Von Christian Schwägerl und Christoph Seidler
Klar ist: Der neue Minister wird nicht allein dastehen. Vor allem in den Vorbereitungssitzungen kann er oder sie sich auf ein erfahrenes Verhandlungsteam verlassen. Da ist zum Beispiel der zuständige Abteilungsleiter Urban Rid, ein Jurist, der schon zu Kohl-Zeiten im Kanzleramt Klimapolitik gemacht hat. Oder Karsten Sach, ebenfalls ein Jurist, der seit rund zehn Jahren die Bundesregierung in den oft schwierigen Klimaverhandlungen vertritt. Der Ostholsteiner kennt Probleme, Mitstreiter, Gegner und ist im Kreis der Klimadiplomaten als entscheidende Figur akzeptiert. Auch die Klimadiplomatinnen Nicole Wilke und Ursula Fuentes gelten als extrem erfahren.
"Für das Ministersegment sieht es kritischer aus", beklagt Christoph Bals von der Umweltschutzorganisation Germanwatch. Zwar hätten sowohl Angela Merkel als auch die Umweltminister Trittin und Gabriel gezeigt, dass man auch als Neuling in der Verhandlungen durchaus eine konstruktive Rolle spielen könne. Allerdings erwarte die Welt von Deutschland jetzt mehr - und zwar eine Führungsrolle: "Nachdem die USA für Kopenhagen vermutlich in dieser Rolle ausfällt, steht Deutschland hier in besonderem Maße in der Pflicht. Frau Merkel hat hier ihren Ruf als Klimakanzlerin zu verspielen."
Das Problem: Gerade im Ministersegment der Verhandlungen geht es oft um alles oder nichts. "Die wichtigste Aufgabe für den neuen Amtsinhaber wird es sein, sehr schnell zu erkennen, in welch einzigartige historische Situation er sprichwörtlich hineingeworfen wird", warnt Merkels Klimaberater Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung. Persönliche Beziehungen zwischen den Verhandlungspartnern sind in den langen, oft ermüdenden Verhandlungsrunden entscheidend. Wenn die Nerven blank liegen, müssen die Teilnehmer wissen, wem sie vertrauen können. Ein Neuling wird hier Probleme haben, sich ausreichend schnell Vertrauen zu erarbeiten. Dazu kommt, dass die Verhandlungen selbst auf Ebene der Minister noch immer eine höchst technische Angelegenheit sind.
Manchen Staaten ist bei diesem Gedanken nicht besonders wohl, auch wenn sich niemand öffentlich äußern will. Schließlich gilt es als diplomatisch unfein, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen.
Die richtigen Dinge zur richtigen Zeit sagen
Ein neuer deutscher Minister müsste jedenfalls eine "ziemlich steile Lernkurve" haben, heißt es aus einer EU-Delegation. Einen ganz bestimmten Begriff in den Verhandlungen zu verwenden könne in der ermüdenden Arbeit am Vertragstext beispielsweise quasi eine ganze Welt verändern. Dazu komme die Fähigkeit, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu sagen. Wer die Verhandlungen nicht kennt, dürfte Probleme bei diesem delikaten Timing haben.
Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma: Kanzlerin Angela Merkel muss selbst ran. Die Klimaverhandlungen kennt sie seit 1995. Auf der ersten Vertragsstaatenkonferenz in Berlin begeisterte die junge Umweltministerin durch ihr Verhandlungsgeschick und durch einen mutigen deutschen Vorstoß, die CO2-Emissionen drastisch zu senken. Dass die Klimaverhandlungen damals nicht schon im Keim scheiterten, wird maßgeblich Merkel zugerechnet.
Im Jahr 2007 hat sie sich als "Klima-Kanzlerin" feiern lassen, doch seither kritisieren Umweltschützer, sie vertrete eher Industrieinteressen als die Belange der nächsten Generationen. Kopenhagen ist die beste Chance für Merkel, das Gegenteil zu beweisen - und gleichzeitig eigenhändig ihren neuen Umweltminister anzulernen.
Es geht um extrem viel, wie auch Klimaforscher Schellnhuber noch einmal klar macht: "Ein neuer Amtsinhaber oder eine neue Amtsinhaberin sollte sich darüber im Klaren sein, dass Kopenhagen die vielleicht wichtigste Konferenz der Menschheitsgeschichte sein wird."
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