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Bakterien: Klimawandel steigert Keim-Gefahr in der Ostsee

Der Klimawandel macht sich auch in der Ostsee bemerkbar - und zwar unangenehm. Laut einer neue Studie fördert das wärmere Wasser die Vermehrung potentiell gefährlicher Bakterien. Mit jedem Grad höherer Wassertemperatur werde sich die Zahl der Krankheitsfälle verdoppeln.

Vibrio-vulnificus-Bakterien unter dem Elektronenmikroskop: Verbreitung dank Klimawandel Zur Großansicht
dapd

Vibrio-vulnificus-Bakterien unter dem Elektronenmikroskop: Verbreitung dank Klimawandel

Die globale Erwärmung beeinflusst nicht nur das Wetter, sondern auch die Verbreitung von Krankheitserregern. Das betrifft auch Deutschland, wie eine aktuelle Studie jetzt ergeben hat: Die steigenden Temperaturen fördern demnach die Vermehrung krankmachender Bakterien in der Ostsee.

Bereits jetzt infizierten sich in warmen Sommern immer mehr Menschen mit Vibrio vulnificus, einem Erreger von Wundinfektionen, Durchfall und Blutvergiftungen, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachmagazin "Nature Climate Change". Auch der eng verwandte Cholera-Erreger, Vibrio cholerae, sei auf dem Vormarsch. Ursache für die Ausbreitung der Bakterien sei das wärmer werdende Meerwasser.

Für jedes Grad, das sich die Ostsee zukünftig erwärme, werde sich die Anzahl der Krankheitsfälle um fast das Doppelte erhöhen. Betroffen von diesem steigenden Infektionsrisiko seien vor allem die dicht besiedelten Küsten der mittleren und südlichen Ostsee, warnen die Wissenschaftler. Neben Dänemark und Südschweden betrifft dies auch Deutschland und Polen.

"Dies ist einer der ersten Belege dafür, dass der Klimawandel Vibrio-Krankheitserreger auch in gemäßigte Regionen vordringen lässt", schreiben Craig Baker-Austin vom Centre for Environment, Fisheries and Aquaculture Science im britischen Weymouth und seine Kollegen. Das zeige, dass die menschengemachte Erwärmung auch die Verteilung von Infektionskrankheiten zu verändern beginne.

Neben dem Cholera-Erreger Vibrio cholerae kommt in warmem Meerwasser vor allem das Bakterium Vibrio vulnificus vor. Es ruft bei gesunden Menschen Durchfall, Erbrechen und Bauschmerzen hervor. Gelangt es über Wunden in den Blutkreislauf oder ist das Immunsystem der Erkrankten geschwächt, kann es auch lebensbedrohliches Fieber und eine Blutvergiftung auslösen.

Ostsee erwärmt sich schneller als andere Meere

Die Forscher analysierten die bisherigen Fälle von Infektionen durch wasserlebende Bakterien im Ostseeraum. Auf Basis gängiger Klimaprognosen ermittelten sie zudem, wie sich das Infektionsrisiko bis 2050 entwickeln wird.

Die Bakterien der Vibrio-Gruppe bevorzugen normalerweise Wasser von mindestens 15 Grad Celsius sowie niedrige Salzgehalte. Lange Zeit war die Ostsee in weiten Teilen zu kalt, so dass die Erreger nicht auf Dauer überleben konnten. Durch den Klimawandel hat sich dies jedoch geändert. "Allein zwischen 1982 und 2007 sind die Wassertemperaturen in der Ostsee um 1,35 Grad Celsius angestiegen - das ist siebenmal mehr als im globalen Durchschnitt", sagen die Forscher. Die Ostsee sei damit das sich am schnellsten erwärmende Meeresökosystem überhaupt.

Das wärmer werdende Ostseewasser bietet den Krankheitserregern immer bessere Lebensbedingungen. Sie können sich schneller vermehren, und auch ihre krankmachende Wirkung nimmt zu, wie die Forscher berichten. Während der extrem warmen Sommer 1994, 2003 und 2006 habe es an der Ostseeküste bereits zahlreiche Berichte über infizierte Wunden und auch Cholerafälle gegeben. Allein im Jahr 2006 steckten sich 67 Menschen beim Baden oder Wassersport mit Vibrio-Erregern an, einige starben.

Risiko für 30 Millionen Menschen steigt

Bis zum Jahr 2050 werde die Anzahl der Vibrio-Infektionen deutlich zunehmen, wenn die Erwärmung der Ostsee weiter fortschreite, glauben die Forscher. Jedes Grad mehr an Wassertemperatur erhöhe die Infektionszahl um das 1,93-fache. Krankheitsfälle seien dann nicht mehr nur in extrem warmen Sommern zu erwarten. Außerdem werde sich das Risikogebiet weiter nach Norden ausbreiten. Dann könnten auch Ballungsgebiete wie Stockholm und St. Petersburg gefährdet sein.

"Mehr als 30 Millionen Menschen leben weniger als 50 Kilometer von der Ostsee entfernt", schreiben Baker-Austin und seine Kollegen. Diese Bevölkerung trage ein zunehmendes Risiko, sich über offene Wunden, verseuchte Meeresfrüchte, aber auch verschlucktes Wasser mit den Vibrio-Keimen zu infizieren.

mbe/dapd

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1. Auf welchem Planeten...
turnus 22.07.2012
Zitat von sysopdapdDer Klimawandel macht sich auch in der Ostsee bemerkbar - und zwar unangenehm. Laut einer neue Studie fördert das wärmere Wasser die Vermehrung potentiell gefährlicher Bakterien. Mit jedem Grad höherer Wassertemperatur werde sich die Zahl der Krankheitsfälle verdoppeln. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,845798,00.html
...leben unsere "Klimaforscher"? Merken sie nicht, dass die alten apokalyptischen Klima-und Ökokamellen nicht mehr so richtig ziehen? Ich habe vor 30 Jahren in der Grundschule gelernt: "1990 ist der Nadelwald weg!" Na ja, so ist das eben, wenn die Wissenschaft von Ideologen übernommen wird.
2. Ist der gesunde Mensch krank?
compone 22.07.2012
"Es ruft bei gesunden Menschen Durchfall, Erbrechen und Bauschmerzen hervor" Diese Aussage ist unsinnig. Ein gesunder Mensch hat weder Durchfall, Erbrechen noch Bauchschmerzen. Sonst wäre er ja kein gesunder Mensch.
3. xxx
Schleswig 22.07.2012
Zitat von sysopdapdDer Klimawandel macht sich auch in der Ostsee bemerkbar - und zwar unangenehm. Laut einer neue Studie fördert das wärmere Wasser die Vermehrung potentiell gefährlicher Bakterien. Mit jedem Grad höherer Wassertemperatur werde sich die Zahl der Krankheitsfälle verdoppeln. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,845798,00.html
Warmes Wasser? Dann muss ich an einer anderen Ostsee wohnen.
4. Die Chancengleichheit der Natur
franz-burbach 22.07.2012
Wenn immer sich die Bakterien durch wärmer werdendes Ostseewasser vermehren sollten, werden die antibakteriellen Keime, bekannt als Antibiotika, die gleichen Chancen zur Vermehrung auch haben. Sonst könnte man seit tausenden Jahren nicht mehr an Südseestränden schwimmen. Es ist die gleiche Mär wie bei den üblichen Oel-Verschmutzungsmeldungen die auch regelmäßig für Panik sorgen und genau so schnell wieder verschwunden sind. Die Natur hat ihre eigene Stärke, auch gegen Schwarzmalerei.
5. Wer hat die Studie bezahlt?
mueller-thurau 22.07.2012
Meldungen heute, am 22.7.12: Wasser Usedom 17 Grad. Wasser Rügen 15 Grad. Wasser Lübecker Bucht 17 Grad. Wir haben nach fünf Tagen Heringsdorf wegen der andauernden Kälte verlassen. Wer sich bei seiner Ferienplanung auf den angekündigten Klimawandel verlässt, darf frieren. Dabei hätten wir lieber auf Mark Twain hören sollen: "Prognosen sind schwierig - vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen." Claus Peter Müller-Thurau
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Jeder Mensch trägt täglich weiter zur Erderwärmung bei - mit Steak-Konsum, Flügen nach Mallorca und der Autofahrt ins Büro. Kennen Sie Ihre persönliche CO2-Bilanz? Finden Sie es heraus im Klima-Quiz von SPIEGEL ONLINE.

Wie funktionieren natürliche Kohlenstoffsenken?
Wälder
Wenn Bäume wachsen, dann nehmen sie über die Photosynthese Kohlendioxid auf. Je natürlicher die Wälder dabei sprießen, desto mehr CO2 kann gebunden werden. Den Kohlenstoff speichern die Pflanzen zum Beispiel in ihrem Holz oder in den Wurzeln. Wenn die Bäume absterben und verrotten - oder wenn sie verbrennen -, dann wird das CO2 wieder frei. Die Wälder sind also nur ein CO2-Zwischenlager. Wenn sich aber die Waldgebiete auf ehemals landwirtschaftliche Flächen ausdehnen - wie zumindest an einigen Stellen der Nordhalbkugel - dann ergibt sich eine positive Klimawirkung.
Böden
Auch Böden binden große Mengen Treibhausgase. Der Permafrost in den arktischen Regionen schließt zum Beispiel seit der Eiszeit große Mengen Kohlenstoff aus nicht vollständig verrotteten Pflanzen ein. Auch in Mooren lagern große Mengen Kohlenstoff. Wenn der Permafrost taut oder die Moore trocken fallen, dann können Kohlenstoffquellen entstehen.
Ozeane
Die Weltmeere sind die wichtigste Kohlenstoffsenke des Planeten. Aus der Atmosphäre gelangt das CO2 in das Meerwasser. Dort löst es sich, weil seine Konzentration im Wasser niedriger ist als in der Luft. Durch Meeresströmungen gelangt ein Teil des CO2-reicheren Wassers in die Tiefsee, wo es Hunderte von Jahren verbleiben kann. Auch organische Sedimente am Ozeanboden können große Mengen Kohlenstoff speichern. Die zunehmende Aufnahme von CO2 macht das Ozeanwasser allerdings auch immer saurer, was zum Problem für Schalentiere und Korallen werden kann - denn deren kalkhaltige Schalen werden durch die entstandene Kohlensäure im Wasser aufgelöst.

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