Kontinental-Crash Tiefsitzender Vulkan brachte Indien zum Rasen

Vor 50 Millionen Jahren knallte die indische Platte auf Eurasien - als Knautschzone entstand der Himalaja. Geologen haben jetzt herausgefunden, warum Indien mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf Eurasien zuraste.

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Der indische Subkontinent stellte in der Kreidezeit einen Geschwindigkeitsrekord in der Erdgeschichte auf: Die vom einstigen Superkontinent Gondwana abgebrochene Platte raste damals mit einer Geschwindigkeit von 20 Zentimetern pro Jahr auf Eurasien zu - das wissen Geologen aus Messungen am Meeresboden. Vor 50 Millionen Jahren knallten die Platten dann aufeinander - der Himalaja entstand.

Die für geologische Verhältnisse enorme Geschwindigkeit war den Forschern bislang ein Rätsel: Was hatte den indischen Subkontinent so schnell gemacht? Andere Kontinentalplatten kommen gerade mal auf vier Zentimeter pro Jahr.

Deutsche und indische Forscher glauben nun eine Antwort auf diese Frage gefunden zu haben. Der indische Subkontinent sei von unten stark erhitzt worden, schreiben sie im Magazin "Nature" (Bd. 449, S. 894 - 897). Infolge der Hitze seien große Teile der Platte von unten weggeschmolzen. Dies habe den Subkontinent dünner und damit leichter gemacht - er konnte sich schneller bewegen.

Als Ursache des Ganzen gilt ein sogenannter Plume, wie Rainer Kind von Geoforschungszentrum Potsdam im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärte. "Das ist eine Art Schlot, in dem heißes Material tief aus dem Erdinneren aufsteigt." Ein Plume brenne sich durch alles durch, man könne ihn auch als tiefsitzenden Vulkan bezeichnen.

Erstaunliche Dickenunterschiede

Ein solcher Plume habe vor 140 Millionen Jahren den Superkontinent Gondwana auseinanderbrechen lassen. Die aus dem Erdinneren aufsteigende Hitze bewirkte jedoch noch mehr. "Die meiste Hitze hat sich unter der indischen Platte angesammelt", sagte der Forscher. Dadurch sei die Kontinentalplatte von unten stärker abgeschmolzen und dünner geworden.

Kind und seine Kollegen vom indischen National Geophysical Research Institute hatten die Dicke der sogenannten Lithosphäre, welche die tektonischen Platten bildet, mit einer neuen Methode gemessen. Dabei stellten sie fest, dass diese Schicht in Indien lediglich hundert Kilometer mächtig ist, während sie in Südafrika, Australien und der Antarktis zwischen 180 und 300 Kilometern misst. Eine erstaunlicher Unterschied - schließlich bildeten diese Kontinente einst Gondwana, stammen also von einer Platte ab. Das Abschmelzen infolge des Plumes halten die Forscher für eine plausible Erklärung der Differenzen.

Um die Lithosphären-Mächtigkeit zu bestimmen, maßen die Geologen Laufzeitunterschiede seismischer Wellen. "Wir registrieren alle Erdbeben und suchen die aus, die ein für unsere Messungen gutes Signal erzeugt haben", sagte Kind. Wenn sogenannte S-Wellen bei ihrem Weg quer durch die Erde auf die Lithosphärengrenze treffen, erzeugen sie P-Wellen. P-Wellen bewegen sich schneller durch diese Schicht. "Wir messen einfach den Vorsprung von P-Wellen vor S-Wellen", sagte Kind. Daraus könne die Dicke der Lithosphäre berechnet werden.

Die Folgen des Crashs der indischen Platte auf den Kontinent Eurasien vor etwa 50 Millionen Jahren sind bis heute sichtbar: "Der Himalaja ist die Knautschzone", sagte Kind. Und auch das Hochland von Tibet gehe auf den Zusammenprall mit Rekordgeschwindigkeit zurück. "Dort hat sich die indische Platte weit unter die asiatische geschoben."



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