten" anstreben. "Und aus diesem Grunde", so fügte Hayek resignierend hinzu, "werden die Menschen, die vom Fortschritt des Wissens berauscht sind, oft zu Feinden der Freiheit." Aber es sind die Bürger, die entscheiden sollten.

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Wie steht es um den Klimavertrag?

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insgesamt 99 Beiträge
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alt_f4 25.09.2015
1. Die Mär vom menschenbedingenten (anthropogenen) Klimawandel
der Klimawandel ist so alt wie das Klima. Bitte erinnern wir uns wie man uns früher ausschliesslich vom Treibhauseffekt wg der sogenennten Treibhausgase sprach. Als das nicht mehr haltbar war sprach man vom "Klima-Wandel" durch den Menschen. Auch unsere Nachbarplaneten erwärmen sich und kühlen wieder ab in gewissen Zeiträumen. Gibt es denn Menschen dort? Nein, nur die Sonne...
Thagdal 25.09.2015
2.
Es gibt Dinge, die brauchen in einer Demokratie eben etwas länger. Das Problem ist, dass es zu lange dauert, bis es alle weit genug verstanden haben, um sich ein qualifiziertes Urteil bilden zu können. Bei den Menschenrechten war/ist es ja ähnlich. Es gibt genug Leute, die, aus welchen Gründen auch immer, die Zusammenhänge nicht begreifen oder begreifen wollen und dagegen an gehen. Einzelne Menschen mögen schlau sein, aber die Menschheit als Spezies unterscheidet sich nicht groß von einem Schwarm Termiten.
scottbreed 25.09.2015
3. Ja kann schon sein
Ich habe als beispiel nen Wetter app die die letzten Jahre als Vergleichs Grafik darstellt und ja der diesige Sommer war wärmer als der letzte aber der Herbst dieses Jahr ist deutlich kühler als der letzte... ich sehe das mit dem Klima völlig easy... und wenn man sowas ändern will und von Demokratie redet, welche Demokratie ist denn gemeint? Unsere vorgetäuschte Demokratie? Oder die 2 Parteien Demokratie ist Amerika? Ich glaube das einzige Land was ne halbwegs echte Demokratie hat ist die Schweiz oder Schweden.. Da werden Bürger bei den Entscheidungen miteinbezogen auch in den Befragungen.. ich habe zwar gewisse Parteien gewählt aber nicht die Merkel.. und der nsa BND und VW Skandal zeigt dich deutlich was wir hier in Deutschland für ne Staatsform haben..
felisconcolor 25.09.2015
4. nun ja
"Bürger und Politiker müssen also abwägen, nicht Wissenschaftler." wohin das führt sehen wir hier im Ländle ziemlich gut. Sind wohl alles "Chaos-Experten". Allerdings sollten die Wissenschaftler auch Wissenschaftler sein und nicht irgendwelche "Experten" dieser Schlaumigruppen die überall bei jedem Kram aus dem Boden schiessen wie Pilze. Wenn die Sch... aus dem Klo kommt will ich nicht erst abwägen, da muss gehandelt werden.
OL3C 25.09.2015
5.
Lesen Sie wenigstens den Wiki-Artikel dazu. Noch besser die angegebene Literatur (ja auch die der Kritiker) und die dazugehörigen Diskussionsseiten. Ist ja nicht so, dass es keine Studien oder Paper gibt, die den Einfluss der Sonne rausrechnen.
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