Interaktive Karte zur Erderwärmung So stark trifft der Klimawandel Ihren Ort

Historische Wetterdaten für mehr als 500 Orte in ganz Europa zeigen, wie sich der Kontinent erwärmt. Und welche Konsequenzen das für das tägliche Leben haben kann.

SPIEGEL ONLINE

Von Nicolas Kayser-Bril und Leonard Wallentin


Europa bekommt den Klimawandel zu spüren: Auf dem gesamten Kontinent hat sich die Temperatur über die vergangenen Jahrzehnte erhöht. Das zeigt eine Analyse von mehr als 100 Millionen meteorologischen Datenpunkten durch das European Data Journalism Network (EDJNet), dem auch der SPIEGEL angehört.

Die Daten des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) lassen den Temperaturanstieg in mehr als 500 Gebieten in ganz Europa nachvollziehen, darunter auch 61 deutsche Regionen.

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Erwärmung von
vergleichsweise langsam (ab +0,1 °C)
bis
vergleichsweise schnell (+2,5 °C und mehr)

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Woher kommen die Daten?

Für die Analyse wurden Daten des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) genutzt. Zum einen handelt es sich um den Datensatz ERA-20C für den Zeitraum von 1900 bis 1979, zum anderen um den Datensatz ERA-interim für den Zeitraum von 1979 bis 2017. (Die Zusammenführung der beiden Datensätze ist hier dokumentiert.)

Wie sind sie zu interpretieren?

Bei beiden Datensätzen handelt es sich um sogenannte Reanalysen. Das heißt die EZMW-Wissenschaftler haben Beobachtungen aus verschiedenen Quellen genutzt (Satelliten, Wetterstationen, Bojen, Wetterballons), um Temperaturen für Quadrate von etwa 80 Kilometern Seitenbreite (125 km für ERA-20C) zu berechnen. Das bedeutet: Die dargestellten Wettertrends beziehen sich nicht konkret auf eine Stadt, sondern auf die Rasterzelle, in der eine Stadt liegt.

Die EZMW-Daten berücksichtigen daher keine Mikroklimata oder "Wärmeinsel"-Effekte, sodass die tatsächliche Temperatur im Zentrum eines Orts wahrscheinlich ein bis zwei Grad wärmer war als der vom EZMW berechnete Wert.

Während Wetterstationen eine viel bessere Aufzeichnung für tägliche Beobachtungen bieten, ist die Verwendung der Reanalyse-Daten aber sehr viel besser geeignet für die Untersuchung langfristiger Trends. Diese bleiben zwischen den Rasterzellen vergleichbar. Wetterstationen hingegen können umziehen oder eine Stadt kann sich ausdehnen - das schränkt die Vergleichbarkeit von Messdaten beim Erstellen von hundertjährigen Trends ein.

Verwendete Forschungsarbeiten

de'Donato, Francesca K., et al. "Changes in the effect of heat on mortality in the last 20 years in nine European cities. Results from the PHASE project." International journal of environmental research and public health 12.12 (2015): 15567-15583.

Dee, D. P., Uppala, S. M., Simmons, A. J., Berrisford, P., Poli, P., Kobayashi, S., Andrae, U., Balmaseda, M. A., Balsamo, G., Bauer, P., Bechtold, P., Beljaars, A. C. M., van de Berg, L., Bidlot, J., Bormann, N., Delsol, C., Dragani, R., Fuentes, M., Geer, A. J., Haimberger, L., Healy, S. B., Hersbach, H., Hólm, E. V., Isaksen, L., Kållberg, P., Köhler, M., Matricardi, M., McNally, A. P., Monge-Sanz, B. M., Morcrette, J.-J., Park, B.-K., Peubey, C., de Rosnay, P., Tavolato, C., Thépaut, J.-N. and Vitart, F. (2011), The ERA-Interim reanalysis: configuration and performance of the data assimilation system. Q.J.R. Meteorol. Soc., 137: 553-597. doi: 10.1002/qj.828

Graff Zivin, Joshua, Solomon M. Hsiang, and Matthew Neidell. "Temperature and Human Capital in the Short and Long Run." Journal of the Association of Environmental and Resource Economists 5.1 (2018): 77-105.

Gray, J. S., et al. "Effects of climate change on ticks and tick-borne diseases in Europe." Interdisciplinary perspectives on infectious diseases (2009).

Laloyaux, P., Balmaseda, M., Dee, D., Mogensen, K. and Janssen, P. (2016), A coupled data assimilation system for climate reanalysis. Q.J.R. Meteorol. Soc., 142: 65-78. doi:10.1002/qj.2629

Larsen, Janet. "Plan B Updates", Earth Policy Institute, 28 July 2006.

Michailidou, Alexandra V., Christos Vlachokostas, and icolas Moussiopoulos. "Interactions between climate change and the tourism sector: Multiple-criteria decision analysis to assess mitigation and adaptation options in tourism areas." Tourism Management 55 (2016): 1-12.

Scott, D., and Chr Lemieux. "Weather and climate information for tourism." Procedia Environmental Sciences 1 (2010): 146-183.

Zeller, H., et al. "Mosquitoborne disease surveillance by the European Centre for Disease Prevention and Control." Clinical microbiology and infection 19.8 (2013): 693-698.

Wer ist EDJNet?

Im European Data Journalism Network (EDJNet) arbeiten Datenjournalisten aus verschiedenen europäischen Ländern zusammen. Die Recherche "Europa: ein Grad wärmer" lief unter der Federführung von J++ (Schweden) und OBC Transeuropa (Italien). Weitere beteiligte EDJNet-Partner waren Pod Crto (Slowenien), Mobile Reporter (Belgien), Rue89 (Frankreich), Alternatives Economiques (Frankreich), El Confidencial (Spanien) und SPIEGEL ONLINE (Deutschland).

Anmerkung: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt falsche Daten für 38 der 558 Gebiete (deutsche Orte waren nicht darunter). Die Angaben wurden korrigiert. Ferner war im Text von "heißen" und "kalten" Tagen die Rede. Um Verwechslungen mit der wissenschaftlichen Bedeutung dieser Begriffe zu vermeiden, werden nun die Begriffe "warme" und "kühle" Tage genutzt. Sie meinen eine relative Abweichung nach oben bzw. unten von der vor Ort üblichen Temperatur (Tagesmittel liegt um mehr als zwei Standardabweichungen über/unter dem normalen Mittel).

Technische Umsetzung: Frank Kalinowski

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insgesamt 195 Beiträge
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Seite 1
giostamm11 24.09.2018
1. Schuljahr
ich habe Bologna angeschaut.....das Schuljahr geht von September bis Anfangs Juni....also nicht in den heissesten Monaten....ab Ende Mai bis Ende August gibt es viele Tage und auch Wochen mit Temp über 30 Grad. Weder haben sich wie beschrieben die Strassen aufgelöst, noch die Schienen verbogen. Die HG flitzt mit 300kmh durch die erhitzte Ebene ohne zu entgleisen. Interessanter wäre es zu erfahren was mit den Wasserreserven passiert oder an der nahen Küste
rab17 24.09.2018
2. ausgezeichnet!
Habe es gerade für meine Stadt angesehen und es sieht echt vielversprechend aus. Ich freue mich. Und für die Weltbevölkerung ist es auch besser. Über 8 Mrd. Menschen ernährt man nur wenn es wärmer und feuchter wird.
bermany 24.09.2018
3. Nicht aussagefähig
Na dann ziehe ich eben aufs Land. Also die Klimaerwärmung für den Raum Deutschland auf 61 Städte zu begrenzen ist ja nun wirklich albern. Zeigt doch lieber eine flächendeckende Hochrechnung, das ist nicht nur anschaulicher sondern auch realistischer. So wird das nix, da werden nur die Leugner auf den Plan gerufen und zu denen zähle ich mich gewiss nicht
unaufgeregter 24.09.2018
4. Schöne Aussichten
Schon in diesem Jahr habe ich auf einen Urlaub im Süden gern verzichtet. Es war ein wunderbarer Sommer. Wenn ich mir die Werte auf der Karte für meine Stadt ansehe, bin ich begeistert und werde im nächsten Jahr Palmen für den Vorgarten anschaffen.
pera42 24.09.2018
5.
Zitat von rab17Habe es gerade für meine Stadt angesehen und es sieht echt vielversprechend aus. Ich freue mich. Und für die Weltbevölkerung ist es auch besser. Über 8 Mrd. Menschen ernährt man nur wenn es wärmer und feuchter wird.
Ich glaube du hast verpasst dass durch den Klimawandel mehr Menschen hungern. Das lässt sich schon heute an den Daten ablesen. Dazu gabs vor paar Tagen erst Nachrichten. Ist auch logisch, denn es wird nicht überall per-se feuchter. Die Wolken können zwar mehr Wasser speichern, das heißt aber weder das es öfter Regnet noch das es länger regnet sondern vor allem dass es extremer regnet - was Ernten eher zerstören kann. Andererseits kann die gesteigerte Speicherfähigkeit auch das Wasser wegtransportieren, wodurch es an einigen Orten weniger regnet aber stärker anstatt dass es weitläufiger regnet (was der Ernte zugute käme). Die gesteigerte Wassermenge der Atmosphäre kombiniert mit den langsamer ziehenden Tiefdruckgebieten sorgt für starke Überschwemmungen wie wir sie seit einigen Jahren beobachten können. Es ist schlimm zu sehen wie die Wissenschaftler Recht haben, man sieht ein deutliches Nord-Süd Gefälle in den Daten.
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