Draußen vor dem Kongresszentrum protestieren wütende Äthiopier gegen Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land. Drinnen verkündet der äthiopische Ministerpräsident Meles Zenawi die ökologische Revolution. "Wir werden schon bald 100 Prozent Ökostrom erreichen und dann wollen wir anfangen, den Strom auch zu exportieren", sagt Zenawi.
Autos würden künftig mit Treibstoff aus Jatropha-Pflanzen fahren, und er werde dafür sorgen, dass Milliarden Bäume gepflanzt werden. "Wir beschreiten einen kohlenstoffneutralen Weg", sagt Zenawi. Das Publikum ist entzückt. Weltbankpräsident Robert Zoellick spricht Zenawi Anerkennung aus, der britische Klimaökonom Sir Nicholas Stern lobt das äthiopische Großprojekt, CO2 in rehabilitierten Böden zu speichern, als vorbildlich.
Man könnte meinen, Zelawi sollte andere Sorgen haben als den CO2-Ausstoß Äthiopiens. Schließlich setzte das afrikanische Land laut World Resources Institute 2005 nur 73 Millionen Tonnen CO2 frei, gerade einmal eine Tonne pro Einwohner. In den USA sind es 23,5 Tonnen pro Einwohner, insgesamt 6,9 Milliarden Tonnen.
Doch genau darin liegt die Pointe der Äthiopier und anderer ärmerer und kleinerer Länder: Während die großen Staaten in Kopenhagen um CO2-Reduktionen streiten und sich vor Einschränkungen drücken, wollen sie sich als Vorreiter und Vorbilder darstellen. Äthiopien ist von den Folgen des Klimawandels massiv betroffen, und will auch deshalb demonstrieren, dass es selbst einen Beitrag zu den Lösungen leisten will. "Wir werden nicht die Fehler der anderen wiederholen", sagt Zenawi, der ein weiches grünes Image sucht, während Menschenrechtler ihm seine harte Hand gegen Kritiker vorwerfen.
Klimaschutz als Image-Kampagne
In Kopenhagen wird nicht nur hart verhandelt, sondern auch aufwendig inszeniert. Die Konferenz ist ein gigantischer, multikultureller Rummel, auf dem hinter der einen Tür der ökologische Kollaps an die Wand gemalt wird und hinter der anderen Auswege präsentiert werden. Die vielen "side events" nutzen Länder dazu, ihre Klimaschutzmaßnahmen zu preisen.
Besonders aktiv ist Südkorea, das in wenigen Jahrzehnten eine rapide Industrialisierung durchlaufen hat. Mit Häppchen und "traditionellen Keksen" lockte das Land gleich zu mehreren Öko-Shows. Klimabotschafter Rae-Kwon Chung, 55, gilt als Pionier einer neuen Staatslehre, des "grünen Wirtschaftswachstums". "Wir haben bisher auf dem falschen Fundament gewirtschaftet, die Zeit blinden Wachstums muss enden", sagt Rae-Kwon Chung.
Rückkehr zum einfachen Lebensstil
CO2-Reduktion sei für Südkorea nicht wie für andere eine Belastung, sondern "ein Geschäftsmodell". Stolze zwei Prozent des Bruttosozialprodukts werde die Regierung künftig für die grüne Revolution ausgeben. Präsident Lee Myung-bak kündigte am Donnerstag an, mit zehn Millionen Dollar ein "Global Institute for Green Growth" zu gründen, wo Ökonomen und Spitzenforscher die Entwicklung vorantreiben sollen. "Wir wollen, dass unsere Bürger weniger Auto fahren und unsere Produkte massiv Strom sparen", sagt der Klimabotschafter, "wir müssen unseren Lebensstil komplett ändern und zu unseren alten Werten des einfachen Lebens zurückkehren."
Allerdings sind die konkreten Ziele dann doch bescheiden: 11 Prozent Ökostrom bis 2030, und 4 Prozent Reduktion gegenüber den Emissionen von 2005. Laut OECD ist der CO2-Ausstoß von Südkorea sogar am schnellsten unter den Industriestaaten gewachsen. Viel zu tun also für Klimabotschafter Rae-Kwon Chung, wenn er von Kopenhagen zurück ist. Noch ist Südkorea ein grüner Zwerg.
Ehrgeizige Ziele auch in Bangladesch
Unweit vom südkoreanischen Event lobt sich Bangladesch für Fortschritte an einer ganz anderen Klimafront. "Wir müssen unsere Bürger schon vor dem Klimawandel retten", sagt Umweltminister Hasan Mahmud. Das Land ist bitterarm, dem Durchschnittsbürger stehen drei Dollar pro Tag zur Verfügung. Dennoch sieht sich die Regierung gezwungen, dieses Jahr hundert Millionen Dollar für die Anpassung an den Klimawandel auszugeben. Das bedeutet im niedrig liegenden, flussreichen Bangladesch besonders Schutz vor Überschwemmungen.
Doch Mahmud kündigt an, das knappe Geld auch in CO2-Reduktion stecken. Der durchschnittliche Bangladeschi setzt 0,9 Tonnen frei: Das ist nichts im Vergleich zu Europa, den USA und China. Wenn diese großen CO2-Verursacher in Kopenhagen tatsächlich kein wirklich ehrgeiziges Reduktionsziel zustande bringen, würde die Ankündigung des Ministers als eine der bittersten Noten der Konferenz in Erinnerung bleiben.
