Aus Durban berichtet Markus Becker
Durban - Die Szene erinnerte an das dramatische Ende des Klimagipfels von Cancún Ende 2010: Die Abschlusserklärung wurde damals im Plenum durchgepeitscht - obwohl Bolivien, wenn auch als einziges Land, dagegen war. Mexikos Außenministerin und Gipfel-Präsidentin Außenministerin Patricia Espinosa ignorierte den Einspruch einfach. Unter Juristen war das umstritten, denn im Grunde hätte der Entschluss einstimmig fallen müssen.
In Durban bahnte sich am Samstagabend Ähnliches an - nur im größeren Umfang: Gegen den Widerstand gleich mehrerer Länder wurde der Entschluss, das Kyoto-Klimaschutzabkommen zu verlängern, angenommen. Anschließend kam das Plenum des zweiten Verhandlungspfads zusammen, in dem es um die Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern geht.
Am Ende soll das Gesamtpaket aus beiden Pfaden im Abschlussplenum beschlossen werden. Allerdings können die Staaten, die mit der Kyoto-Verlängerung nicht einverstanden waren - darunter Venezuela, Saudi-Arabien und Russland - dort ein Durban-Abkommen noch zu Fall bringen.
Auf dem bisher längsten Klimagipfel der Geschichte wurde bis zuletzt um einen Fahrplan für einen Weltklimavertrag gerungen. Der Entwurf, der am Samstagabend nach 13 Verhandlungstagen vorgelegt wurde, könnte zum Durchbruch führen. Südafrikas Außenministerin Maite Nkoana-Mashabane sagte nach fast 24 Stunden langen, nur kurz unterbrochenen Marathonsitzungen zu dem Papier: "Das ist ein starkes Ergebnis". Da aber noch viele Fragen offen waren, könnte der Gipfel auch noch scheitern - die EU lehnt faule Kompromisse ab.
Der Kompromissentwurf sieht vor, dass es bis 2015 ein verbindliches Klimaabkommen geben soll, das ab 2020 in Kraft treten könnte. Das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll, zu dem sich nur noch Staaten bekennen, die 15 Prozent der globalen Emissionen ausmachen, könnte bis 2020 verlängert werden, damit hier keine weitere Klimaschutzlücke entsteht.
Mehrere afrikanische Staaten forderten nur eine fünfjährige Verlängerung, damit der alle Staaten umfassende Weltklimavertrag früher in Kraft treten kann. Länder wie die USA, China und Indien versuchten bis zuletzt die Einigung abzuschwächen - dabei ging es um Feinheiten, etwa ob man sich auf ein "rechtliches Ergebnis" oder "rechtliches Instrument" einigt - das zweite wäre weitaus stärker.
"Wir brauchen ein rechtliches Instrument und nicht etwas, das alles oder nichts bedeuten kann", sagte EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard am Samstagabend. "Viele Menschen werden denken, was ist da für ein Unterschied, es ist doch nur ein Wort. Aber das ist extrem wichtig", betonte die Dänin. Es gebe mit den USA und Brasilien Fortschritte. "Aber es sind noch einige Stufen zu erklimmen."
Röttgen betonte am Abend: "Das ist durchaus eine sehr erfreuliche Bewegung, die wir gehabt haben in den letzten Stunden." Am Samstagabend begann mit 24-stündiger Verspätung das Abschlussplenum mit allen 193 Staaten, das über die unterschiedlichen Modelle entscheiden soll. Die 17. Klimakonferenz war zur Lösungssuche um einen Tag verlängert worden.
Viele Papiere zur Beratung zwischen den Staaten waren sehr spät vorgelegt worden. Zudem sorgte das kompromisslose Dringen der EU-Staaten und von fast 100 Entwicklungsländern auf mehr verpflichtende Klimaschutzzusagen für verhärtete Fronten. Besonders die USA, China und Indien setzen bisher auf freiwillige Ziele zur Reduzierung des Treibhausgas-Ausstoßes.
Das Problem war am Samstag vor allem der große Zeitdruck. Viele Delegierte gerade aus ärmeren Ländern reisten schon ab, da sie ihr Flüge aus Kostengründen nicht umbuchen konnten. "Das ist die größte Ungerechtigkeit", sagte Greenpeace-Klimaexperte Martin Kaiser. "Die, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, mussten schon abreisen und die Entscheidungen fallen ohne sie."
Greenpeace kritisierte scharf, dass der neue Weltklimavertrag womöglich erst ab 2020 gelten soll. "Es darf kein Kompromiss mit den USA gemacht werden", sagte Kaiser. "Sonst würde Durban als gescheitert gelten." Kaiser forderte, das Kyoto-Protokoll nur bis 2017 zu verlängern, um so den Druck zu erhöhen, dass ein Weltklimaabkommen 2018 in Kraft treten könnte.
Mit Material von dpa
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