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Treibhausgas: CO2-Ausstoß überfordert natürliche Speicher

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Schornstein in Australien (Archivbild): Globaler Rekordausstoß an CO2 Zur Großansicht
REUTERS

Schornstein in Australien (Archivbild): Globaler Rekordausstoß an CO2

Pflanzen, Ozeane und Böden speichern heute doppelt so viel Treibhausgas wie noch vor 50 Jahren, besagt eine neue Studie. Das Problem: Die CO2-Emissionen der Menschheit wachsen noch viel schneller.

Wir fahren Auto, wir fliegen, wir heizen, wir treiben Maschinen an, wir brennen Wälder nieder - noch nie hat die Menschheit so viel Kohlendioxid in die Erdatmosphäre gepumpt wie im vergangenen Jahr. Die Zahlen lassen wenig Spielraum für Interpretationen: Das niederländische Umweltforschungsinstitut PBL und die Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission haben kürzlich vorgerechnet, dass 2011 die globalen CO2-Emissionen bei gigantischen 34 Milliarden Tonnen lagen. Die vollmundigen Reduktionsversprechen auf den Umweltgipfeln der vergangenen Jahre haben also kaum etwas gebracht. Getrieben wird das CO2-Wachstum vor allem von China, das ohnehin keine harten Verpflichtungen übernehmen will.

Pflanzen und Ozeane schlucken einen beträchtlichen Teil des vom Menschen zusätzlich ausgestoßenen Kohlendioxids - und eine neue Forschungsarbeit legt nahe, dass diese segensreichen Kohlenstoffsenken ihren Job auch weiterhin erfüllen. Forscher um Ashley Ballantyne von der University of Colorado in Boulder haben jetzt ausgerechnet, dass die natürlichen Speicher an Land und im Meer heute doppelt so viel CO2 aus der Luft holen wie noch vor 50 Jahren.

Der Artikel im Fachmagazin "Nature" klingt deshalb zunächst wie eine gute Nachricht. Allerdings erhöhte sich der CO2-Ausstoß der Menschheit in den vergangenen 50 Jahren ebenfalls - und zwar um das Vierfache. Die natürlichen Müllschlucker können also mit unserem Treibhausgas-Tempo nicht Schritt halten. Das Ergebnis sind immer weiter steigende CO2-Werte in der Atmosphäre. An manchen Messstationen ist die Konzentration von 400 CO2-Molekülen pro einer Millionen Luftteilchen bereits überschritten worden.

"Wie lange das so weitergeht, wissen wir nicht"

Und doch ist das aktuelle Rechenergebnis über die Kapazität der Kohlenstoffsenken faszinierend. "Die Erde leistet Schwerstarbeit, indem sie große Mengen Kohlendioxid aufnimmt, obwohl wir Menschen wenig tun, um Kohlenstoffemissionen zu senken", sagt Ballantyne. "Wie lange das so weitergeht, wissen wir nicht."

Die Idee, die langfristige Speicherung von Kohlenstoff gezielt anzukurbeln - etwa mit künstlich verstärktem Wachstum von Algen -, ist heftig umstritten. Das sogenannte Geoengineering dürfte zumindest kurz- und mittelfristig keinen nennenswerten Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel leisten - zumal es dafür momentan keine politischen Mehrheiten gibt.

Zwischen 1959 und 2010 hat die Menschheit nach den Berechnungen der Forscher rund eine Billion Tonnen CO2 ausgestoßen. Rund die Hälfte davon sei in natürlichen Senken gelandet. "Es ist erstaunlich, wie konstant der Anteil geblieben ist, obwohl die Emissionen in den vergangenen 60 Jahren massiv angestiegen sind", kommentiert Susan Trumbore vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. Sie war nicht an der aktuellen Arbeit beteiligt - und beklagt, dass diese eine entscheidende Frage unbeantwortet lasse: "Wo geht der Kohlenstoff hin, und können wir uns darauf verlassen, dass der Anteil auch in Zukunft konstant bleibt?"

Wie lange das CO2 in natürlichen Senken bleibt, ist von Fall zu Fall höchst unterschiedlich. In der Tiefsee kann Kohlenstoff Hunderte, vielleicht auch Tausende Jahre weggesperrt bleiben. Gerade die kalten Polarmeere schlucken CO2 besonders effektiv - auch wenn ihr Wasser dabei immer saurer wird.

Aus dem Boden oder aus Pflanzen kann das Gas dagegen vergleichsweise schnell wieder in der Atmosphäre landen - zum Beispiel durch die Verbrennung von Holz. Steigende Durchschnittstemperaturen könnten nach eine kürzliche veröffentlichten Studie außerdem dafür sorgen, dass Böden mehr CO2 freisetzen.

Natürliche Kohlendioxid-Speicher kommen ins Stottern

Die Forscher haben die globalen CO2-Emissionen aus drei verschiedenen Datensätzen rekonstruiert. Außerdem stützen sie sich auf die Messdaten von 40 Stationen zur Atmosphärenbeobachtung. Die weitere Rechnung war dann vergleichsweise simpel: Zusätzlich ausgestoßenes CO2, das sich nicht in der Atmosphäre wiederfand, musste in einer natürlichen Senke gelandet sein. In einem Kommentar zum "Nature"-Artikel weist Ingeborg Levin von der Universität Heidelberg aber darauf hin, dass mit dieser Methode nicht klar werde, wie viel von den Ozeanen geschluckt wird und wie viel in Böden und Pflanzen landet.

Trotzdem ist die aktuelle Inventur wichtig - nicht zuletzt weil sie auch belegt, dass die natürlichen Kohlenstoffspeicher zuletzt zumindest ins Stottern gekommen sind. In den vergangenen Jahren hatten bereits mehrere wissenschaftliche Studien nahegelegt, dass die natürlichen Kohlenstoffsenken bereits an Kraft verlieren. Die Hinweise gab es unabhängig voneinander sowohl für das Land - etwa im Bereich des Amazonas - als auch für die Ozeane.

Die neue Studie zeigt, dass der Leistungsanstieg der Kohlenstoffspeicher in den neunziger Jahren abflaute, sich im darauffolgenden Jahrzehnt aber wieder fing. Die Forscher vergleichen das mit einem Auto, das bei hohen Geschwindigkeiten anfängt zu schlingern. "Es ist keine Frage, ob die natürlichen Senken ihre CO2-Aufnahme verlangsamen werden oder nicht", sagt Co-Autorin Caroline Alden. "Sondern nur, wann das passiert."

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