Kluge Krähen Cleveres Weibchen, dreistes Männchen

In einem Experiment zeigten Neukaledonische Krähen erstaunlichen Erfindergeist: Die Versuchstiere bastelten sich Angelhaken, um an schwer zugängliche Nahrung zu gelangen.

Von Hans-Arthur Marsiske


Krähenweibchen: Mit gebogenem Draht ans Futter
Science

Krähenweibchen: Mit gebogenem Draht ans Futter

Von der Zielstrebigkeit, mit der manche Vögel selbst gut versteckte Futterquellen aufspüren, können gestresste Landwirte ein Lied singen. Was allerdings Zoologen der Universität Oxford jetzt bei Neukaledonischen Krähen beobachteten, lässt unsere einheimischen Piepmätze wie Vorschüler aussehen.

Wie die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Science" berichten, hatten sie eigentlich ein Experiment durchführen wollen, bei dem zwei Krähen der Art Corvus moneduloides zwischen einem geraden Draht und einem zu einem Haken gebogenen wählen sollten, um damit einen kleinen Eimer mit Futter aus einer vertikalen Röhre zu heben. Beim fünften Durchlauf jedoch beobachteten sie, wie das Weibchen sich den geraden Draht selbst zurechtbog und erfolgreich als Angelhaken benutzte. Umso erstaunlicher, da beide Tiere bis dahin nicht mit Draht in Berührung gekommen waren. Ihre einzige Erfahrung mit biegsamem Material beschränkte sich auf eine Stunde freies Spiel mit Pfeifenreinigern ein Jahr vor dem Experiment.

Das Forschungsteam unter Leitung von Alex Kacelnik gestaltete die Versuchsanordnung daraufhin neu: Nunmehr wurde lediglich ein einzelnes, gerades Stück Draht auf die Röhre gelegt. Die Forscher mischten sich nicht ein, bis entweder einer der Vögel das Futter geborgen oder den Draht unerreichbar verloren hatte. Von 17 Versuchen verliefen zehn erfolgreich. Dabei gelangte einmal das Männchen mit dem geraden Draht an das Futter. Neunmal war das Weibchen erfolgreich, indem es den Draht zuvor zu einem Haken bog. Hierfür steckte es ihn entweder in das Klebeband am unteren Ende der Röhre oder hielt ihn mit den Füßen fest, um ihn dann mit dem Schnabel in die gewünschte Form zu bringen. Bei den erfolgreichen Versuchen brauchten die Krähen niemals länger als zwei Minuten, um an das Futter zu gelangen.

Zwar war aus Beobachtungen frei lebender Neukaledonischer Krähen schon bekannt, dass sie sich gezielt Werkzeuge herstellen. Das in diesem Experiment beobachtete Verfahren ist jedoch neu und würde mit den in den natürlichen Lebensräumen verfügbaren Materialien kaum funktionieren. Für besonders bemerkenswert halten die Forscher, dass das Verhalten spontan, ohne vorheriges Training oder vergleichbare Erfahrungen entstand. So etwas, betonen sie, sei ansonsten im Tierreich nahezu unbekannt.

Interessant ist allerdings auch das Verhalten des Männchens, das den Wissenschaftlern nur eine Fußnote wert ist: Da die Krähen sehr soziale Tiere sind, schreiben sie, hätten sie gemeinsam getestet werden müssen. Ansonsten wären sie für das Experiment nicht ausreichend motiviert gewesen. Das Männchen versuchte jedoch nur selten, selbst an die Nahrung zu gelangen. Stattdessen beobachtete es das Weibchen und nahm ihm dreimal das Futter weg. Das ist zwar nicht besonders nett - aber auch nicht wirklich dumm.



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