Rätselhafte Knorpelfische: Die Stachelrochen vom Ballermann

Von Kurt F. de Swaaf

Rätselhafte Stachelrochen: Paarungszeit vor Malle Fotos
Asociacion Ondine

Vor Mallorca sammeln sich Massen von Stachelrochen - zur Paarung. Sandlöcher im Meeresboden verraten die flüchtigen Knorpelfische. Dieses Jahr haben Forscher ungewöhnlich viele der rätselhaften Tiere in Strandnähe entdeckt.

An der Platja de S'Arenal an der Bucht von Palma, besser bekannt als "Ballermann", tummeln sich trinkfreudige Touristen. Kaum einer der Feierwütigen dürfte ahnen, was sich alljährlich wenige hundert Meter vom Ufer entfernt unter Wasser abspielt.

Hunderte Stachelrochen der Art Dasyatis pastinaca treffen im Frühjahr ein und bleiben bis in den Sommer in Küstennähe. Bei dem Stelldichein kommen sich die Geschlechter offensichtlich näher. An manche Stellen sieht es aus wie auf einer "Stachelrochen-Fiesta", berichtet der Berufstaucher Brad Robertson. Sein Team kam den geheimnisvollen Fischen in den vergangenen Wochen ganz nahe.

Robertson, gebürtiger Australier und seit 2009 auf Mallorca als Tauchlehrer und Unterwasserführer tätig, begegnete den Stachelrochen-Ansammlungen zum ersten Mal vor zwei Jahren. Ein mallorquinischer Fischereibiologe, Gabriel Morey, hatte ihm einen Hinweis gegeben. "Es war so überraschend, dass ich unbedingt wissen wollte, was sie dort machen."

Das war aber gar nicht so einfach in Erfahrung zu bringen. Die Mehrzahl der Insulaner kennt Stachelrochen höchstens als gelegentliche Erscheinung auf dem Fischmarkt, und auch die Wissenschaft hat bislang nur wenig Interesse an Dasyatis pastinaca gezeigt.

Von Dänemark bis Gibraltar

Ursprünglich war Dasyatis pastinaca an Europas Küsten von Dänemark bis Gibraltar und im gesamten Mittelmeer verbreitet. Inzwischen ist die Art vielerorts selten geworden, in Teilen der Biscaya gilt sie gar als ausgestorben. Das Problem des Beifangs stellt für Stachelrochen die größte Bedrohung dar, erklärt Gabriel Morey. "Sie sind keine kommerziell interessante Spezies." Dennoch landen die Knorpelfische häufig in den Netzen, was sie oft nicht überleben.

Experten fasziniert vor allem die Fortpflanzungsbiologie der Stachelrochen. Dasyatis pastinaca und verwandte Arten sind lebendgebärend. Die Weibchen haben einen echten Uterus, und dieser ist sogar mit Milchdrüsen zur Ernährung der heranwachsenden Embryonen ausgestattet. Die Schwangerschaft dauert wahrscheinlich einige Monate. Anschließend kommen vier bis neun, nur 20 Zentimeter lange Baby-Stachelrochen zur Welt. Diese sind sofort selbständig.

In welcher Anzahl Dasyatis pastinaca jedes Jahr vor Mallorca aufkreuzt, ist bislang nicht näher bekannt - ebenso wenig der Grund, warum sich die Tiere genau dort treffen. Doch das soll sich nun ändern. Anfang dieses Jahres haben Gabriel Morey und Brad Robertson mit Freiwilligen der Umweltschutzorganisation "Asociación Ondine" die systematische Erfassung der Bestände gestartet.

Von Mitte Februar bis Ende Juni suchten Tauchteams vorab festgelegte Unterwasserstrecken ab und zählten dabei jeden Rochen, den sie entdecken konnten. "Sie versammeln sich auf Sandböden in Tiefen von drei bis ungefähr zehn Metern", berichtet Morey. "Während unserer Untersuchungen haben wir viele Löcher im Boden gesehen. Vermutlich wurden diese von Stachelrochen auf der Suche nach Futter gemacht."

161 Exemplare an einem Tag

Es ist wahrscheinlich, dass die Knorpelfische vor allem wegen des guten Nahrungsangebots an die Küste ziehen. Davon würden nicht nur die Elterntiere, sondern auch der Nachwuchs profitieren. Möglicherweise begünstigen auch die höheren Wassertemperaturen in Strandnähe die Entwicklung der Jungen.

Die ersten Zählungsergebnisse sind höher als man erwartet hatte, erklärt Brad Robertson begeistert. Nachdem in der zweiten Märzhälfte die ersten geschlechtsreifen Tiere eingetroffen waren, stieg deren Zahl im April rapide an. Im Mai registrierten die Taucher an einem einzigen Tag sogar 161 einzelne Exemplare.

Paarungen konnten die Stachelrochen-Sucher allerdings noch nicht beobachten. Die finden wohl nachts statt, meint Gabriel Morey. Die Männchen hatten das Gebiet zudem bereits im Juni verlassen, danach blieben nur die schwangeren Weibchen. Neugeborene wurden erstmalig Anfang Juli gesichtet. Wohin es die erwachsenen Stachelrochen nach der Paarungszeit zieht, ist ebenfalls noch ein Rätsel. Zur Klärung dieser Fragen wollen die Experten der "Asociación Ondine" zukünftig auch Markierungsversuche starten.

Nicht aggressiv

Stachelrochen gelten weithin als gefährlich - nicht ganz zu Unrecht, denn ihr bis zu 35 Zentimeter langer Giftstachel am Schwanz kann üble Verletzungen verursachen. Doch die Tiere setzen ihn nur zur Verteidigung ein. Wer sie nicht in Bedrängnis bringt, den lassen sie in Ruhe.

Gabriel Morey und seine Kollegen haben Stachelrochen beim Zählen unter Wasser immer wieder vorsichtig mit den Händen berührt. Ohne Gefahr. "Sie sind absolut nicht aggressiv", betont der Biologe.

Morey und seine Mitstreiter wollen die eleganten Knorpelfische vielmehr als Sympathieträger nutzen, um für einen verbesserten Schutz der Ökosysteme in den mallorquinischen Küstengewässern zu werben. Das ist leider mehr als nötig, denn die Regionalregierung der Balearen hat die Überwachung der Schutzgebiete dramatisch eingeschränkt, aus Kostengründen.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Zutreffend
h.vonbun 27.08.2013
In der Saison 1978 habe ich am Strand von Arenal "Herbies Windsurfingschule betrieben und in der mit Bojen abgesteckten Aus- und Zugangsrinne ab ca. 20 m. Entfernung vom Ufer Stachelrochen teils im Sande liegend, teils schwimmend gesehen. Ab und an waren auch grosse Exemplare darunter. Einmal wurde sogar ein grosser Rochen geangelt und zum Abtransport am Strand zerlegt.
2. Was die Stachelrochen am Ballermann machen?
Pfaffenwinkel 27.08.2013
Na, die wollen auch mal ihren Spaß haben.
3. wovon leben sie ?
frontmann22 27.08.2013
Man sollte mal überprüfen, wohin die Abwässer von Mallorca fliessen. Dann wird man wohl wissen, warum sich dort soviele Rochen mit der Nahrungssuche beschäftigen.
4. Die wirklich interessante Frage waere ...
Worldwatch 27.08.2013
... ob sich die Rochen erheblich, oder gar massenhaft mehr vermehren, bzw. eine erhebliche Zunahme der Population zur Vergangenheit feststellbar waere. Anderenorts explodierte die Population von Rochen, weil ihre natuerlichen Feinde, die Haie, ausgerottet wurden.
5. kennt jemand
martinstuttgart 27.08.2013
wain?wen interessiert es ;)Die Umwelt veschmutzung auf dieser Insel führt zu merkwürdigen Ereignissen? Ich denke wenn der erste Urlauber gestochen wird ist das Geschrei wieder gross.Sinnloser Artikel.
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