Konfetti im All Ein Sonnenschirm für die Erde

Ein 100.000 Kilometer langer Schweif aus 16 Billionen Scheibchen: So soll der Sonnenschirm unseres Planeten aussehen, ja gar das Sonnenlicht reflektieren. Um der Erderwärmung Einhalt zu gebieten, haben Forscher weitere Visionen - doch auch die klingen nach Science Fiction.


Der Plan mutet an wie kosmisches Konfetti. Transparente Kunststoffscheiben von 60 Zentimetern Durchmesser und nur einem Gramm Gewicht fliegen im Schwarm zwischen der Erde und der Sonne - Milliarden von ihnen. Sie sollen 1,8 Prozent des Sonnenlichts ablenken, das andernfalls auf die Erde treffen würde. Science Fiction?

Erderwärmung stoppen: Rund 16 Billionen Scheiben sollen einen Schwarm formen - und so Sonnenlicht reflektieren
UA Steward Observatory

Erderwärmung stoppen: Rund 16 Billionen Scheiben sollen einen Schwarm formen - und so Sonnenlicht reflektieren

Binnen 25 Jahren könnten die Kunststoffscheiben entwickelt, gebaut und ins All geschossen werden, in Packungen zu je 800.000. Wenn von 20 Startrampen aus zehn Jahre lang alle fünf Minuten eine Ladung abgeschossen würde, könnten 16 Billionen Scheibchen einen 100.000 Kilometer langen Schweif bilden.

Diese Berechnungen gehören zu einer Machbarkeitsstudie, die der Astronom Roger Angel von der University of Arizona in dem angesehenen Wissenschaftjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" ("PNAS") vorgestellt hat (Online-Vorabveröffentlichung). Sie hat einen ernsten Hintergrund. "Wenn es offensichtlich werden sollte, dass gefährliche Veränderungen im globalen Klima trotz Treibhausgas-Beschränkungen unausweichlich werden, könnten aktive Methoden zur Abkühlung der Erde als Notfallmaßnahme erstrebenswert werden", schreibt Angel.

Auf der Erde kämen zwei Prozent weniger Sonnenenergie an

In Angels Vision sollen sich die 16 Billionen Scheibchen im All zu einem gigantischen "Sonnenschirm" formieren: Diese Spiegel sollen einen Teil der Sonnenstrahlung reflektieren und so von der Erde fernhalten. Die zur Erde gelangende Sonnenenergie würde um zwei Prozent reduziert. Der Sonnenschirm aus kosmischen Konfetti soll 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt am sogenannten Lagrange-Punkt schweben, wo er relativ zu Sonne und Erde an einer fixen Position verharren würde.

Angels Fazit: Ausgestattet mit einer Art GPS-Navigation, eigenen Solarzellen und einem kleinen Antrieb zur Kurskorrektur könnten der Sonnenschirm aus den unzähligen Scheiben jahrzehntelang auf Position bleiben. Das ganze würde "ein Paar Billionen US-Dollar" kosten, "über 25 Jahre verteilt rund ein halbes Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts."

Ein Wort für mehrere Szenarien: Geoengineering

Wem dieser Vorschlag bizarr und unrealistisch erscheint, der wird sich über die US-Raumfahrtbehörde Nasa wundern: Sie forderte Angel im Oktober auf, einen detaillierten Plan seines Projektes aufzustellen.

Szenarien wie das von Angel kommen langsam in Mode. Zusammenfassen lassen sich mit einem Wort: Geoengineering. Das sei eine ernstzunehmende Option, die man endlich genauso erwägen müsse, wie die Ideen anderer Forscher auch, hatte Ralph Cicerone in der August-Ausgabe der Fachzeitschrift "Climate Change" argumentiert. Cicerone ist selbst Atmosphärenchemiker - und Präsident der National Academy of Sciences in Washington, einer der einflussreichsten Wissenschaftsgesellschaften der Welt und Herausgeberin von "PNAS".

Hier einige Geoengineering-Szenarien, mit denen der Sonneneinstrahlung Einhalt geboten werden soll:

  • Am National Center for Atmospheric Research im US-Bundesstaat Colorado entwickelten Forscher um den Atmosphärenphysiker John Latham den Plan, große Mengen Meerwasser zu zerstäuben. Damit wollten sie die Reflexivität niedriger Wolken erhöhen und damit mehr Sonnenlicht zurück ins Weltall werfen. Doch sie konnten bis heute keine staatliche Förderung für ein Pilotprojekt finden.

  • Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für Meeresforschung in Bremerhaven düngten in den Jahren 2000 und 2004 im Antarktischen Meer 200 Quadratkilometer Meeresfläche mit Eisensulfat, um das Algenwachstum an der Oberfläche anzuregen. Ihr Plan: Wenn Phytoplankton wächst, bindet es Kohlendioxid, das später mit in die Tiefe gerissen und so aus der Atmosphäre entfernt wird.

  • Mit schwimmenden Kunststoffscheiben auf den Weltmeeren und weißen Plastikplanen in den Wüsten ließe sich nach Berechnung anderer Wissenschaftler ebenfalls ein Teil des Sonnenlichts zurück ins Weltall werfen - und so der globalen Erwärmung entgegenwirken.

  • Wallace Broecker von der Columbia University in New York schlug in den achtziger Jahren vor, Jumbojets große Mengen Schwefeldioxid in hohen Luftschichten verteilen zu lassen. Die künstliche Luftverschmutzung sollte die Atmosphäre so abkühlen, wie man es immer wieder nach Vulkanausbrüchen beobachtet hatte. Edward Teller, einer der Erfinder der Wasserstoffbombe, unterstützte diesen Vorschlag Ende der neunziger Jahre prominent.

Doch als diesen August der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen vom Mainzer Max-Planck-Institut für Atmosphärenchemie eine verfeinerte Version dieses Szenarios in "Climate Change" veröffentlichte, hagelte es Proteste. "Der Plan ist beängstigend, weil er unerwartete Folgen haben kann", sagte etwa Lennart Bengtsson vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg dem SPIEGEL. Und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagte: "Man müsste über viele Generationen hinweg mit den Schwefelinjektionen fortfahren, sonst käme es zu einer plötzlichen, massiven Erderwärmung."

Ob gigantisches Sonnensegel im All oder Schwefelstaub in der Atmosphäre: Diese Pläne scheinen gegenwärtig mehr Erfolg zu versprechen als das Kyoto-Protokoll. Dem gehört der größte Klimasünder, die USA, nicht an; und es nimmt China, den zweitgrößten Luftverschmutzer des Planeten, von seinen Vorschriften aus. Die Entwürfe der Wissenschaftler "sind Teil der Debatte geworden, auch wenn es weiter große Vorbehalte gibt", sagt der französische Klimaforscher Jean Jouzel.

Nicht nur Symptome behandeln, sondern auch die Ursachen

Die Hauptkritik an Geoengineering-Szenarien bezieht sich weder auf technische Details, noch auf möglicherweise unvorhersehbare Nebenwirkungen. Umweltschützer und Forscher fürchten gleichermaßen: Beginnt die Menschheit erst einmal, an den Symptomen des Klimawandels (allen voran der Erderwärmung) herumzudoktern, geraten alle Maßnahmen gegen seine Ursachen (den Ausstoß von Treibhausgasen) unter die Räder.

Wie kläglich diese Bemühungen aber tatsächlich bisher waren, wird diese Woche bei der Uno-Klimakonferenz in Nairobi noch ausgiebig Anlass zum Streit geben. Bereits letzte Woche gestand EU-Kommissionpräsident José Manuel Barroso ein: Die Europäer werden ihre selbst gesteckten CO2-Sparziele nicht erreichen können. Das Uno-Klimasekretariat in Bonn hatte gar gemeldet, dass es beim Ausstoß von Klimagasen eine Trendwende gebe - nach oben. Die Menschheit pustet wieder mehr Kohlendioxid in die Luft. Mit jeder zusätzlichen Tonne Kohlendioxid wird es wahrscheinlicher, dass eines Tages doch einer der futuristischen Geoengineering-Pläne in die Tat umgesetzt wird - ob in der Atmosphäre oder im Weltraum.

Als Roger Angel seinen Plan für einen reflektierenden Sonnenschirm-Schwarm im Weltall im April bei einer Tagung der National Academy of Sciences erstmals Fachkollegen präsentiert hatte, betonte er: Sein Vorschlag selbst sei nicht so wichtig, wie die generelle Ermutigung zu gewagten Gedankenspielen.

stx, mit Material von AP



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