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Zwei-Grad-Ziel beim Klimaschutz: Von wegen Humbug

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DPA

Zwei-Grad-Ziel: Unrealistisch?

Manche Forscher zweifeln am Plan, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Sollte sich die Menschheit also offiziell davon verabschieden? Nur wenn sie sehr gute Alternativen hat - denn der Kampf gegen den Klimawandel muss weitergehen.

Zugegeben, es ist ein gewagter Vergleich. Doch wirft man am Donnerstagmorgen einen Blick auf die Webseite des Uno-Klimasekretariats, fühlt man sich zumindest als Ostdeutscher ein wenig an die DDR-Parteizeitung "Neues Deutschland" erinnert. Eine Jubelmeldung reiht sich an die nächste. Besser geht's gar nicht.

Da wird eine "überraschende" Statistik präsentiert, wonach 70 Prozent der befragten Weltbürger glauben, dass Klimaschutz ihre Lebensqualität verbessert. Da rechnet das Uno-Umweltprogramm vor, dass allein Städte, Unternehmen und Industriesektoren bis zum Jahr 2020 1,8 Gigatonnen CO2 einsparen können. Dazu Durchhalteparolen vom früheren Uno-Boss Kofi Annan und zwei Ex-Staatschefs aus Brasilien und Chile. Und Äthiopien wird dafür gefeiert, seine Klimaziele veröffentlicht zu haben.

Alles in Ordnung also bei den emsigen Klimadiplomaten? Nein, natürlich nicht.

In Äthiopien, zum Beispiel, entstehen gerade einmal 70 Kilogramm CO2 pro Kopf und Jahr. Das ist noch nicht einmal ein Hundertstel des deutschen Wertes. Schwergewichte wie China, Indien oder Brasilien haben dagegen immer noch nicht erklärt, wie sie denn nun Klimagase einsparen wollen.

Und in Bonn geht am Donnerstag ein weiteres Vorbereitungstreffen für den Klimagipfel Ende des Jahres in Paris zu Ende. Organisiert wird es von eben jenem notorisch optimistischen Uno-Klimasekretariat. Die Erfolge sind bisher - gelinde gesagt - überschaubar. Wieder einmal.

Gebetsmühlenartig wird auf solchen Treffen das Ziel wiederholt, die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen - auch wenn bei vielen Akteuren der politische Wille dazu erkennbar fehlt. Da helfen auch Erklärungen wie jene nach dem G7-Gipfel von Elmau nicht viel. Ohnehin gibt es längst Forscher, die an der Machbarkeit des Zwei-Grad-Ziels zweifeln.

Sollte die Menschheit sich also ehrlich machen - und vom scheinbar unrealistischen Zwei-Grad-Ziel verabschieden? Nein, so einfach ist die Sache wohl nicht.

Alternativen zum Zwei-Grad-Ziel müssen ambitioniert sein

Auf Klimagipfeln haben sich vor allem kleine Inselstaaten und andere Entwicklungsländer sogar für ein Ziel von anderthalb Grad stark gemacht - weil sie Angst um ihre bloße Existenz haben (Stichwort: Anstieg des Meeresspiegels). Mit welcher moralischen Grundlage sollte man ihnen jetzt eigentlich erklären, dass man selbst zwei Grad für Humbug hält? Vor allem wenn man ihnen auch sonst keine Perspektive anbietet. Schließlich sind langfristige Hilfen zur Anpassung an den Klimawandel noch immer knapp.

Wer das Zwei-Grad-Ziel ernsthaft kippen will, muss alternative Vorgaben anbieten, an denen sich die Menschheit beim Kampf gegen den Klimawandel orientieren soll. Denn dieser - und das muss klar gesagt sein - stoppt nicht, nur weil sich Akademiker und Entscheidungsträger über Strategien zu seiner Bekämpfung streiten.

Mögliche Alternativen zum Zwei-Grad-Ziel müssen ambitioniert sein, wissenschaftlich halt- und politisch fassbar. Nur so kann die Öffentlichkeit darüber befinden, ob der Kampf gegen die Erderwärmung - das wohl wichtigste globale Thema des 21. Jahrhunderts - noch auf Kurs ist.

Solche Ziele sind nicht einfach zu definieren. Genau das ist der Grund, warum die magische Zwei-Grad-Marke in den vergangenen zwei Jahrzehnten so gern genutzt wurde. Was sie bedeutete, glaubte beinahe jeder begriffen zu haben.

Eine der möglichen Ideen für die Zukunft ist, ein kurzzeitiges Überschreiten der Zwei-Grad-Marke zuzulassen - wenn sich die Erderwärmung danach wieder unterhalb dieses Wertes einpendelt. Dieser Vorschlag, Overshoot genannt, verbietet sich vielleicht nicht per se. Wer aber so diskutiert, muss es ehrlich meinen. Er muss das Problem nicht einfach nur auf den Sankt-Nimmerleinstag verschieben wollen - und muss stattdessen klare Strategien haben: wie Energieversorgung, Industrie und Transportsektor bis zur Mitte des Jahrhunderts kohlenstoffarm werden, wie Entwicklungsländer bis dahin bei der Anpassung zu unterstützen sind - und das alles bei einer weiter stark steigenden Weltbevölkerung.

Kurz gesagt: Er muss eine ernst gemeinte Antwort auf die Frage liefern, welche Welt wir zukünftigen Generationen hinterlassen wollen. Und er muss erklären, was er selbst dafür zu tun und zu lassen bereit ist.

Zum Autor
Christoph Seidler ist Wissenschaftsredakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christoph_Seidler@spiegel.de

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insgesamt 488 Beiträge
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1.
wermoe 11.06.2015
arm an Kohlenstoff werden ... Dürfte wie der Kampf gegen Windmühlen ausgehen ...
2. Was macht ihr
felisconcolor 11.06.2015
Klimaleute eigentlich wenn sich das ganze doch als naturgegeben herausstellt. Wie in einem anderen Thread schon vermerkt, hat die Erde auch ohne den Menschen schon sämtliche Klimavariationen in Wiederholung durch. Vom CO2 Glutofen bis zur völligen Vereisung war schon alles dabei. Und Erdgeschichtlich sind wir ja immer noch in einer kleinen Eiszeit. Ich finde, wer diese geologischen Tatsachen verleugnet sollte das Fach Erdgeschichte noch einmal wiederholen. Wobei ich auch dafür plädiere das wir diesen Planeten nicht rücksichtslos ausplündern sollten. Aber alles was bisher über das Klima pro oder contra geschrieben wurde ist unterm Strich nicht mehr als Kaffeesatzleserei.
3.
infonetz 11.06.2015
Der Kampf gegen den Klimawandel haben wir schon verloren! Wir werden immer schneller immer mehr und der Konsum hat sich auch extreme beschleunigt. Ich meine das der tritt auf die Bremse zu spät ist und wir gegen die Wand fahren. Aber so ist das nun mal in der Natur ein kommen und gehen.
4. Zwei-Grad-Ziel
ornitologe 11.06.2015
in diesem Jahrhundert! Elmau als Meilenstein des Klimaschutzes! Im Prinzip nur eine Absiuchtserklärung für den fehlenden Inhalt dieser ominösen Veranstaltung. Gut, die Suche nach Anlässen für weitere Sanktionen Russlands geht weiter - Bösewicht Putin macht es den G7-Teilnehmern in dieser Sache aber auch nicht so leicht. Aber wer einen Hund prügeln will, findet ja immer ein Stöckchen...
5. Normal?
PerIngwar 11.06.2015
"Der Kampf gegen den Klimawandel muss weitergehen". Und ab wann kämpfen wir gegen den stetigen Wandel? Beginnen wir vor 50, 100, 500, 1000 Jahren? Der Hosenanzug hat also eine Klimaanlage bestellt und sie gleich mit maxplus2 auf "angenehm" gestellt. Das Klima soll sich auf Befehl der Uckermärkerin nicht mehr wandeln - es hat 4,5 Milliarden Jahre alles falsch gemacht - Zeit geworden, dass Angie kam.
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