Seismologie Können Tiere vor Erdbeben warnen?

Immer wieder gibt es Berichte von Elefanten, Hunden oder Hühnern, die sich vor einem Erdbeben auffällig verhalten haben. Forscher haben das Phänomen nun statistisch analysiert.

Boston Terrier
imago/Photocase

Boston Terrier


Mäuse warnten 1976 angeblich vor einem Beben in Italien, 2004 flüchteten Augenzeugen zufolge Elefanten vor dem Tsunami in Asien. Und Tage vor dem schweren Beben im italienischen L'Aquila 2009 sollen sich Kröten aus traditionellen Laichgebieten zurückgezogen haben.

Berichte wie diese gibt es immer wieder - allerdings fehlen nach wie vor klare wissenschaftliche Beweise dafür, dass Tiere mit ihrem Verhalten tatsächlich Hinweise auf ein bevorstehendes Erdbeben liefern könnten.

Wissenschaftler vom Deutschen Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam haben das Phänomen nun genauer untersucht. "Die Berichte über auffälliges Verhalten sind zahlreich, doch es könnte auch andere Ursachen haben", sagt GFZ-Forscher Heiko Woith.

Ziege nach Tsunami im Dezember 2004 bei Madras (Indien)
AFP

Ziege nach Tsunami im Dezember 2004 bei Madras (Indien)

Schlechte Datenlage

180 Studien haben die Wissenschaftler ausgewertet. Diese umfassten 729 Beobachtungen auffälligen Verhaltens bei 160 Erdbeben. 130 Arten tauchen in den Beschreibungen auf - von Schafen über Ziegen bis hin zu Schlangen und Fischen.

Tatsächlich fanden die Potsdamer Wissenschaftler vereinzelt Hinweise auf mögliche Erdbebenwarnungen: "Wir gehen davon aus, dass zumindest ein Teil der Fälle, in denen Tiere als Erdbeben-Warner gehandelt werden, als Reaktion auf Vorbeben zu verstehen sind", sagt Woith.

Doch weitergehende Aussagen seien nicht möglich, berichten die Forscher im Fachblatt "Bulletin of the Seismological Society of America". Das liege letztlich an der oft schlechten Datenlage. Die beschriebenen Beobachtungen seien meist nur anekdotisch und für eine solide wissenschaftliche Untersuchung nicht ausreichend. Meist handle es sich um eine einmalige Beobachtung vor einem Beben. Nur in 14 Fällen existiere eine Zeitreihe mehrerer Beobachtungen von Tieren.

Vorbeben analysiert

Eine mögliche Erklärung dafür, dass Tiere bevorstehende Katastrophen spüren, sind seismische Wellen von Vorbeben. Diese können vor schweren Erdbeben stattfinden. Es gibt jedoch auch Erdbeben ohne solche Vorbeben. Zudem folgt schwachen Beben nicht zwingend ein schweres Beben.

Eine andere Erklärung für Verhaltensauffälligkeiten sind unterirdische Veränderungen etwa beim Grundwasser, die Tiere - wie auch immer - erspüren, oder Ausgasungen aus der Erde, die vor Beben stattfinden und von den Tieren registriert werden könnten.

Die Wissenschaftler nutzten einen Katalog mit allen Beben weltweit ab einer Magnitude von 5.6 in den Jahren von 2000 bis 2012. "Wir haben angenommen, dass entsprechende Erschütterungen in einer Entfernung von 100 Kilometern für Tiere spürbar sind", sagt Woith. "Dann haben wir für alle Erdbeben ab Magnitude 6 untersucht, ob es in diesem Umkreis und binnen 60 Tagen Vorbeben gab."

Projekt Icarus

Für eine klare Beweisführung benötigen die Wissenschaftler jedoch mehr Langzeitbeobachtungen. Ansonsten sei man nie sicher, ob ein beobachtetes auffälliges Verhalten von Tieren tatsächlich mit einem Erdbeben zusammenhänge oder andere Gründe habe.

Eine wesentlich bessere Datenlage erhoffen sich Wissenschaftler von Sensoren, mit denen künftig immer mehr Tiere weltweit bestückt werden. Beim Projekt "Icarus" sollen beispielsweise Vögel Mini-Sender tragen, die nicht nur ihre Position aufzeichnen, sondern noch weitere Daten wie Körpertemperatur, Beschleunigung und Ausrichtung zum Magnetfeld der Erde - und zwar an möglichst jedem Ort des Planeten.

Eine Antenne auf der Internationalen Raumstation ISS soll die Daten der Tausenden Sensoren dann sammeln. Sie wird nach derzeitiger Planung im Sommer 2018 bei einem Außenbordeinsatz installiert.

hda



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