Kostenrechnung Umweltzerstörung könnte Billionen kosten

Erstmals gibt es eine Rechnung über die Folgen der Umweltzerstörung - und sie fällt atemberaubend aus. Bis zu zwei Billionen Euro könnte der Raubbau an der Natur bis zum Jahr 2050 kosten, heißt es in einer internationalen Studie.


Bonn/Leipzig - Ethische Begründungen für Naturschutz gibt es viele. Was bislang weitgehend fehlte, waren Berechnungen des wirtschaftlichen Werts der Artenvielfalt - und damit der Kosten ihres Verlusts. Diese Lücke versucht nun Pavan Sukhdev zu schließen. Die G-8-Staaten hatten den Leiter der Abteilung Globale Märkte der Deutschen Bank beauftragt, einen entsprechenden Bericht auszuarbeiten. Die Zwischenergebnisse stellte Sukhdev am heutigen Donnerstag auf der Bonner Uno-Konferenz zum Schutz der Artenvielfalt vor.

Brandrodung in Indonesien: Verlust von Ökosystem kostet Billionen
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Brandrodung in Indonesien: Verlust von Ökosystem kostet Billionen

Demnach dürfte bei ungebremster Entwaldung das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2050 weltweit um sechs Prozent niedriger ausfallen als bei einem Erhalt der Wälder - das entspräche zwei Billionen Euro. Geht der Verlust an Biodiversität ungebremst weiter, dürfte dies bis 2050 einen Wertverlust ausmachen, der einem weltweiten Konsumrückgang um sieben Prozent entspricht.

Ansonsten beschränkt sich Sukhdev vorerst häufig auf exemplarische Darstellungen. Denn der genaue Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt lasse sich nur schwer ermitteln, da viele natürliche Erträge bei dessen Berechnung bislang nicht berücksichtigt werden. Den BIP-Verlust allein durch eine fortschreitende Entwaldung beziffert Sukhdev aber auf die genannten sechs Prozent, wobei der Effekt für Arme überdurchschnittlich hoch wäre. Schon heute erreicht der Wertverlust allein durch Entwaldung jährlich Billionenbeträge.

Rund 45 Milliarden Dollar pro Jahr betragen die Kosten für Aufbau und Bewirtschaftung eines weltweiten Systems zum Schutz aller Ökosysteme. Den damit erzielbaren Ertrag gibt Sukhdev mit 4,4 bis 5,2 Billionen Dollar an, woraus sich eine extrem günstige Kosten-Nutzen-Relation von 100 zu eins ergeben würde. Dabei sind Schutzgebiete in Entwicklungsländern zehnmal billiger als in Industriestaaten.

Die weltweite Ausweisung von Meeresschutzgebieten im Umfang von 20 Prozent der Gesamtfläche würde für die kommerzielle Fischerei jährliche Einbußen von 270 Millionen Dollar bedeuten. Zugleich könnten damit, weil Überfischung vermieden würde, Fischereieinnahmen im Umfang von 70 bis 80 Milliarden Dollar pro Jahr langfristig gesichert werden. Durch Nichthandeln droht dem Bericht zufolge wegen des Zusammenbruchs der Fischbestände ein Verlust von bis zu 100 Milliarden Dollar und von 27 Millionen Arbeitsplätzen.

Weitere beispielhafte Daten aus dem Sukhdev-Bericht:

  • Der Wert von Mangroven und Feuchtgebieten für den Küstenschutz wird für die USA mit 1000 Dollar pro Hektar angegeben, für Malaysia mit 845 Dollar pro Hektar.
  • Die Befruchtung allein von Kaffeepflanzen durch Wildbienen sei 361 Dollar pro Hektar Anbaufläche wert.
  • Der Wert des Masoala-Nationalparks in Madagaskar für die Erzeugung von Medizin, Erosionsschutz, Tourismus und Forstwirtschaft wird mit elf Millionen Dollar angegeben. Dazu kommen 105 Millionen Dollar für die Bedeutung des Parks beim Absorbieren von Kohlendioxid.
  • In Uganda gab es Konflikte, weil Schutzgebiete für die örtliche Bevölkerung Einnahmeverluste bedeuteten. Inzwischen gehen dort 20 Prozent der mit den Schutzgebieten erzielten Einnahmen an die Bewohner angrenzender Dörfer, wodurch diese ein Eigeninteresse am Erhalt der Artenvielfalt haben.
  • In den USA können Unternehmen Umweltkredite von der Wetland Mitigation Bank erhalten, um damit negative Folgen von Eingriffen in Ökosysteme auszugleichen. Mit dem Geld werden Schutzmaßnahmen an anderer Stelle finanziert. Das Handelsvolumen 2006 betrug 350 Millionen Dollar. Ein ähnliches System gibt es auch in Australien.
  • In Costa Rica wurde ein Verfahren entwickelt, um den Nutzen nationaler Schutzgebiete zu ermitteln und dafür finanzielle Beiträge zu verlangen. Mit dem Geld werden die Schutzgebiete nachhaltig finanziert.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel erklärte, noch immer verdiene man mehr Geld mit der Zerstörung als mit dem Schutz der Natur. "Es gibt keinen Knappheitsindikator, keinen Preis für biologische Vielfalt", erklärte der SPD-Politiker. "Aber es gibt so etwas wie eine Geringschätzung künftiger Güter." Es sei nicht nur erforderlich, den Wert der Artenvielfalt und die Höhe ihres Verlustes zu erforschen. Die eigentliche Frage sei: "Welche Instrumente gibt es eigentlich, dem Schutz der Biodiversität einen Wert zuzuordnen?" Bislang sei der Emissionshandel das einzige Instrument, den Schutz und die Nutzung der Natur zu verbinden.

Schwung nach Finanzzusage

Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Einschätzung Gabriels mit ihrer Finanzzusage in Milliardenhöhe Schwung in die Uno-Artenschutzkonferenz gebracht. Knapp 30 Staaten hätten sich bereit erklärt, Schutzgebiete auszuweisen. Neben Deutschland wollen auch Norwegen und Spanien Mittel für den Kampf gegen die Abholzung der Wälder bereitstellen. Auch nichtstaatliche Geldgeber wie die Umweltinitiative WWF wollen sich beteiligen. Die Bundesregierung will für den weltweiten Waldschutz bis 2012 zusätzlich eine halbe Milliarde Euro zur Verfügung stellen. Ab 2013 soll es dann jedes Jahr ein halbe Milliarde Euro sein.

Die Artenschutzkonferenz unter dem Dach der Vereinten Nationen soll am morgigen Freitag mit der Verabschiedung eines Bonner Mandats zu Ende gehen. Darin wird der Verhandlungsverlauf für die nächsten beiden Jahren festgeschrieben. Die Staatengemeinschaft hat sich im Übereinkommen über die biologische Vielfalt verpflichtet, bis 2010 den Verlust an Artenvielfalt signifikant zu reduzieren.

Merkel gegen Tempolimit auf Autobahnen

Merkel versuchte auch an anderer Stelle, sich als Vorreiterin in Sachen Umweltschutz zu profilieren. Beim Weltverkehrsforum in Leipzig sprach sich die Kanzlerin erneut dafür aus, den erlaubten Ausstoß eines Landes an klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) auf Pro-Kopf-Basis zu bemessen. Derzeit belaste jeder US-Amerikaner das Klima im Schnitt mit 20 Tonnen CO2 im Jahr, ein Europäer mit elf und ein Chinese mit drei Tonnen. "Selbst wenn wir die Steigerung der Weltbevölkerung nicht einrechnen, müssen wir auf vier Tonnen bis Mitte des Jahrhunderts kommen", betonte die Kanzlerin. Klimaexperten fordern ein Pro-Kopf-Maximum von zwei Tonnen CO2 im Jahr 2050.

Anstelle staatlicher Vorgaben zur Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes forderte Merkel "marktwirtschaftliche Instrumente" wie den Emissionshandel. Ziel müsse es sein, die Erderwärmung bei zwei Grad zu halten. Einem Tempolimit auf deutschen Autobahnen erteilte Merkel erneut eine Absage. Es dürfe "keine Konzentration auf Nebenkriegsschauplätze geben", sagte sie. Nötig seien eine bessere internationale Zusammenarbeit beim Klimaschutz und verstärktes Energiesparen. Deutschlands wirtschaftliche Chance als Exportweltmeister liege in der Entwicklung und Vermarktung neuer Umwelttechnologien.

mbe/AFP/AP



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