Artenschutz-Debatte in Brandenburg Der Kranich-Kampf

Mehr als 100.000 Kraniche machen auf ihrem Flug nach Süden jeden Herbst in Brandenburg Station - für Vogelfans ein einmaliges Erlebnis. Manche Bauern klagen jedoch über Ernteausfälle. Müssen die Vögel nun die Flinte fürchten?

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Wenn die Sonne tief steht über den märkischen Feldern, dann dominieren in Linum die Funktionsjacken. Mit Ferngläsern und Spektiven bewaffnet verfolgen Vogelfans am Rand des kleinen Dorfes im Landkreis Ostprignitz-Ruppin ein beeindruckendes Schauspiel: Über ihren Köpfen schweben Tausende von Kranichen mit lauten Rufen in ihr Nachtquartier.

Um die 2,20 Meter Flügelspannweite haben die ausgewachsenen Exemplare, das ist mehr als die ausgestreckten Arme eines Menschen. Ein majestätischer Anblick, nicht nur für Ornithologen. "Der Kranich ist ein Magnet", sagt Marion Szindlowski. Sie leitet für den Nabu das örtliche Naturschutzzentrum "Storchenschmiede". "Die Leute kommen hier raus, um diesen Glücksvogel anzugucken."

Am Wochenende ist der ganze Ort samt Zufahrtsstraßen zugeparkt, meist von neugierigen Hauptstädtern. Wenn jemand unter den Gästen rote Kleidung trägt, dann schreien die Tiere argwöhnisch, weil ihnen das nicht geheuer ist. Tatsächlich haben die scheuen Kraniche von ihren Bewunderern natürlich kaum etwas zu befürchten. Allerdings gibt es einige Bauern, die weniger gut auf die Tieren zu sprechen sind - weil diese womöglich die Ernte dezimieren. Nun diskutiert Brandenburg über den Kranich.

Einst wurde Linum als Storchendorf bekannt, doch Adebar und Konsorten lassen sich mehr und mehr bitten. In diesem Jahr zogen sieben Brutpaare insgesamt nur neun Junge auf. Dafür kommt der Kranich. Und wie. In den vergangenen Tagen haben sie hier 93.300 Tiere gezählt, was Linum zum größten Kranichrastplatz Mitteleuropas macht.

Biosprit-Boom sorgt für kohlenhydratreiche Snacks

Die Vögel fliegen von ihren Brutgebieten in Skandinavien nach Süden, um dem Winter zu entgehen. Rund um Linum sind die Rückzugsflächen perfekt, dazu kommt die Speisekarte: Dank des Biosprit-Booms säen immer mehr Bauern Mais aus. Der kohlenhydratreiche Snack ist ideal, damit sich die Vögel für ihre Reise in den Süden eine dicke Fettschicht anfressen können.

Pro Tag futtert ein Kranich um die 300 Gramm Mais, zwischen drei Tagen und drei Wochen bleiben die Tiere in Brandenburg. Und genau deswegen gibt es jetzt Diskussionen. Zuletzt sorgte der Präsident des Brandenburger Landesbauernverbands für Aufsehen. Im Interview mit dem RBB-Fernsehen plädierte der Landwirt und SPD-Politiker Udo Folgart für radikale Maßnahmen, um Ernteausfälle zu begrenzen: "Ein Abschuss wäre durchaus ein Ansatz, über den man nachdenken kann."

Das saß, der Aufschrei folgte freilich prompt: "Um Gottes willen. Das geht auf jeden Fall zu weit", zitierte der "Tagesspiegel" den landwirtschaftspolitischen Sprecher der Linken, Michael-Egidius Luthardt. Und Grünen-Kollege Michael Jungclaus stellte klar: "Der Kranich ist eine streng geschützte Art. Eine Tötung ist verboten, das muss auch für die Zukunft gelten."

Lars Lachmann, Referent für Vogelschutz in der Nabu-Bundeszentrale, beklagt im Gespräch eine "Frontalattacke auf eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes" durch den Vorstoß des Bauernpräsidenten. "Wir sagen nicht, dass Kraniche keine Schäden anrichten können. Aber diese sind leicht zu vermeiden und sehr gering."

Die Tiere würden sich am liebsten auf abgeernteten Maisflächen niederlassen. Denn dort kommen sie am einfachsten an Nahrung. Den Bauern entstehen so aber gar keine Verluste. Erst wenn solche Flächen nicht mehr zur Verfügung stünden, würden sich die Vögel auch für frisch ausgesätes Wintergetreide interessieren, sagt Lachmann.

"Das ist unglücklich rübergekommen"

Der Bauernverband ruderte angesichts des öffentlichen Widerstands zurück. "Das ist unglücklich rübergekommen", sagt Pressesprecher Holger Brantsch nun. Also verfassten die Landwirte eine neue Pressemitteilung. Verbandschef Folgart könne sich derzeit nicht persönlich äußern, er sei gerade in Japan unterwegs.

Schriftlich klingt die neue Linie nun so: "Ich denke nicht an den Abschuss des Kranichs, auch wenn meine Äußerung so aufgefasst werden konnte", so Folgart. Das Zitat sei "missverständlich" gewesen. Er habe, so Folgart in der Pressemitteilung, eine Diskussion anstoßen wollen, damit "Landwirte, die enorme Schäden zu erleiden haben, Beratung und einen Ausgleich erhalten".

Verbandssprecher Brantsch schätzt, dass sich die Belastungen der Bauern durch die Kraniche auf 1000 bis 3000 Euro pro Hektar summieren könnten - vor allem, wenn sich die Tiere am Wintergetreide zu schaffen machen. "Manche Bauern kann das ganz hart treffen."

Womöglich war der Vorstoß zum Abschuss der Tiere also nur ein Weg, einen kalkulierten Aufschrei zu provozieren. Um dann in der Diskussion finanzielle Entschädigungen durchzusetzen. Doch so einfach wird das wohl nicht - weil die Schäden durch die Tiere bereits in Beihilfen für die Bauern eingepreist sind. Grünen-Parlamentarier Jungclaus rechnet vor, dass allein die Brandenburger Betriebe jedes Jahr 370 Millionen Euro Direktzahlungen erhielten. Und diese seien eben unter anderem an die Einhaltung der Europäischen Vogelschutzrichtlinie geknüpft. Die schützt auch den Kranich.

Zusätzliche Ausgleichszahlungen halte er für überzogen, erklärt Jungclaus. Auch Nabu-Mann Lachmann sagt, aus den Bauernverbänden gebe es öfter Forderungen, alles, was Schaden anrichte, müsse von der Allgemeinheit bezahlt werden. Das sei aber Unsinn - schließlich hätten die Bauern ja bereits Geld bekommen.

"Vergrämung ist vollkommen legitim"

Die Landwirte wünschen sich auf jeden Fall einen Managementplan für die Kraniche - so wie es ihn in Brandenburg bereits für Biber, Kormorane und Wölfe gibt. Auch bei diesen Arten wird immer wieder einmal über Abschüsse diskutiert - für gewöhnlich ohne Folgen. Doch wenn sich Tiere und Menschen begegnen, droht immer wieder einmal Streit. Durchaus mit nahvollziehbaren Gründen, wie etwa im Oderbruch, wo man Hochwasserschäden durch die Rückkehr der Biber fürchtet. Was die Kraniche angeht: Der Bauernverband schlägt nun vor, die durchreisenden Vögel wenn nötig "zu vergrämen" - mit sogenannten Flatterbändern oder Schüssen in die Luft.

In Linum wird genau das schon getan. Zum Beispiel mit Fahrzeugen, die zur Abschreckung lautstark über die Felder rattern. Kranichmanagement heißt das. "Vergrämung ist vollkommen legitim", sagt Nabu-Frau Szindlowski.

Schwierig wird es freilich, wenn nicht nur wachsame Bauern die Vögel aufscheuchen, sondern wohlmeinende Naturfans. Und das passiert immer wieder, trotz Warnschildern und Absperrungen. Die Vögel fliegen dann nervös auf und verbrauchen unnötig Energie. So könnte den Kranichen von Linum ihre Popularität doch zum Problem werden - weil sie für mehr Störenfriede sorgt.

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insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
drsuelz 26.10.2013
1.
Sorry, aber dieses ewige Landwirtsgejammer kann ich langsam nicht mehr hören... in meiner ostfriesischen/friesischen Heimat ist jedes Jahr das große Klagen zwischen Ems und Jade wegen der durchziehenden Gänse. Ist schon klar, alles einfach abknallen, und die Jäger können da noch einen feiern... Emtschuldigung, wir haben einen Nationalpark Nds. Wattenmeer, diverse FFH-Gebiete, Weltnaturerbe Wattenmeer... ich bin grad nicht informiert, wie das im brandenburgischen Kranichgebiet ist, aber verhungern jetzt die Landwirte wegen dieser anmutigen Vögel? Gibt es nicht so etwas wie Ausgleichszahlungen, damit gewisse Naturschauspiele überhaupt noch möglich sind? Schmeißt doch erstmal die ganzen Jäger in die Tonne... so ein Dreckspack... die fangen bei uns Katzen ein, setzen sie dann am Strand - klar, da wo keine Touristen sind - aus und lassen die Hunde los... ehrlich,da fehlen mir die Worte... und dieses Jägerpack will auch Raben, Krähen, Dohlen, Elstern etc. ungehindert abknallen... und was noch alles? Was sind das für IdiotInnen, die gerne leicht getarnt im Gebüsch rumlungern, um harmloses Wirbelgetier, welches sich arglos in der Gegend bewegt, lustvoll abzuknallen? Sorry, die haben einen an der Waffel, zumal sie gerne noch von Hege und Naturschutz faseln... ich lach mich schief... die wollen abknallen und töten... geben es aber nicht zu, deren interne Sprüche kenne ich allerdings: "Ooooooooch, war das geil, das Reh zu erlegen".... kann auch ein Hase oder Fasan gewesen sein.... aber es ist wohl schon sowat wie ein Orgasmus.... sind dochnicht ganz dicht....
tanmenu 26.10.2013
2. die Bauern
Zitat von sysopDPAMehr als 100.000 Kraniche machen auf ihrem Flug nach Süden jeden Herbst in Brandenburg Station - für Vogelfans ein einmaliges Erlebnis. Manche Bauern klagen jedoch über Ernteausfälle. Müssen die Vögel nun die Flinte fürchten? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/kranich-loest-artenschutz-debatte-in-brandenburg-aus-a-929761.html
für alles soll Geld rueber kommen. Hinten und Vorne wird es vom Staat reingeblasen. Nein es muss ein noch so bloeder Erpressungsversuch her um weiter Geld in die Kasse zu bekommen. BUND und NABU halten sich bedeckt, weil sie ja bei den Gefaelligkeitsgutachten für die Windräder, Vogelmord in Kauf nehmen.
lronmcbong 26.10.2013
3. optional
Abschuss ist immer eine gute Idee! Zeigt immerhin das geistige Niveau, aber er ist auch Bauernpräsident, wer hätte da etwas anderes erwartet. Das einzige was er kann ist eh nach Subvention schreien, das hiesige Wetter für eine schlechte Ernte verantwortlich machen und am Ende des Jahres Rekorderträge vermelden. Nichts anderes ist in den letzten Jahren passiert. Hütet schön eure Mais-Monokulturen und meckert dann rum, dass niemand in das komische Brandenburg will!
phboerker 26.10.2013
4.
"Vergrämen" ist der korrekte Fachausdruck, weshalb es keine Notwendigkeit für die Gänsefüßchen im Artikel gibt.
Europa! 26.10.2013
5. Weit übertrieben
Zitat von sysopDPAMehr als 100.000 Kraniche machen auf ihrem Flug nach Süden jeden Herbst in Brandenburg Station - für Vogelfans ein einmaliges Erlebnis. Manche Bauern klagen jedoch über Ernteausfälle. Müssen die Vögel nun die Flinte fürchten? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/kranich-loest-artenschutz-debatte-in-brandenburg-aus-a-929761.html
Ja, ich bin in Linum gewesen zum "Kraniche gucken". War auch ein toller Anblick, besonders wenn sie über einen hinwegfliegen und laut trompeten. Schöne Vögel! Und die Bauern haben keinen Grund zur Klage: Die Vögel haben nur auf den leeren Maisfeldern rumgepickt, aber wir haben fünf Kilo Kartoffeln, zwei Kilo Walnüsse, sechs Gläser Marmelade, Leberwurst und einen dicken Sechs-Kilo-Kürbis gekauft. Das dürfte den Schaden für die Landwirte doch etwas reduziert haben.
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