Plastikmüll im Meer Hier zerstören Joghurtbecher gerade ein Riff

Mehr als 120.000 Korallen haben Forscher für eine neue Studie untersucht. Sie sagen: Plastikmüll macht Meerestiere deutlich anfälliger für Krankheiten. Stimmt das?

Kathryn Berry

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Wer einmal an einem Korallenriff tauchen war, vergisst den Anblick nicht. Überall, so scheint es, ist Bewegung. Farbige Fische aller Größen tummeln sich, manche allein, manche in Schwärmen. Algen wogen sanft hin und her. Und die Korallen selbst beeindrucken durch ihre zahllosen Formen und Farben, Forscher kennen mehrere Tausend Arten.

Doch den Korallen der Weltmeere geht es nicht gut. Erst vor wenigen Wochen haben Forscher um Terry Hughes von der James Cook University in Townsville (Australien) berichtet, dass die Riffe immer häufiger ausbleichen. Das bedeutet, dass winzige Algen absterben, die mit den Korallen in einer Lebens- und Nahrungsgemeinschaft verbunden sind. Und wenn dieses Problem länger andauert, sind auch die Korallen nicht mehr zu retten.

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Vermüllte Riffe: Dreck im Paradies

Als Hauptursache für die Bleichen gilt wärmer werdendes Wasser. "Die Massensterblichkeit von Korallen ist weltweit zur Norm geworden, während die Temperaturen weiter steigen", so Forscher Hughes, der mit seinen Kollegen insgesamt 100 Riffe untersucht hatte.

124.000 einzelne Korallen untersucht

Doch die Bleichen oder die zunehmende Versauerung der Ozeane sind längst nicht die einzigen Probleme. Das machen jetzt Forscher um Joleah Lamb von der Cornell University in Ithaca (US-Bundesstaat New York) im Fachmagazin "Science" noch einmal klar. Sie beschreiben, welche fatalen Folgen die immer größeren Mengen an Plastikmüll im Meer für die Korallen haben können.

Dass Fische und Meeressäuger den Abfall fressen und daran verenden können, dass der Müll auch für Seevögel und Schildkröten zur tödlichen Falle werden kann - all das ist nicht neu.

Doch Lamb und ihre Kollegen zeigen am Beispiel von 159 Riffen im asiatisch-pazifischen Raum, wie sehr auch die Korallen unter dem Plastik leiden. Sie verweisen darauf, dass sich mehr als 55 Prozent der weltweiten Riffe im Untersuchungsgebiet befinden - und dass 275 Millionen Menschen vom Funktionieren der Riffe abhängig sind:

  • als Nahrungsquelle (Riffe sind Heimat für viele Fische),
  • als indirekter Küstenschutz (Riffe bremsen Wellen),
  • für Tourismus und Kultur.

Die Wissenschaftler hatten in der Region insgesamt 124.000 einzelne Korallen auf Gesundheitsschäden untersucht. Außerdem achteten sie penibel darauf, wie viel Abfall jeweils in der Umgebung zu finden war. Demnach fanden sich an einem Drittel der Riffe Müllstücke, die einen Durchmesser von mehr als fünf Zentimetern hatten. Am höchsten war die Konzentration des Unrats in den Meeresgebieten vor Indonesien, am niedrigsten vor Australien.

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Der Abfall bringe massive Probleme mit sich, so die Forscher: "Unsere Studie zeigt, dass Plastikmüll die Anfälligkeit von riffbildenden Korallen für Krankheiten erhöht." Das Team geht nach einer Modellrechnung davon aus, dass etwa 11,1 Milliarden Plastikteilchen in den Riffen der untersuchten Region zu finden sind. Und bis zum Jahr 2025 könnte diese Zahl sogar auf 15,7 Milliarden steigen - und dabei sei der Eintrag von Plastik aus China bedingt durch das verwendete Computermodell noch nicht einmal berücksichtigt.

Erreger bilden Biofilme

Wie soll der Müll im Meer die Korallen nun aber konkret krank machen? Zunächst einmal sind die im Wasser treibenden Kunststoffoberflächen ideale Lebensräume für potentiell schädliche Bakterien. Auf Polypropylen - das Material kommt etwa für Joghurtbecher oder Trinkhalme zum Einsatz - siedeln zum Beispiel gern Bakterien der Gattung Vibrio. Solche Keime sind beim Menschen unter anderem für Wundinfektionen und Durchfallerkrankungen verantwortlich.

Auch Astrid Gärdes vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen betätigt, dass Kunststoff im Meer ein attraktives Zuhause für Krankheitserreger ist. Die Mikrobiologin war nicht an der aktuellen Studie beteiligt. "Im Vergleich zu frei lebenden Bakterien ist die Kolonisation von Pathogenen auf Plastikoberflächen besonders hoch", sagt sie. Die Erreger, so Gärdes, liebten es, Biofilme aufzubauen. Dafür sei eine Oberfläche nötig - und die liefere der Müll.

Jedes Jahr landen schließlich zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikabfall im Meer. Insgesamt hat die Menschheit bisher rund 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert - und nur einen Bruchteil davon recycelt.

Joleah Lamb und ihre Kollegen machen auf Basis ihrer Beobachtungen nun folgende Rechnung auf: Korallen aus müllbelasteten Riffen hätten eine bis zu 20-fach höhere Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen wie etwa die sogenannte Schwarzbandkrankheit. Dabei wandert ein Rand aus krankmachenden Bakterien nach und nach auf dem Gewebe der Korallen entlang - bis dort nichts mehr lebt.

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Schmutzwasser nicht berücksichtigt

Der Plastikmüll könne das Gewebe der Korallen direkt beschädigen oder abtragen, so die Forscher. Es sei auch denkbar, dass die Wundheilung das Immunsystem zu stark beanspruche. Jedenfalls könnten sich die Erreger in der Folge leichter ansiedeln.

Doch Astrid Gärdes warnt vor voreiligen Schlüssen: "Ohne Untersuchungen zur Wasserqualität ist der Nachweis schwer, dass es tatsächlich am Plastik liegt."

Denn in Meeresgebieten mit viel Kunststoffabfall sei normalerweise auch die Belastung mit Schmutzwasser höher. Und in dem fänden sich ohnehin viele giftige Bakterien. Der Eintrag von Nährstoffen über das Abwasser, der im Meer für die Ausbreitung sogenannter Todeszonen sorgt, helfe krank machenden Mikroorganismen bei der Ausbreitung.

Da müssten die Erreger noch nicht einmal über die Plastikoberflächen eingetragen werden, so Gärdes. Auch Sonja Oberbeckmann, Mikrobiologin am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde, äußert sich eher kritisch zur aktuellen Studie. "Es ist beunruhigend, dass so viel Plastik an den Korallenriffen gefunden wurde", sagt die Forscherin, die ebenfalls nicht an der aktuellen Studie mitgeschrieben hat. "Ob das Plastik allerdings hier nur ein Stellvertreter für generelle anthropogene Verschmutzung ist oder tatsächlich eine Erkrankung der Korallen hervorgerufen hat, ist reine Spekulation", warnt sie.


Zusammengefasst: Forscher haben 124.000 Korallen im asiatisch-pazifischen Raum untersucht. Sie warnen, dass diese in vermüllten Riffen ein 20-fach höheres Risiko für Krankheiten haben. Laut einem Computermodell verschmutzen 11,1 Milliarden Kunststoffteile die Riffe der Region - und bis 2025 könnten es sogar 15,7 Milliarden werden. Forscher, die nicht an der Studie mitgearbeitet haben, warnen aber: Der Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Plastikmüll und erkrankten Korallen sei womöglich zu simpel. So müsse auch die Wasserqualität berücksichtigt werden.

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Worldwatch 26.01.2018
1. Sobald Kunststoffmüll ...
... einen internationalen Handelswert erhielte, käme die Kunststoffvermüllung der Meere und Ozeane, Oberflächengewaesser und Flüsse zum erliegen, und dort vorhandener Kunststoffmüll würde intensiv abgefischt. Verbote, inkl. Strafen, werden das indes niemals erreichen. Auch Gewinne generierende Augenwischereien wie die Kunststoff-Abfallsammlungen in der Bundesrepublik und Teilen Europas, sind keine adäquaten Müllverhinderer, bestenfalls daheim -bigotte- Müllverminderer. Mittels ?legaler? Kunststoffmüllexporte in -zumeist- Entwicklungsländer, dann nur ein exportieres Kunststoffmüllproblem, welches häufig seinen Weg in Meere und Ozeane findet.
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