Studie zum Sozialverhalten Forscher baden Kraken in Ecstasy

Drogen, "Star Wars"-Figuren, Kraken - ein aktuelles Experiment amerikanischer Forscher enthält alles, was Nerds glücklich macht. Es soll neue Erkenntnisse für die Behandlung psychischer Krankheiten liefern.

Kraken (hier in einem Aquarium in Oberhausen, Archivbild)
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Kraken (hier in einem Aquarium in Oberhausen, Archivbild)


Ja, für dieses Jahr sind die Auszeichnungen schon durch. Gerade wurden an der Harvard University in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) die Ig-Nobelpreise für vermeintlich skurrile Forschung verliehen. Es ging um die Rolle von Voodoo-Puppen für die Seelenhygiene von Arbeitnehmern, um achterbahnfahrende Nierensteinpatienten und so weiter. (Lesen Sie hier einen ausführlichen Bericht zur Preisverleihung.)

Einen wohl aussichtsreichen Kandidaten für die Auszeichnung im kommenden Jahr stellen nun die Neuroforscherin Gül Dölen von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) und der Meeresbiologe Eric Edsinger vom Marine Biological Laboratory in Woods Hole (US-Bundesstaat Massachusetts) vor. Im Fachmagazin "Current Biology" berichten sie von Versuchen, bei denen sie Ecstasy an Kraken verabreicht haben - um das Sozialverhalten der Tiere zu untersuchen.

Die Forscher hatten sich spezifisch mit dem Kalifornischen Zweipunktkraken befasst. Deren Vertreter gelten als ebenso intelligent wie asozial. Die Tiere versuchen Kontakt zu Artgenossen zu vermeiden - was spätestens dann zum Problem wird, wenn man zwei von ihnen im selben Aquarium unterbringt. Einzige Ausnahme: ein paar Minuten zur Paarungszeit. Nur wenige Krakenarten, etwa der Pazifische Streifen-Oktopus, gehen einigermaßen zivilisiert mit Artgenossen um.

Die Wissenschaftler wollten nun untersuchen, was die Kalifornischen Zweipunktkraken dazu bringt, zumindest zur Fortpflanzung die gegenseitige Anwesenheit zu tolerieren - und ob bei der zugrundeliegenden biochemischen Reaktion womöglich Ecstasy beziehungsweise MDMA, so die Abkürzung der betreffenden chemischen Substanz, eine Rolle spielt.

Es ist bekannt, dass MDMA etwa beim Menschen die Ausschüttung des Neurotransmitters Serotonin beeinflusst. Und dieser Stoff hat wiederum einen starken Einfluss auf das Sozialverhalten. Die Forscher wollten die evolutionäre Herkunft des Mechanismus klären: Existiert er bereits bei den wirbellosen Kraken, die zwar als hochintelligent gelten, aber über deutlich weniger Neuronen als wir verfügen? Oder ist er ein Privileg der höher entwickelten Wirbeltiere?

Für ihre Experimente setzten die Forscher einen Kraken in ein Wasserbecken, in dem sich bereits ein Artgenosse befand. Das Becken war in drei Abschnitte aufgeteilt: Der in der Mitte war leer, in einem weiteren lagen Star-Wars-Figuren, ein Chewbacca oder ein Stormtrooper. Im dritten Bereich wiederum befand sich ein zweiter Kraken - und zwar unter einem umgedrehten Blumentopf mit Löchern. Dadurch konnten sich die Tiere zwar gegenseitig wahrnehmen, aber nicht verletzen.

Unter normalen Bedingungen entschieden sich die hineingesetzten Kraken für den Raum mit den "Star Wars"-Figuren. Gaben die Wissenschaftler jedoch MDMA ins Wasser, änderte sich das Bild: Die Kraken zog es auf einmal in den Bereich mit dem versteckten Artgenossen. Im Schnitt blieben sie ganze 15 Minuten dort, zeigten sich entspannt und umarmten teilweise den Blumentopf mit mehreren ihrer Arme. Darunter war ja ihr - auf einmal doch nicht mehr so nerviger - Artgenosse.

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Die Wissenschaft hat eine lange, längst nicht immer ruhmreiche Tradition, Tieren Drogen zu verabreichen. Forscher sahen Spinnen auf Koffein oder Mescalin beim Bau ihrer - dadurch ziemlich chaotischen - Netze zu. Sie schickten Hasen, Nagetiere, Affen, sogar Elefanten im Namen der Forschung auf Trips - mit oft zweifelhaften Ergebnissen.

Die Arbeiten von Dölen und Edsinger sollen aber durchaus praktische Anwendungen finden. Es geht um den Einsatz von MDMA in der Psychotherapie, speziell bei Patienten mit Autismus. Zu entsprechenden Pilotversuchen haben Forscher um Charles Grob vom Harbor-UCLA Medical Center in Torrance (US-Bundesstaat Kalifornien) gerade im Fachmagazin "Psychopharmacology" eine Studie veröffentlicht.

Die Reaktion der Kraken soll - wegen der vermuteten biochemischen Ähnlichkeiten bei den zugrunde liegenden Vorgängen - dabei helfen, die Reaktion des menschlichen Gehirns auf eine therapeutische Gabe von Ecstasy besser zu verstehen.

chs

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