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Kritik an Computersimulationen: Trüber Blick in die Aschewolke

Führen Computersimulationen die Menschheit in die geistige Knechtschaft? Der Informatiker David Gelernter zeichnet in der "FAZ" ein solches Szenario. Übrig bleibt am Ende nur eine finstere Endzeitvision - aber nichts Erhellendes, entgegnet SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Markus Becker.

Simulierte Ausbreitung von Ruß: Führen uns Computermodelle in die Abhängigkeit? Zur Großansicht
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Simulierte Ausbreitung von Ruß: Führen uns Computermodelle in die Abhängigkeit?

Und wieder treiben Computer ihr finsteres Spiel - dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man in den vergangenen Monaten die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) gelesen hat.Das neueste Kapitel: Ein Beitrag des amerikanischen Informatikprofessors David Gelernter über die Gefahren des Vertrauens in Computersimulationen.

"Die Aschewolke aus Antiwissen" lautet der Titel des Beitrags, doch schnell wird klar, worum es Gelernter eigentlich geht - um die Klimaforschung, oder genauer: um die Klimamodellierung.

Gelernter sieht zwei Gefahren: Die Gesellschaft laufe Gefahr, sich blind komplexer Software anzuvertrauen, ohne zu wissen, wie sie eigentlich funktioniert. Das habe zur Folge, dass sich eine intellektuelle Passivität ausbreite, die die Menschen schließlich in die unheilvolle Abhängigkeit von Computern führe.

Nur: Wie das passieren soll, erklärt er nicht. Sein Beitrag klingt nach einer Art Wissenschaftspessimismus, der sich anscheinend die einfache, übersichtliche Welt früherer Jahrhunderte zurückwünscht. Frei nach dem Motto: Je mehr man weiß, desto mehr weiß man, dass man nichts weiß - also lässt man es besser gleich. Wissen kann so belastend sein.

Mehr Wissen, mehr Komplexität

Wahr ist, dass die Menge an publiziertem Wissen seit Jahrzehnten geradezu explodiert, und mit dem Wissen die Spezialisierung in den einzelnen Disziplinen. Es ist sicherlich wünschenswert, die teils starren Grenzen zwischen den Fachrichtungen zu durchlöchern und für mehr Austausch zu sorgen. Das aber ist vor allem ein Problem wissenschaftlicher Infrastrukturen oder der Forschungskultur. Die grundlegende Tatsache - dass die zunehmende Spezialisierung als Produkt der immer schnelleren Anhäufung von Wissen nicht gestoppt, geschweige denn rückgängig gemacht werden kann - bleibt davon unberührt.

Gelernter aber argumentiert, als ob dieser Fakt nicht existierte oder irgendwie aus der Welt geschafft werden könnte. Die "Aschewolke aus Antiwissen", so viel wird schnell klar, sieht Gelernter vor allem über der Klimaforschung wabern. Die "falschen Vorhersagen" der Softwaremodelle würden "durch das ehrwürdige Imprimatur der wissenschaftlichen Priesterschaft abgesegnet", von der Presse bereitwillig in Umlauf gebracht und von den Vereinten Nationen "überhastet gebilligt".

Es verwundert nicht nur, dass Gelernter behauptet, die Vorhersagen der Klimamodelle seien falsch - wo er doch ansonsten betont, eben das könne man nicht wissen. Auch sonst reibt man sich die Augen: Überhastet? Der Uno-Klimarat IPCC wurde 1988 gegründet, und seitdem debattieren Wissenschaftler und Politiker ohne Unterlass. Wer diesen Prozess "überhastet" nennt, hat vermutlich noch nie einem Uno-Klimagipfel beigewohnt. Eine solche Veranstaltung kann einen Klecks Teer wie einen schnell fließenden Strom wirken lassen. Überhastet geht es dort sicher nicht zu, und gebilligt wurde nach zwei Jahrzehnten des Diskutierens bis heute nichts Handfestes.

Wann bremst der Autofahrer im Nebel?

"Kohlendioxidemissionen könnten die zivilisationsbedingte Erderwärmung verursachen; wir wissen es noch nicht", bemerkt Gelernter. Damit hat er streng genommen Recht. Nur bleibt er die Schlussfolgerung schuldig. Letzte Wahrheiten vermittelt die Wissenschaft grundsätzlich nicht - die Frage ist also, wann die Grenze erreicht ist, an der anhand der vorliegenden Indizien entschlossenes Handeln gerechtfertigt erscheint.

Die Mehrheit der Wissenschaftler sieht diese Grenze erreicht. Ein beliebter und treffender Vergleich lautet: Wer mit einem Auto durch den Nebel rast und weiß, dass sich irgendwo vor ihm eine Klippe befindet, wird sofort bremsen - vorausgesetzt, er besitzt einen Funken gesunden Menschenverstand. Gelernter aber scheint vorzuschlagen: Man soll ruhig 200 Meter weiterrasen, solange kein Beweis vorliegt, dass die Klippe schon in 100 Metern erreicht ist. Wenn man sie dann sieht, kann man versuchen, noch rechtzeitig zu bremsen - oder hoffen, dass der Sturz nicht so tief ausfällt. Genau erfährt man aber nicht, was Gelernter eigentlich will, denn er lässt auch hier die Frage offen, was die Computermodelle ersetzen soll.

Allenfalls eine Andeutung lässt sich gewinnen: Man solle doch eben den "elementarsten gesunden Menschenverstand" benutzen. Es scheint Gelernter nicht weiter zu stören, dass er eben noch ausgeführt hat, das Werkzeug namens Software sei inzwischen selbst Fachleuten mitunter zu komplex. Der Anspruch, gesunder Menschenverstand allein könne hier richtig von falsch trennen, klingt nach blanker Hybris.

Billionen wären nicht verwettet, sondern gut angelegt

Man muss nicht einmal über die potentiellen Gefahren des anthropogenen Klimawandels debattieren, um zu erkennen, dass Gelernters Argumentation in die Sackgasse führt. Denn Klimawandel hin oder her, eines ist sicher: Die irdischen Ressourcen an fossilen Energien sind endlich, und sie werden in vergleichsweise kurzer Zeit versiegen. Je früher die Zivilisation ihre Existenz von diesem wackligen Fundament holt und auf ein stabileres, nachhaltiges stellt, desto geringer wird der ökonomische Schaden ausfallen.

Die Dollar-Billionen, die Gelernter in seinem Beitrag beim Einsatz von Computersimulationen "auf einen Würfelwurf" gewettet sieht, wären in Wahrheit gut investiert - wenn sie denn investiert würden. Gelernter tut so, als sei das längst beschlossene Sache. Doch die Weltgemeinschaft hat mitnichten beschlossen, auf diese Weise zu handeln. Wo in großem Stil Geld in alternative Energien investiert wird, geschieht das vor allem wegen der Hoffnung auf finanzielle Profite.

Hätte die "FAZ" Gelernters Beitrag vor etwa einem halben Jahr veröffentlicht, wäre man noch eher geneigt gewesen, ihm zum Teil zuzustimmen: Tatsächlich war die Klimaforschung damals bei den Medien auf ein gewisses, wenn auch nicht uneingeschränktes Wohlwollen gestoßen. Inzwischen aber fragt man sich, auf welcher Insel der Computerwissenschaftler die vergangenen Monate verbracht haben könnte. Der atemberaubende Vertrauensverlust jedenfalls, den die Klimaforschung durch die Affären um gestohlene E-Mails und Fehler im letzten IPCC-Bericht erlitten hat, scheint ihm auf rätselhafte Weise entgangen zu sein.

Was tun die Simulationen?

Mit jener uneingeschränkten Naivität und Kritiklosigkeit, wie sie Gelernter unterstellt, wurden die Computerberechnungen der Klimawissenschaft ohnehin nie in der Öffentlichkeit aufgenommen - selbst nicht in den kritikärmsten Zeiten. Und innerhalb der Fachgemeinde hat es schon immer teils heftige Auseinandersetzungen um Richtig und Falsch gegeben, insbesondere bei den Computermodellen.

Falls Gelernter nun vorschlägt, diesen wissenschaftlichen Diskurs - der freilich nicht ohne Schwächen ist - durch eine andere Art der Kontrolle zu ersetzen, dann sollte er erklären, wie genau er sich das vorstellt.

Düstere Anspielungen auf kommendes Unheil sind in diesem Zusammenhang wenig hilfreich. "Heute stoppt die Computersimulation den Flugverkehr, zu Kosten, die täglich in die Hunderte Millionen gehen", zitiert Gelernter aus einem Beitrag von "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher vom 19. April. "Was wird sie morgen tun? Was tut sie jetzt schon, ohne dass wir es ahnen? Und was ist der Preis?"

Ja, was? Auf Gelernters Versuch einer Antwort wartet der Leser ebenso gespannt wie vergeblich. Düstere Visionen einer Technologie, die sich zur Herrscherin der Menschheit aufschwingt, sind fast so alt wie die Technologie selbst. Aufgeklärt haben sie noch niemanden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
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1. Kleine Anmerkung
Rusty_James, 26.04.2010
Wer bringt denn den ganzen Schmarn überhaupt unter's Volk und in die Köpfe der Leute? Und wer zeigt dann immer mit dem Finger auf die anderen und schiebt ihnen den schwarzen Peter zu, wohlgemerkt natürlich immer erst nachdem die Show gelaufen ist ? Klimakatastrophe, Schweinegrippe und Vulkanasche - wäre doch alles undenkbar gewesen ohne Deutschlands Nachrichtenmagazin Numero Uno.
2. Danke schön
pulegon 26.04.2010
Zitat von sysopFühren Computersimulationen die Menschheit in die geistige Knechtschaft? Der Informatiker David Gelernter zeichnet in der "FAZ" ein solches Szenario. Übrig bleibt am Ende nur eine finstere Endzeitvision - aber nichts Erhellendes, entgegnet SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Markus Becker. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,691329,00.html
Danke schön für diesen Hauch Reflektion, auch wenn er nicht der persönlichen Arbeit entgegengebracht sondern der Arbeit anderer. Es lässt hoffen, das das Nachdenken vor dem Artikelschreiben noch nicht ganz wegrationalisiert wurde.
3. The Gelernter Net - Just a more sophisticated Schäuble Phenomena?
Haarp 26.04.2010
Ein wenig mehr Background wäre mal wieder schön, lieber Spiegel. Um zu wissen wo hier die Fronten verlaufen,wäre es nicht uninterresant zu erwähnen, dass David Gelernter ein Opfer des UNA-Bombers war. Frappierend daher auch die Thematik und Richtung seiner Thesen (Verweise hier auf die Dokumentation des deutschen Filmemachers Lutz Dammbeck: http://www.bpb.de/files/0WJLDC.pdf und sein Interview mit Gelernter: http://mediathek.bpb.de/Medien%20und%20Kommunikation/objekt_118.html;jsessionid=0FA4DB5110C64B070CB6954E507B1941 Just a more sophisticated Schäuble Phenomena?
4. Nö!;
Müller Karl 26.04.2010
Zitat von sysopFühren Computersimulationen die Menschheit in die geistige Knechtschaft? Der Informatiker David Gelernter zeichnet in der "FAZ" ein solches Szenario. Übrig bleibt am Ende nur eine finstere Endzeitvision - aber nichts Erhellendes, entgegnet SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Markus Becker. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,691329,00.html
Es handelt sich immer nur um Hilfskonstrukte, mehr nicht Ein Naturwissenschaftler sollte sich davon nicht blenden lassen, der Laie hat in der Regel das "Handwerkszeug" zur Beurteilung nicht. Auch das komplex aufgesetzte Modell ist nur so schlecht wie sein Input und liefert sowieso nur Hinweise auf mögliche Korrelationen. Der NaWi darf dann die so gefundenen Optionen auf Kausalität prüfen......, denn Korrelieren allein ist Schall und Rauch! MfG Karl Müller
5. Nur wenn diese "Computersimulationen"
alex300 26.04.2010
Zitat von sysopFühren Computersimulationen die Menschheit in die geistige Knechtschaft? Der Informatiker David Gelernter zeichnet in der "FAZ" ein solches Szenario. Übrig bleibt am Ende nur eine finstere Endzeitvision - aber nichts Erhellendes, entgegnet SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Markus Becker. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,691329,00.html
politisch motiviert sind. Das haben wir eindrucksvoll an den computersimulierten "Massenvernichtungswaffen" im Irak gesehen.
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