Kongobecken: Wie ein Vorruheständler das Paradies retten will

Von Christian Schwägerl

Bisher ist der Regenwald im zentralafrikanischen Kongobecken noch verhältnismäßig intakt. Der deutsche Öko-Manager Hans Schipulle arbeitet daran, dass das auch so bleibt. Das Problem: Die bittere Armut in der Region macht die Ausbeutung der Natur besonders lukrativ.

Bayanga - Wäre dies London, New York oder Hamburg, es würden jeden Tag saftige Rechnungen ausgestellt. Speicherplatz, ob am Computer oder in Lagern, kostet Geld. Die Wasserversorgung zu unterhalten ist teuer, Pharmawirkstoffe zu entwickeln ein Multimilliardengeschäft.

Hans Schipulle: "Das wäre keine nachhaltige Forstwirtschaft gewesen sondern Raubbau"

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Die bitko-terarmen Bewohner von Bayanga hingegen, einem kleinen Dorf am Sangha-Fluss im Süden der Zentralafrikanischen Republik, haben bisher allerdings noch keine Rechnungen verschickt. Dabei erbringt ihre Heimat für den Rest der Welt überlebenswichtige Dienstleistungen.

Der Emissär aus Europa, der an diesem schwülen Vormittag durch den Wald wandert und aus dem Staunen nicht herauskommt, hält es für dringend nötig, endlich die große Rechnung aufzumachen: "Dieser Wald ist eine der wichtigsten Klimaanlagen des Planeten, er speichert gigantische Mengen Kohlenstoff und bremst so die Erderwärmung, er reguliert die globale Wasserversorgung und er birgt wertvolle Pharma-Wirkstoffe", sagt Hans Schipulle, ein 63 Jahre alter Umweltveteran im Dienst der Bundesregierung. Das seien "Dienstleistungen, die endlich etwas wert sein müssen". Und zwar jedem im reichen Westen: Firmen, Politikern, Verbrauchern.

Schipulle ist in brisanter politischer Mission unterwegs. Seit Dezember führt er die von Amerikanern, Europäern und den Fluss-Anrainern gegründete "Internationale Partnerschaft für die Wälder des Kongobeckens" an. Diese Allianz soll verhindern, dass das Kongobecken in den kommenden Jahrzehnten ausgeplündert, der Wald verhökert, umgegraben, mit Ölpalmen und Kaffee überpflanzt wird. Gegründet nach dem Uno-Nachhaltigkeitsgipfel von Johannesburg geht es darum, eine nachhaltige Entwicklung einzuleiten, die Wohlstand ohne Naturzerstörung möglich macht.

In dem Regenwald flattern handtellergroße Schmetterlinge umher. Orchideen hängen in Kaskaden von den turmhohen Bäumen, dazwischen tummeln sich Bongoantilopen und Gorillas. Nashornvögel gleiten über das Kronendach, Myriaden von Ameisen wuseln auf dem Boden.

Rund 10.000 Arten von Pflanzen, 400 Säugetierspezies sowie 900 Schmetterlingsarten haben Biologen im gesamten Kongobecken schon aufgespürt. Die Lebewesen halten den zweitgrößten zusammenhängenden Regenwald der Welt am Laufen, der aus Gigatonnen von Kohlenstoff besteht. Der satte Geruch von Werden, Wachsen und Wuchern liegt in der Luft: Lebensvielfalt, Biodiversität, vom Feinsten.

Seit die Bürgerkriege in der Kongo-Region abnehmen, hat ein Ansturm begonnen. Investoren aus aller Welt wittern wieder das große Geschäft. Es geht um Holz, Erze, Diamanten, Plantagen. Chinesische, koreanische, europäische und amerikanische Geschäftsleute versuchen, ein Stück vom Kongo-Kuchen abzubekommen. Und die Bewohner der Region sind für jeden Euro oder Dollar dankbar, der ihre bittere Armut lindert.

Deshalb ist in Bayanga die Stimmung auch so geladen. Die 3000-Einwohner-Ortschaft liegt im Zentrum eines 28.000 Quadratkilometer großen Schutzgebiets, das die Zentralafrikanische Republik, Kamerun, die Republik Kongo, der WWF, die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und andere Organisationen im März 2007 als internationale Stiftung begründet haben.

Die "Sangha-Trinational-Stiftung" ist ein weltweit leuchtendes Vorzeigeprojekt dafür, wie Naturschutz über Ländergrenzen hinweg funktionieren kann. Doch hier lässt sich zugleich der Weltkonflikt Natur versus Wohlstand wie unter dem Mikroskop besichtigen. Die meisten Dorfbewohner wurden noch ärmer als ohnehin schon als der Holzeinschlag vor einiger Zeit eingestellt wurde.

Im Jahr 1970 war das Sägewerk von Jugoslawen gegründet worden. Nach mehreren Besitzerwechseln machte sich zuletzt ein libanesischer Investor aus dem Staub und schob die Folgen seines eigenen Missmanagements auf die Naturschützer.

Nach zwei Wandertagen im paradiesischen Urwald besichtigt Schipulle das stillgelegte Sägewerk des Flussdorfes. Das Dach ist leck, die Maschinen fallen auseinander. Schipulle hadert damit, ob er das nun gut oder schlecht finden soll.

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