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Klimawandel: Studie warnt vor neuer Gefahr für Grönlands Gletscher

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Arktis: Tauwetter im hohen Norden Fotos
UN Photo/Mark Garten

Alarmsignale aus Grönland: Die arktischen Festlandgletscher könnten laut einer neuen Studie wesentlich schneller schwinden als bisher angenommen. Die Folge wäre ein Meeresspiegel-Anstieg um mehr als einen Meter bis zum Jahr 2100. Weite Küstengebiete würden versinken.

Es ist gerade die Zeit für die ganz großen Gesten und markante Bilder. Der Uno-Generalsekretär etwa hat sich einen besonders symbolträchtigen Ort für sein Statement ausgesucht. Direkt auf dem arktischen Meereis nahe der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen diktierte Ban Ki Moon am Dienstagabend in die Notizblöcke der mitreisenden Journalisten, dass er sich um die Zukunft der Arktis große Sorgen mache. "Hier auf dem polaren Eis fühle ich die Kraft der Natur und habe gleichzeitig ein Gefühl für die Verwundbarkeit", erklärte der nicht selten als emotionslos verschriene Südkoreaner, nachdem er in einem signalfarbenen Überlebensanzug vom Küstenwachschiff "KV Svalbard" auf den gefrorenen Ozean getreten war. "Wir müssen alles tun, um dieses arktische Eis zu schützen."

Nur wenige Stunden später lieferte die Umweltschutzorganisation WWF die nächsten symbolträchtigen Bilder, diesmal in Berlin. Hier stellten Aktivisten auf dem Gendarmenmarkt 1000 Eisfiguren auf - die prompt damit begannen, eindrucksvoll in der Spätsommersonne dahinzuschmelzen.

Warnung vor dramatischen globalen Folgen

Wie viel tatsächlich durch die Klimaveränderungen in der Arktis auf dem Spiel steht, belegt eindrucksvoll ein neuer Bericht des WWF, der zeitgleich vorgestellt wurde. Die Autoren sind angesehene Forscher, einige von ihnen haben wichtige Beiträge zum letzten Uno-Weltklimabericht geliefert. Die Publikation ging außerdem durch das "peer review" genannte Prüfungsverfahren, das auch bei wissenschaftlichen Publikationen Standard ist.

Das 100-seitige Papier mit dem Titel "The Arctic Climate Feedbacks: Global Implications" beschreibt selbstverstärkende Mechanismen, die der Klimawandel in der Arktis auslöst. Dazu gehört zum Beispiel die erhöhte Wärmespeicherung durch den Umstand, dass immer mehr weiße, reflektierende Eisoberfläche verschwindet - und die Sonnenenergie dann nicht mehr direkt ins All zurückgestrahlt wird. Außerdem berichtet der Report detailliert über Veränderungen bei der atmosphärischen Zirkulation, bei Meeresströmungen, die durch schmelzendes Süßwassereis durcheinanderkommen - und der Freisetzung von Treibhausgasen aus dem arktischen Permafrost.

"Wenn es uns nicht gelingt, die Arktis kalt zu halten, dann werden Menschen in der gesamten Welt unter den Folgen zu leiden haben", warnt Martin Sommerkorn vom WWF-Arktisprogramm. So heißt es etwa in dem Bericht, dass die Meeresspiegel durch das beschleunigte Abschmelzen der grönländischen Gletscher in den nächsten 100 Jahren um mehr als einen Meter steigen könnten - also deutlich mehr, als der Uno-Klimarat IPCC zuletzt prognostiziert hatte. Bis zu ein Viertel der Menschheit sei dadurch direkt bedroht.

Subtropisches Wasser in den Fjorden

Neueste Messungen deuten in der Tat darauf hin, dass Grönlands Gletscher akut gefährdet sind - und zwar durch wärmere Meeresströmungen. Dabei handelt es sich um warmes, subtropisches Wasser, das durch Veränderungen des Nordatlantikstroms bis nach Grönland und in die Fjorde vor die Gletscher gelangt.

Das Phänomen ist seit einiger Zeit bekannt. Doch bisher gab es noch nicht besonders viele Messwerte, die das Wirken des subtropischen Wassers auch in der Praxis belegten. Ein Forscherteam auf dem Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise", zu dem unter anderem Gordon Hamilton von der University of Maine und Fiamma Straneo von der Woods Hole Oceanograpic Institution gehören, glaubt nun, direkte Belege dafür gefunden zu haben.

Die Forscher haben bis in 900 Meter Tiefe die Temperatur des Wassers und dessen Leitfähigkeit, die Aussagen zum Salzgehalt ermöglicht, gemessen. Besonders alarmiert waren die Wissenschaftler im Sermilik-Fjord. Dort, am Rande des Helheim-Gletschers, haben sie Wassertemperaturen von drei Grad nachgewiesen. Auch im Kangerdlugssuaq-Fjord am gleichnamigen Gletscher waren die Wassertemperaturen mit 0,5 bis 1 Grad noch deutlich über dem Gefrierpunkt.

Das bedeutet, dass die Gletscher womöglich von unten angefressen werden - und deutlich schneller ins Meer rutschen könnten. "Die Erwärmung der Atmosphäre und der Ozeane macht es unmöglich, dass die Gletscherzungen nachwachsen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass wir weiterhin große Mengen Eis verlieren", warnte der dänische Chefglaziologe Andreas Peter Ahlstrøm bereits im Juli im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das warme Wasser könnte daran entscheidend beteiligt sein.

"Diese Messungen sind Teil der alarmierenden Veränderungen, die wir in der gesamten Arktis sehen", sagt Forscherin Straneo nun zu SPIEGEL ONLINE. "Diese Messungen sind auch wichtig, weil sie uns zeigen, dass Grönlands Eisschild schnell von Veränderungen in den Weltmeeren erreicht wird." Diese Verbindung sei in den bisherigen Klimamodellen "weitgehend ignoriert worden".

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