Klimawandel: Weltbank warnt vor Vier-Grad-Katastrophe

Überflutete Küstenstädte, verheerende Wirbelstürme, massive Dürren: Kurz vor der nächsten Uno-Klimakonferenz warnt die Weltbank vor katastrophalen Folgen der Erderwärmung. Der simple Grund: Nichts deutet darauf hin, dass die Menschheit den Treibhausgas-Ausstoß in den Griff bekommt.

Zerstörungen in New York nach Hurrikan "Sandy": Nur ein Vorgeschmack der Zukunft? Zur Großansicht
REUTERS

Zerstörungen in New York nach Hurrikan "Sandy": Nur ein Vorgeschmack der Zukunft?

Berlin/Potsdam - Das Timing dürfte kein Zufall sein - und es besitzt eine gewisse Ironie. Genau eine Woche vor Beginn der nächsten Uno-Klimakonferenz warnt die Weltbank vor geradezu apokalyptischen Folgen des Klimawandels. Zugleich erwartet niemand ernsthaft, dass der Kampf gegen die globale Erwärmung bei dem Treffen in Katars Hauptstadt Doha nennenswert vorankommen wird. Trotz zweier Jahrzehnte internationaler Klimaschutzpolitik eilt der Treibhausgas-Ausstoß der Menschheit von Rekord zu Rekord.

Deshalb könnte der Report, den das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und der Berliner Think-Tank Climate Analytics für die Weltbank geschrieben haben, ein realistischer Ausblick in die Zukunft sein: Die Erde erwärmt sich bis zum Ende des Jahrhunderts um vier Grad.

Wissenschaftler haben bisher einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten als Schwelle genannt, bis zu der die Folgen gerade noch beherrschbar bleiben. Zwar sind diese zwei Grad eher ein politisches Ziel als ein harter wissenschaftlicher Fakt: Was mit dem Meeresspiegel, den Ökosystemen, den globalen Gletschern und den Wirbelstürmen in einer zwei Grad wärmeren Welt geschehen würde, weiß niemand genau. Sollte die Temperatur aber gleich um vier Grad steigen, würde es in manchen Erdregionen ziemlich ungemütlich werden - darüber herrscht in Fachkreisen weitgehende Einigkeit.

Massiver Anstieg des Meeresspiegels

Um 0,8 Grad ist es seit Beginn der Industrialisierung bereits wärmer geworden. Experten der Initiative Climate Action Tracker etwa rechnen damit, dass es gegen Ende dieses Jahrhunderts rund 3,3 Grad sein werden. Im besten Fall steigen die Temperaturen demnach um 2,6, im schlechtesten Fall um 4,1 Grad.

Was dann geschähe, rechnen nun die Forscher von PIK und Climate Analytics vor: Der Meeresspiegel würde um einen halben bis einen Meter steigen, wahrscheinlich mehr. Für das Jahr 2300 erwarten die Experten einen Anstieg von 1,5 bis 4 Metern. Dabei seien die Auswirkungen regional sehr unterschiedlich, abhängig von Meeresströmungen und anderen Faktoren. Die Atlantikküste Nordamerikas etwa gehört zu den Gebieten, denen bisherige Studien einen überproportionalen Anstieg des Meeresspiegels vorhergesagt haben. Katastrophen wie der Hurrikan "Sandy" dürften für Städte wie New York damit nur ein Vorgeschmack gewesen sein.

Noch stärker betroffen wären allerdings Städte in Mosambik, Mexiko, Venezuela, Indien, Bangladesch, Indonesien, den Philippinen and Vietnam. Insbesondere kleinen Inselstaaten würde der Untergang drohen. Unter Verweis auf eine Studie über die Folgen eines Anstiegs des Meeresspiegels um einen Meter in der Karibik beziffern die Autoren die Kosten für Landverlust, Umsiedlung und Neubau bis zum Jahr 2080 auf insgesamt 68,2 Milliarden US-Dollar. Das entspreche etwa acht Prozent des für 2080 prognostizierten Bruttoinlandsprodukts der kleinen Inselstaaten. Verluste im Tourismus und der Landwirtschaft würden sich zudem in den 2080er Jahren auf rund 13,5 Milliarden Dollar jährlich belaufen.

"Die planetarische Maschinerie neigt zu Bocksprüngen"

Während in einigen Weltregionen die Gefahr von Starkregenfällen dramatisch ansteigen könnte, wären andere vermehrt von Dürren betroffen. Einen drastischen Wassermangel sagen die Wissenschaftler vor allem für Südeuropa, Afrika, weite Teile Nord- und Südamerikas sowie Südaustralien voraus. Flüsse wie die Donau, der Mississippi oder der Amazonas könnten in Zukunft deutlich weniger Wasser führen, der Nil oder der Ganges hingegen deutlich mehr. Insgesamt rechnen die Forscher mit einer signifikanten Zunahme von Wetterextremen.

Sorge bereiten darüber hinaus vor allem die sogenannten Kipppunkte, deren Überschreiten nur noch schwerlich rückgängig zu machen wäre. "Die planetarische Maschinerie neigt zu Bocksprüngen, also unverhältnismäßigen Reaktionen auf Störungen, wie sie der menschengemachte Treibhauseffekt mit sich bringt", sagte PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber. Wenn die Erderwärmung mehr als zwei Grad betrage, laufe die Menschheit Gefahr, diese Kipppunkte zu überschreiten. Dies könnte bei den weltweit vom Kollaps bedrohten Korallenriffen der Fall sein, oder beim kilometerdicken Eisschild Grönlands.

Die Weltbank hat die Regierungen nun dazu aufgerufen, die rund eine Billion US-Dollar (etwa 775 Milliarden Euro) schweren Subventionen für Kohle und andere fossile Brennstoffe in alternative Energien umzulenken. "Eine vier Grad wärmere Welt kann und muss vermieden werden", sagte der neue Weltbank-Chef Jim Yong Kim. "Wir müssen die Erwärmung unter zwei Grad halten." Auch der Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon appellierte an alle Staats- und Regierungschefs, sich an ihre Verpflichtung zu halten, bis 2015 ein rechtlich verbindliches Abkommen auszuhandeln.

mbe/dapd/dpa

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insgesamt 154 Beiträge
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1. Wie bitte?
otto_iii 19.11.2012
68,2 Milliarden Dollar Schäden allein bis 2080?? Das ist doch wohl ein Witz!! Wir werden allein in Deutschland und nur bis 2020 schon mehr für die Subventionierung der Photovoltaik ausgegeben haben! Wann sehen wir endlich ein, dass der Klimawandel sowieso nicht zu verhindern ist und die sinnloserweise für die CO2-Vermeidung verpulverten Milliardenbeträge bei der Bewältigung der Folgen des Klimawandels weit besser angelegt wären.
2.
soulbrother 19.11.2012
Zitat von sysopÜberflutete Küstenstädte, verheerende Wirbelstürme, massive Dürren: Kurz vor der nächsten Uno-Klimakonferenz warnt die Weltbank vor katastrophalen Folgen der Erderwärmung. Der simple Grund: Nichts deutet darauf hin, dass die Menschheit den Treibhausgas-Ausstoß in den Griff bekommt. Klimawandel: Weltbank warnt vor Erwärmung um vier Grad - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-weltbank-warnt-vor-erwaermung-um-vier-grad-a-867997.html)
Da ohne Energie nichts geht, kann das Ziel nur ein vollständiger Umstieg auf regenerative Energien sein - weltweit.
3. Klimawandel
rolandjulius 19.11.2012
Solange die Neo-liberalen an der Macht sind ,werden alle Argumente der Wissenschaftler vom Tisch gewischt. Keiner, der nur an seinen Profit denkt, wird sich die neuesten Erkenntnisse zu Gemüte führen.
4. Herrlich - wirklich!!
Doctor Feelgood 19.11.2012
Das hat echten Erheiterungswert: die Winter werden immer kälter, der nächste ist bereits als SEHR kalt prognostiziert - und Herr Schellnhuber und seine Mannen predigen uns in konstanter Realitätsresistenz eine Temperatursteigerung um volle vier Grad. Die vier Grad hätte ich gern, werter Herr Schellnhuber - dann hätten wir endlich einmal wieder einen Sommer. Aber immerhin sorgt der Mann für Unterhaltung...
5.
Olaf 19.11.2012
Zitat von sysopÜberflutete Küstenstädte, verheerende Wirbelstürme, massive Dürren: Kurz vor der nächsten Uno-Klimakonferenz warnt die Weltbank vor katastrophalen Folgen der Erderwärmung. Der simple Grund: Nichts deutet darauf hin, dass die Menschheit den Treibhausgas-Ausstoß in den Griff bekommt. Klimawandel: Weltbank warnt vor Erwärmung um vier Grad - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-weltbank-warnt-vor-erwaermung-um-vier-grad-a-867997.html)
Was so eine Weltbank alles weiß und kann ist erstaunlich. Hätten sie doch in ihrem ureigensten Gebiet, dem Bankenwesen, auch so prophetische Fähigkeiten gehabt und nachdrücklich gewarnt, uns wäre die Finanzkrise 2008 und die Eurokrise heute erspart geblieben. Aber die können sich eben auch nicht um alles kümmern.
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