CO2-Budget der Menschheit Leben am Limit

Lässt sich die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad begrenzen? Bisher bezweifelten Klimaforscher das. Nun kommt eine neue Studie zu anderen Ergebnissen - und sorgt für Streit.

Kohlekraftwerk in Hanau (Archivbild)
REUTERS

Kohlekraftwerk in Hanau (Archivbild)

Von


Der Jubel war groß, als der Weltklimavertrag von Paris endlich ausgehandelt war. Auf 2,0 Grad Celsius solle die Erderwärmung begrenzt werden, möglichst sogar auf 1,5 Grad. Von einem historischen Durchbruch war die Rede. Alle Staaten hatten sich vor knapp zwei Jahren zum Klimaschutz bekannt.

Die Euphorie von damals ist längst verflogen. Das liegt nicht nur an Donald Trump, der im Sommer den Ausstieg der USA aus dem Abkommen verkündete. Klimaforscher hatten schon in Paris ernsthafte Zweifel angemeldet, ob die ehrgeizigen Ziele überhaupt noch zu schaffen sind.

Eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad gilt als unrealistisch, dafür müsste massenhaft CO2 aus der Atmosphäre geholt werden, etwa durch Plantagen. Die Temperaturen liegen ja bereits heute 1,0 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Und auch das Zwei-Grad-Ziel ist wohl nur zu schaffen, wenn die Menschheit in den kommenden 20, 30 Jahren die CO2-Emissionen entschlossen auf null drückt. Danach sieht es bislang nicht aus.

Limit bei 800 Gigatonnen CO2

Doch glaubt man einer neuen, im Fachblatt "Nature Geoscience" veröffentlichten Studie, ist die Lage nicht ganz so dramatisch. Das 1,5-Grad-Ziel sei noch erreichbar, erklärt Richard Millar von der Oxford University. Die in Paris formulierten Ziele seien geophysikalisch nicht ausgeschlossen. Dafür müssten sich die Staaten aber zu deutlich ambitionierteren CO2-Reduktionen verpflichten als bislang geschehen.

Das Team von Millar hat in seiner Studie berechnet, wie viel Kohlendioxid die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten noch ausstoßen darf, damit die Temperaturen sich höchstens 1,5 Grad erhöhen. Pro Jahr pusten Schornsteine und Auspuffe derzeit 41 Gigatonnen in die Atmosphäre. Laut den neuen Berechnungen dürfen es ab 2018 noch weitere 800 Gigatonnen sein.

Dies entspricht 19 Jahren mit jeweils 41 Gigatonnen. Oder fast 40 Jahren, wenn die Emissionen in diesem Zeitraum linear von 41 auf null sinken.

Das neu berechnete CO2-Budget sei etwa viermal größer als bisherige Werte zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels, sagt Pierre Friedlingstein von der University of Exeter, Co-Autor der Studie. "Das sind sehr gute Nachrichten, wenn es um die Erreichbarkeit der Ziele von Paris geht."

Emissionen auf null senken

Das Konzept des CO2-Budgets nutzen Klimaforscher schon länger. Die Idee dahinter: Der Großteil des ausgestoßenen CO2 verbleibt lange in der Atmosphäre. Und dort entfaltet es dann entsprechend lange seine klimaschädliche Wirkung. Selbst wenn die Menschheit zwischenzeitlich schon komplett auf erneuerbare Energie umgestiegen ist - klimawirksam ist die CO2-Gesamtmenge in der Atmosphäre, auch wenn die dafür verantwortlichen Emissionen schon Jahre zurückliegen.

Warum das nun berechnete CO2-Budget deutlich größer ist als die Werte, die Klimaforscher bislang genannt haben, kann Millar nicht erklären. "Ich möchte die von Kollegen berechneten Zahlen nicht kommentieren. Wir haben uns, soweit es möglich war, auf Messdaten gestützt und nicht auf Daten, die aus Simulationen stammen."

Eine andere Forschergruppe hatte kürzlich im Fachblatt "Nature" ein verbleibendes CO2-Budget von 600 Gigatonnen genannt. Das sind 200 Gigatonnen weniger als in der Millar-Studie. Und dieses kleinere Budget soll die Erwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von nur 50 Prozent auf 1,5 Grad begrenzen.

Entsprechend dramatisch schildern Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und seine Kollegen die Lage: Möglichst bald müssten die globalen Emissionen von Jahr zu Jahr deutlich sinken - zum Beispiel ab 2020 nahezu linear bis zum Jahr 2040, wo sie dann bei null ankommen. Denn nur dann wird das Budget von 600 Gigatonnen eingehalten - siehe folgende Grafik:

Beispiele für Emissionskurven bei CO2-Budget von 600 oder 800 Gigatonnen
SPIEGEL ONLINE

Beispiele für Emissionskurven bei CO2-Budget von 600 oder 800 Gigatonnen

"Je schneller wir die Wende hinkriegen, umso sanfter können wir die CO2-Emissionen senken", meint Rahmstorf. Das sei auch kostengünstiger. Wenn die Absenkung erst 2025 beginne, müsse man schon im Jahr 2034 bei Emissionen von Null ankommen.

Zugleich betont Rahmstorf, es gebe "große Unsicherheiten über das Budget". Je nach Rechenmodell und den gemachten Annahmen liege das Budget zum Erreichen der Pariser Klimaziele zwischen 150 und 1050 Gigatonnen.

Die große Bandbreite im Budget lässt sich auch damit erklären, dass in Paris eigentlich zwei Temperaturziele beschlossen wurden - nämlich 1,5 Grad und unter 2,0 Grad. Und hinter diesen natürlich unterschiedlich große Budgets stehen.

Welche Zahl stimmt?

Die neue Studie, die auf ein Budget von 800 Gigatonnen für 1,5 Grad Erwärmung kommt, hält der Potsdamer Klimaforscher für nicht plausibel. Man sei mit der aktuellen Erwärmung von 1,0 Grad schon sehr nah dran an diesem Wert. Und die aktuell erreichte CO2-Konzentration in der Atmosphäre würde für sich schon reichen, um die Temperaturen in den kommenden Jahren weiter steigen zu lassen.

Für Politiker und Bürger erweist sich die Debatte um das CO2-Budget der Menschheit als schwierig. Wem soll man nun glauben, wenn man Ziele von Paris noch erreichen will? Die einen empfehlen 600 Gigatonnen für 1,5 Grad, die anderen 800 für 1,5 Grad, der Wert könnte jedoch auch bei 150 oder 1050 liegen!

Emissionsziele nicht mehr zu schaffen

Es gibt sogar noch eine weitere Unsicherheit, die zwar beileibe nicht so groß ist, aber immerhin das Zwei-Grad-Ziel betrifft. Laut dem Pariser Klimaabkommen wird der Temperaturanstieg im Vergleich zur vorindustriellen Zeit gemessen. Zwei Grad - das ist an sich eine präzise Angabe, der Begriff der vorindustriellen Zeit hingegen nicht.

Zum einen ist unklar, wann genau denn nun diese vorindustrielle Zeit geendet haben soll. 1780? Oder 1880? Zum anderen sind sich Klimaforscher uneins, wie hoch die Durchschnittstemperatur auf der Erde von 150 oder 200 Jahren war. Für Regionen wie die Arktis fehlen Messdaten - die Temperaturen werden dann mit Modellen berechnet - mit je nach Modell etwas anderen Ergebnissen.

Riskante Wette

Und so kommt es, dass es bei der Berechnung des 1,5- oder 2,0-Grad-Ziels noch einen Spielraum von 0,1 oder 0,2 Grad gibt. Das sei ein vergleichsweise kleiner Wert, erklären Klimaforscher. Aber wenn man das vorindustrielle Zeitalter und die Annahmen zu den damals herrschenden Temperaturen passend wählt, hat man 0,2 Grad extra, um die sich die Erde erwärmen kann, ohne dass man das 1,5-Gradziel aufgeben muss.

Die Wahrheit über die Erwärmung

Für die kommenden Jahre verheißen all die Unsicherheiten nichts Gutes. Klimaschutz, also Vorsorge für die nächsten Generationen, zahlt sich für Politiker bislang ohnehin kaum aus - im Gegenteil. Wer zum Beispiel eine wirksame CO2-Steuer einführt, muss Flüge, Benzin und Kohle verteuern und riskiert, nicht mehr wiedergewählt zu werden.

Und wenn Klimaforscher sich uneins sind, wann die Menschheit denn nun am besten die Kurve bei den Emissionen kriegen sollte, verschieben Politiker das Thema Klimaschutz dankbar in die nächste Legislaturperiode.

So wird Klimapolitik im schlechtesten Fall eine riskante Wette auf die Zukunft. Aus Angst vor zu radikalen Einschnitten senkt die Menschheit ihren CO2-Ausstoß nur langsam - und hofft insgeheim darauf, dass schon alles nicht so schlimm kommen wird.

Zusammengefasst: Bislang zweifelten Forscher daran, ob das in Paris beschlossene Ziel von maximal 1,5 Grad Erderwärmung überhaupt noch zu schaffen ist. Eine neue Berechnung kommt nun zum Ergebnis, dass die Menschheit noch 800 Gigatonnen CO2 emittieren - und das Ziel trotzdem erreicht werden kann. Das CO2-Budget wäre damit deutlich größer als bislang gedacht. Doch es gibt Zweifel an der neuen Studie.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.