Klimawandel US-Regierung soll Nasa-Experten zensiert haben

Hat die Regierung von US-Präsident George W. Bush Angst vor den Forschungsergebnissen ihrer eigenen Wissenschaftler? In der "New York Times" erhob der Nasa-Klimaexperte James Hansen schwere Vorwürfe: Die Regierung wolle ihn mundtot machen.


New York - Erst letzte Woche hatte James Hansen erklärt, im vergangenen Jahr sei die höchste jährliche weltweite Oberflächen-Durchschnittstemperatur gemessen worden. Für die zunehmende Erwärmung machte der Klimaexperte der US-Raumfahrtbehörde Nasa vor allem Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan verantwortlich.

Temperaturkarte (2005): Politisch brisantes Thema Erderwärmung
REUTERS

Temperaturkarte (2005): Politisch brisantes Thema Erderwärmung

Gestern hat Hansen, Direktor des Nasa Goddard Institute for Space Studies, in der "New York Times" die Bush-Regierung scharf angegriffen. Er sei von der Abteilung für öffentliche Angelegenheiten unter Druck gesetzt worden. Das Nasa-Hauptquartier habe angeordnet, sowohl seine geplanten Veröffentlichungen und Vorlesungen als auch Einträge auf der Goddard-Website zu begutachten. Auch Interviewanfragen von Journalisten müssten abgesegnet werden. "Sie halten es für ihre Aufgabe, die an die Öffentlichkeit gehenden Informationen zu zensieren", erklärte Hansen der Zeitung.

Dean Acosta, ein Koordinator des Öffentlichkeitsbüros der Nasa, widersprach umgehend. Es gebe keinerlei Bestrebungen, Hansen mundtot zu machen. Allerdings sollten politische Statements Politikern und ihren Sprechern überlassen werden. Letztlich gehe es aber nicht um Einzelthemen wie Erderwärmung, sondern um "Koordination" von Informationen.

Hansen widersprach deutlich: Solche Maßnahmen hätten schon zuvor verhindert, dass die Öffentlichkeit in vollem Ausmaß die Risiken des aktuellen Klimawandels erfassen könnte. "Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist wesentlich", sagte der Wissenschaftler dem Blatt. "Die öffentliche Besorgnis ist vielleicht das einzige, was die Durchsetzung von Einzelinteressen in dieser Sache verhindern kann."

Hansen ist unter anderem für Computersimulationen des globalen Klimas zuständig. Seit 1988 hat er der "New York Times" zufolge wiederholt öffentlich vor den Gefahren des Treibhausgas-Ausstoßes gewarnt. Der Druck auf ihn habe nach einem Vortrag vor der American Geophysical Union begonnen, in dem er erklärte hatte, eine deutliche Verringerung der Emissionsmengen könnte mit bereits vorhandener Technik erreicht werden.

Nach Anrufen aus dem Nasa-Hauptquartier hätten ihn Vertreter der Abteilung für öffentliche Angelegenheiten Konsequenzen angedroht, sollte er solche Aussagen wiederholen. Zu den Restriktionen, von denen Hansen der "New York Times" berichtete und die in einem der Zeitung zugänglichen Papier vorliegen, gehöre die Möglichkeit, den Wissenschaftler bei öffentlichen Auftritten zu ersetzen.



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