Wirtschaftsstudie Wer gewinnt, wer verliert im Klimawandel?

Das Klima ändert sich, so viel steht fest. Aber wer steht auf der Gewinner-, wer auf der Verliererseite? Eine internationale Forschergruppe hat die Antwort gefunden. Sie wird Donald Trump nicht gefallen.

Weizenfeld, Windräder: Gewinnfaktoren im Klimawandel
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Weizenfeld, Windräder: Gewinnfaktoren im Klimawandel

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Wenn durch den Klimawandel Katastrophen drohen, vermutet man die größten Leidtragenden unter den Ärmsten der Armen: Menschen in Ländern mit geringem Wohlstand und großen klimatischen Extremen. Als besonders gefährdet gelten vor allem Schwellenländer. Reichen Industrienationen traut man eher zu, mit den Effekten des Klimawandels fertig zu werden.

Ganz falsch ist das nicht, zeigt eine aktuelle wirtschaftswissenschaftliche Studie - aber eben auch nicht ganz richtig. Tendenziell, behauptet die Studie, dürften die reichen, industrialisierten Nationen in den gemäßigten Zonen beim Klimawandel zwar eher glimpflich bis gut wegkommen. Zu den Hauptleidtragenden des drohenden Klimawandels dürften aber auch Nationen gehören, die besonders viel zu verlieren haben - und besonders rücksichtslos mit ihren Ressourcen umgehen.

Konkret heißt das: Deutschland könnte beim Klimawandel sogar gewinnen, die USA hingegen könnten zu den größten Verlierern gehören.

Das jedenfalls ist das Ergebnis einer wirtschaftswissenschaftlichen Studie, die unter Leitung von Katharine Ricke von der University of California in San Diego entstand. Die Fokussierung auf die Kosten führt zu anderen Ergebnissen als der bloße Blick auf ökologische Faktoren: Was Rickes internationale Forschungsgruppe interessierte, war die volkswirtschaftliche Rechnung des Klimawandels.

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Umwelt: Die wahren Krisenherde des Klimawandels

Und die fällt eben nicht nur für manche Schwellenländer besonders hoch aus, sondern auch für viele Industrienationen. Was US-Präsident Donald Trump, der zu den wenigen Staatenlenkern gehört, die den Klimawandel leugnen, kaum gefallen dürfte: Keine Nation des industriellen Westens wird durch den Klimawandel mehr geschädigt als die USA.

Was dagegen Umwelt- und Klimaschützer hierzulande irritieren dürfte: Die Studie sieht die Länder Europas eher auf der Gewinnerseite des Klimawandels - das gilt auch für Deutschland.

Methodik: Was analysiert die Studie eigentlich?

Rickes Studie ist die bisher wohl umfangreichste Bilanz der sogenannten "Social Costs of Carbon", kurz SCC. Definiert werden diese SCC als Summe des ökonomischen Schadens, der durch die Effekte der Emission einer Tonne Kohlendioxids in die Atmosphäre entsteht.

Diese Berechnungsgröße ist unter Wirtschaftswissenschaftlern populär, weil sie nicht nur mehrere Kosten verursachende Aspekte des Klimawandels erfasst, sondern sie auch in Relation zueinander setzt: Abhängig von ökonomischen wie ökologischen Faktoren kann die Emission von einer Tonne Kohlendioxid und die dadurch induzierte Klimaveränderung in verschiedenen Ländern ganz unterschiedliche Kosten verursachen oder - je nachdem, wie ein Staat auf die Bedrohung reagiert - sogar "Nutzen" bringen.

Grundsätzlich beziehen die SCC folgende Faktoren mit ein:

  • die direkten Kosten ökologischer Schäden: Umweltkatastrophen wie Stürme oder Dürren, Überschwemmungen, Ernteausfälle, Erosionsschäden etc.
  • Vermeidungs- oder Anpassungskosten: Umstellung von Energieversorgung, Nahrungsmittelproduktion, Deichsicherung, Wasserversorgung, Absicherungsmaßnahmen für sich durch Erosion oder Tauprozesse verändernde Landschaften, Umsiedlung gefährdeter Populationen etc.
  • Abmilderungskosten: die Kosten für Klimagas-Gegenmaßnahmen wie CO2-Senkung, die Erhaltung oder Aufforstung von Wäldern etc.

Viele dieser Klimafolgen gehen mit Veränderungen der Märkte einher, die im günstigsten Fall ebenfalls eingerechnet werden: Steigende oder fallende Preise für bestimmte Lebensmittel, Energiekosten, Baupreise und vieles mehr. Die Befürworter solcher Modelle schätzen sie wegen der Vielzahl eingerechneter Faktoren, die Kritiker bemängeln, dass die Hochrechnungen gerade deshalb extrem komplex und daher höchst unsicher seien.

Attraktiv ist an ihnen aber, dass der so komplexe Klimawandel unter dem Strich eine Art Preisschild angehängt bekommt: die totalen Kosten, mit denen er im jeweils betrachteten Land zu Buche schlägt.

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Die ökonomischen Hauptleidtragenden des Klimawandels

Rickes Studie führt so zu einer Art Hitliste der Nationen, die der Klimawandel besonders teuer zu stehen kommen könnte. Sie nennt dabei Mittelwerte, die auf fünf verschiedenen Modellrechnungen beruhen, in denen die einzelnen Faktoren unterschiedlich miteinander verrechnet werden. Tendenziell kommen alle Modelle zu ähnlichen Ergebnissen, variieren aber stark in ihren Ergebnissen. Beispiel Indien: Fünf verschiedene Modellrechnungen von extrem optimistisch bis extrem pessimistisch kommen zu Preisen von 49 bis 157 US-Dollar pro Tonne CO2-Emission, was zu einem Mittelwert von 86 Dollar verrechnet wird.

Die Verlierer:

  • Indien: Mit 86 US-Dollar pro Tonne CO2 fällt die Rechnung nirgendwo höher aus als in der 1,2-Milliarden-Nation. Dass Indien Unmassen von CO2 emittiert, macht die Sache nicht besser: Das Land könnte bis zu 21 Prozent der weltweiten Gesamtrechnung zu stemmen haben.
  • USA: Klimatisch extreme Zonen, in denen sich seit Langem bestehende Probleme verstärken dürften, sind ein Faktor. Der verschwenderische Umgang mit Ressourcen tut sein Übriges: Mit 48 Dollar berechnet Ricke die Emissionstonne CO2 für die USA, auf die elf Prozent der globalen Kosten entfallen könnten.
  • Saudi-Arabien: Der erkaufte Boom hat einen Preis, der kaum geringer ausfällt - 47 Dollar pro CO2-Tonne und ebenfalls ein Anteil von elf Prozent an der globalen Gesamtrechnung.
  • Brasilien, China und die Vereinigten Arabischen Emirate folgen gleichauf mit 24 Dollar pro Tonne.
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Nach "unten" führt die Studie keine echte Hitliste, denn die wäre sinnlos: "Rund 90 Prozent aller Nationen haben einen negativen SCC", heißt es im Text. Im Klartext: Sie gewinnen durch den Klimawandel.

So mancher "Gewinn" ist hier aber wohl virtuell: Unter den Gewinnern finden sich zahlreiche extrem arme Nationen, die über keine nennenswerten Industrien verfügen - wo nichts raucht, entstehen auch weniger Kosten. Echte Gewinner finden sich vor allem in den gemäßigten Zonen, deren Klimata "unterhalb des biologischen Optimums" lägen - wie beispielsweise Deutschland und der gesamte frostanfällige Rest Nordeuropas.

Das ist überraschend, aber nichts wirklich sensationell Neues. Auch das Fraunhofer Institut kam schon bei der Berechnung des deutschen "Integrierten Energie- und Klimaprogramms" zu dem Schluss, dass die Milliardeninvestments unter dem Strich nichts kosten, sondern Gewinne erbringen: 31 in den Klimaschutz investierte Milliarden Euro, glaubt Fraunhofer, dürften 36 Milliarden Euro Energieeinsparungen ergeben - ein Gewinn von fünf Milliarden. Die Ricke-Studie geht darüber hinaus davon aus, dass in den gemäßigten Breiten die Ernteerträge wachsen dürften.

So oder so gelte: "Für viele Länder könnten die Auswirkungen des Klimawandels eher durch grenzüberschreitende Effekte wie Störungen im Handel, Migrationsbewegungen großen Ausmaßes oder Haftungsfragen spürbar werden als durch örtliche Klimaschäden."

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Und wie im Falle der Hauptverlierer finden sich auch in der Liste der Gewinner unter den größeren Ländern Kandidaten, die man bei diesem Thema nicht unbedingt auf dem Radar hat.

Die Gewinner:

  • Deutschland: Mit einem SCC von -5,05 Dollar soll Deutschland der größte Gewinner unter den EU-Staaten werden, glauben die Forscher. Sie gehen dabei allerdings von einem konsequenten Ende der Kohleverfeuerung aus;
  • Kanada: Dünn besiedelt, wohlhabend und umwelttechnisch vorn dabei - die Kanadier, glauben die Studien-Autoren, könnten -8,22 Dollar für jede CO2-Tonne für sich verbuchen;
  • Russland: Der größte Gewinner im Klimawandel könnte jedoch Russland werden - mit einem SCC von -11,1 Dollar. Maßgeblich sind hier die riesigen Kornkammern des sich über zwei Kontinente erstreckenden, dünn besiedelten Landes: Wenn der Frost geht, könnte Russland zum möglicherweise wichtigsten Nahrungsmittelproduzenten der Welt werden.

Die Studie, an der Forscher aus mehreren Ländern beteiligt waren, wurde unter anderem aus Mitteln der EU gefördert.



insgesamt 84 Beiträge
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Rüdiger Rommel 24.09.2018
1. Sie wird Hr. Trump nicht im geringsten interessieren, und warum auch?
Die Studie scheint eher politisch motiviert zu sein als Wissenschaftlich fundiert. Und, Präsident Trumps USA werden die Pariser CO2 Reduktionsziele für 2020 locker erreichen. Deutschland wird diese um ca. 8% verfehlen. Bei der €€ Milliarden Umverteilungsmaschine 'Klimafonds' machen die USA nicht mehr mit, umso mehr wird Deutschland einzahlen dürfen...auch an Länder wie Klimasünder #1 China die auf Jahre hinaus keine Ziele einhalten müssen. Damit steht ein Verlierer schon fest, und es ist nicht die USA.
spiegkom 24.09.2018
2. Na ja
Eine Studie also u.a. auf der Basis von Carbon ("Social Costs of Carbon", kurz SCC"). Wir wissen heute, dass Carbon als Grundlage der Klimaerwärmung wissenschaftlich umstritten ist (es gibt da keinen Konsens, und es gibt auch keinen wissenschaftlichen Nachweis). Insofern kann man sich vieles ausdenken, ernst nehmen muss man das nicht unbedingt. Beispiel: Die Gewinne sollen u.a. auf Basis von Energieeinsparungen entstehen. Trotz größter Bemühungen klappt das aber z.B. in D nicht. Und solang es in D keine Geschwindkeitsbegrenzung gibt, ist die ganze Sach mit Klima ("5 vor 12" etc.) sowieso fraglich. Die menschne lassen sich letztlich dann doch hnicht veralbern.
labellen 24.09.2018
3. ein faktisch eher diffuser Artikel:
Für welchen Zeitraum wurden hier welche Faktoren einbezogen und welcher (hypothetische) Klimaverlauf liegt dem zugrunde?
Andre V 24.09.2018
4. Hambacher Forst
Wenn die "Aktivisten" im Hambacher Forst wüssten, dass sie für Donald Trump kämpfen, würden es ihnen glatt die veganen Sturmhauben wegwehen.
palla-manfred 24.09.2018
5. Über-Bevölkerung das bald explodierende Problem - aufwachen !!!
- in vier Tagen wächst die ErdBevölkerung "immer noch" in der GrössenOrdnung einer MILLIONEN-Stadt (Geburten und Längeres Leben) - oder wie vor 25 Jahren im SPIEGEL 10/1993 getitelt - "In jeder Sekunde drei Menschen mehr" - unsere deutschen "KlimaHilfMilliarden" wären tausend mal sinnvoller gegen o.g. "Reichtum" einsetzbar - mal Prof. Gerd Ganteför dazu "lesen und verstehen" - BRD-Anteil am C-O-2 Ausstoss liegt unter DREI Prozent ;-)
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