18 Staaten verzichten auf Kohlestrom "Pläne zur Begrenzung der Kohleförderung haben wir nicht"

Die Umweltministerinnen Kanadas und Großbritanniens haben 16 weitere Staaten zum Verzicht auf Kohleenergie bewegt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklären sie, dass sie trotzdem weiter von der Kohle profitieren wollen.

Kanadas Umweltministerin Catherine McKenna (links) und ihre britische Kollegin Claire Perry
AP; GOVUK

Kanadas Umweltministerin Catherine McKenna (links) und ihre britische Kollegin Claire Perry

Interviews von , Bonn


SPIEGEL ONLINE: Frau McKenna, Kanada verkündet auf der Klimakonferenz in Bonn zusammen mit anderen Staaten den Abschied von der Kohleenergie. Was ist der Plan?

McKenna: Wir wollen den Ausstieg aus der kohlebetriebenen Stromerzeugung bis 2030 beschleunigen, auf diese Weise unsere Treibhausgasemissionen senken, wie wir es im Rahmen des Weltklimavertrags zugesagt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wann wird das letzte Kohlekraftwerk in Kanada vom Netz gehen?

McKenna: Das wird vermutlich erst Anfang der 2060er-Jahre so weit sein. Wir möchten aber, dass traditionelle Kohlekraftwerke ab 2030 ein Emissionslimit erfüllen, sodass nur noch Kraftwerke mit CCS-Technologie betrieben werden können, also das CO2 abgeschieden und gespeichert wird. Manche Kohlekraftwerke könnten auch auf Erdgas umgestellt werden, bei dessen Verbrennung weniger CO2 entsteht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es schon Beispiele?

McKenna: Unsere Provinz Saskatchewan ist Weltspitze bei CCS, ein dortiges Kohlekraftwerk scheidet 90 Prozent seiner CO2-Emissionen ab, sodass sie nicht in die Luft gelangen.

SPIEGEL ONLINE: Und wann wird Großbritannien das letzte Kohlekraftwerk abschalten, Frau Perry?

Perry: Wir haben uns verpflichtet, bis 2025 aus der Kohleenergie auszusteigen, danach dürfen nur noch Kohlekraftwerke mit CCS-Technologie betrieben werden. Wir haben bereits dafür gesorgt, dass in Großbritannien keine traditionellen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie will Großbritannien den bisher aus Kohle produzierten Strom ersetzen?

Perry: Wir erwarten für die Zukunft einen Technologie-Mix aus Erdgas, Kernkraft und Erneuerbaren. Schon jetzt wird fast die Hälfte der britischen Elektrizität aus kohlenstoffarmen Quellen wie Offshore-Wind, Solarenergie, Biomasse und Kernkraft erzeugt. 2032 sollen 85 Prozent unserer Energie aus sauberen Quellen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit ist die Energiewende in Kanada, Frau McKenna?

McKenna: Zwei Drittel des Stroms kommen in Kanada bereits aus Erneuerbaren; der Großteil aus Wasserkraft. Und der Sektor wächst schnell. Nach unseren Provinzen Ontario and Manitoba, die sich bereits von der Kohleenergie verabschiedet haben, wollen Alberta und Nova Scotia bald folgen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Kernkraft?

McKenna: Atomkraftwerke sorgen derzeit für 15 Prozent unseres Stroms. Investitionen von 26 Milliarden Dollar sollen nun zehn Reaktoren für weitere 25 bis 30 Jahre betriebsfähig machen.

SPIEGEL ONLINE: Und in Großbritannien, Frau Perry?

Perry: Großbritannien braucht die Atomenergie als Teil einer sicheren und kohlenstoffarmen Energiemischung. Wir rechnen damit, dass die Atomenergie bis 2030 rund 18 Prozent unseres Stroms liefert und dass ihr Anteil bis 2035 auf bis zu 30 Prozent steigen wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber Kanada, Frau McKenna, exportiert große Mengen Kohle, vor allem nach Asien, wo Hunderte Kohlekraftwerke gebaut werden. Will Kanada seine Kohleexporte überdenken?

McKenna: Kanada ist ein mittelgroßes kohleproduzierendes Land. Wir prüfen weiterhin, wie wir unsere Handelsinitiativen fortschrittlicher und nachhaltiger gestalten können.

SPIEGEL ONLINE: Also keine Einschränkung der Kohleproduktion, warum nicht?

McKenna: Die Kohleproduktion ist nicht Teil unserer aktuellen Initiative, die nur die Energieerzeugung betrifft.

SPIEGEL ONLINE: Plant Großbritannien, seine Kohleproduktion einzuschränken, Frau Perry?

Perry: Pläne zur Begrenzung der Kohleförderung haben wir nicht. Aber die Kohleförderung in Großbritannien ist mittlerweile auf einen historischen Tiefststand zurückgegangen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen wird der Kohleausstieg für den Steuerzahler haben?

Perry: Die Schließung von Kohlekraftwerken wird den Steuerzahler nichts kosten. Die Kosten kohlenstoffarmer Technologien sinken überall auf der Welt, und wir wollen sie noch weiter senken. Ein definitives Datum für den Ausstieg aus Kohlekraft ohne CCS hilft den Investoren, die die kohlenstoffarmen Erzeugungskapazitäten schaffen, die wir brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Kosten müssen sich die Kanadier einstellen, Frau McKenna?

McKenna: Ich bin zuversichtlich, dass der Ausstieg den Bürgern einen Nettonutzen bietet. Die Beschleunigung des Übergangs von Kohle zu sauberer Energie wird insbesondere die Luftqualität und die Gesundheit der Kanadier erheblich verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Was erhoffen Sie sich von Ihrer Initiative auf der Weltklimakonferenz?

Perry: Wir laden andere Länder mit ähnlichen Ambitionen dazu ein, sich uns auf der Tagung anzuschließen, und wir hoffen, dass unsere globale Allianz nächstes Jahr auf 50 Mitglieder angewachsen sein wird.

Anmerkung: Die Interviews fanden getrennt voneinander statt, wurden der besseren Lesbarkeit aber themenbezogen zusammengefügt.



insgesamt 22 Beiträge
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SWK 16.11.2017
1. Vom Wahren, Schönen und Guten.
Herrlich. Jeder heuchelt so gut er kann. "Nein, ich konsumiere nicht, ich bin doch sooo sauber - ich verticke doch nur... und was die dann damit machen, da habe ich nichts mit zu tun. Das ist doch nicht mein Problem, ich bin doch die reinste Unschuld" Klingt fast schon wie die Kommunikationsstrategie der NRA.
joG 16.11.2017
2. Jedes Land....
.....dass aus Kohle ausscheidet, macht deren Einsatz für die anderen billiger, weil der Preis sinkt.
günter1934 16.11.2017
3. Weiterhin auf Atomkraft...
Zitat von joG.....dass aus Kohle ausscheidet, macht deren Einsatz für die anderen billiger, weil der Preis sinkt.
Zitat aus dem Artikel: "Die meisten der teilnehmenden Industriestaaten setzen neben erneuerbaren Energien und Erdgas weiterhin auf Atomkraft." Da kann Frankreich gut aus der Kohle aussteigen. Und die Fidschi Inseln, da lacht man sich kaputt,. Die haben vor 5 Jahren ihre Stromversorgung von Dieselgeneratoren auf 100% Wasserkraft umgestellt. https://www.siemens.com/innovation/de/home/pictures-of-the-future/energie-und-effizienz/stromuebertragung-wasserkraft-auf-den-idschi-inseln.html
alphabit 16.11.2017
4.
Es sollte wohl auch erwähnt werden das die für Wasserkraft benötigten Staudämme und Stromtrassen in Kanada mit gewaltigen Entwaldungen verbunden sind. Da werden Flächen von der Größe Europas abgeholzt um überflutet zu werden. Das ist zur Zeit wahrscheinlich die grösste Umweltvernichtung der Erde.
schwaebischehausfrau 16.11.2017
5. Wie ein Dealer...
Wenn man wie diese Länder selbst keine Kohle mehr verheizen will, sie aber weiter abbauen und stattdessen exportieren will, dann ist das so wie wenn ein Drogen-Dealer erklärt, dass er sich selbst kein Heroin mehr spritzt, aber es natürlich weiter an seine Kunden verkauft. Getoppt wird dieser Selbstbetrug in dem Artikel nur noch durch das Statement der britischen Umweltministerin, in dem sie die Atom-Energie mal eben zusammen auflistet mit Offshore-Windenergie und Solar-Energie und zu einer "sauberen" Energie-Quelle erklärt. Aber wahrscheinlich liegt das daran, dass die Briten für die ewig strahlenden Atom-Abfälle zukünftig das gleiche Business-Model anwenden wie beim Export ihrer Kohle: Einfach exportieren in Entwicklungsländer. Die ganzen Klimagipfel sind doch schon immer eine reine PR-Witznummer. Mit Ankündigungen und Zeitplänen, die entweder einfach nicht eingehalten werden oder - sobald sie näher rücken - nach hinten verschoben werden. Und mit lächerlichen Verzichterklärungen. Morgen wird wahrscheinlich die Niederlande als Beitrag Klimaschutz verkünden, sofort alle Schneekanonen in den holländischen Ski-Gebieten abzustellen.
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