Konfessionsloser Feiertag Stiftung fordert Tag der Evolution statt Christi Himmelfahrt

Die meisten Feiertage in Deutschland sind christlich, ein Drittel der Deutschen gehört aber keiner Religion an. Ungerecht, findet die Giordano Bruno Stiftung. Sie fordert einen "Evolutionstag". Dafür soll Christi Himmelfahrt weichen.


Rund 25 Millionen Menschen in Deutschland sind katholisch, etwa genauso viele evangelisch - der überwiegende Rest der etwa 82 Millionen Einwohner aber ist konfessionslos. Viele gesetzliche Feiertage haben jedoch einen christlichen Hintergrund. Das sei unfair, sagt der Vorsitzende der Giordano Bruno Stiftung, Michael Schmidt-Salomon.

Er möchte, dass ein Teil der gesetzlichen Feiertage auf dieses konfessionslose Drittel zugeschnitten wird. Zu diesem Zweck fordert die Stiftung den Bundesrat und die Bundesländer zur Einrichtung eines Evolutionsfeiertags auf. Die Petition der Giordano Bruno Stiftung kann man online unterzeichnen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu der Forderung bisher keine Stellungnahme abgegeben.

"Am Evolutionstag sollte gefeiert werden, dass wir endlich den kindlichen Narzissmus überwunden haben, der uns dazu verleitete, unsere Art als 'Krone der Schöpfung' zu betrachten", sagte Schmidt-Salomon. Werbewirksam haben die Stiftungsvertreter zugleich ein Youtube-Video produziert, das ihr Anliegen befördern soll: "Children Of The Evolution" zeigt einen rockenden Charles Darwin mit Gitarre, der die Menschheit als Geschöpfe der Evolution besingt (siehe Videokasten).

Die Giordano Bruno Stiftung wurde im Jahr 2004 gegründet. Laut Informationen auf ihrer Web-Seite ist ihr Ziel, "die Grundzüge eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik zu entwickeln und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen".

Da die Stiftungsvertreter nicht davon ausgehen, dass die Länder einen eigenen Evolutionsfeiertag einrichten werden, fordern sie die Umbenennung eines bestehenden christlichen Feiertags: Christi Himmelfahrt. Dieser Tag biete sich dafür an, so Schmidt-Salomon, weil die Mehrheit der in Deutschland lebenden Christen nicht mehr "an das Glaubensdogma der leiblichen Auffahrt Jesu in den Himmel" glaube.

Christi Himmelfahrt wird 39 Tage nach dem Ostersonntag gefeiert. Christen feiern an diesem Tag die Rückkehr des von den Toten wiederauferstandenen Christus zu Gott.

Die Festlegung der Feiertage ist Angelegenheit der Bundesländer. Die Anzahl der Feiertage unterscheidet sich von Land zu Land - was immer wieder Kritik hervorruft. So hat Bayern mehr Feiertage als die norddeutschen Länder. Christi Himmelfahrt jedoch ist einer von acht christlichen Feiertagen, die in allen Ländern gelten.

Der einzige vom Bund beschlossene Feiertag ist der Tag der Deutschen Einheit, der am 3. Oktober gefeiert wird. Außer ihm gibt es nur noch zwei weitere Feiertage ohne christlichen Hintergrund: Neujahr und den Tag der Arbeit am 1. Mai.

Es gab von Politikern in der Vergangenheit Vorstöße, Feiertage abzuschaffen oder neue einzuführen. So sorgten Pläne der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2004 für Entrüstung, den Tag der Deutschen Einheit aus volkswirtschaftlichen Gründen abzuschaffen. Letztlich scheiterte dieser Vorstoß genauso wie die Forderung des Grünen-Politikers Christian Ströbele, einen muslimischen Feiertag in Deutschland einzuführen.

Die Forderung, dem konfessionslosen Drittel der Bevölkerung mit eigenen Feiertagen Rechnung zu tragen, ist nicht neu. So wollte der " Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V." schon im Jahr 2003, dass jeder Bürger ein individuelles Kontingent an Feiertagen erhält, das er gegenüber seinem Arbeitgeber geltend machen kann.

Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .

lub

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