Von Markus Becker
Danach aber ging der Einfluss der Wissenschaft auf die Politik zurück - bis hin zu dem Tiefpunkt während der Amtszeit von George W. Bush, was unter anderem dazu führte, dass die USA im Kampf gegen den Klimawandel um Jahre zurückfielen.
In den Vereinigten Staaten wird, wie auch in Deutschland nach dem Pisa-Schock, gern der "wissenschaftliche Analphabetismus" für die Sprachlosigkeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft verantwortlich gemacht. Das aber dürfte der falsche Ansatz sein, argumentieren die US-Journalisten Chris Mooney und Sheril Kirshenbaum in ihrem jüngsten Buch "Unscientific America": Zum einen sei es illusorisch, zu glauben, man könne einen bedeutenden Teil der Bevölkerung per Schulunterricht in die Lage versetzen, wissenschaftlichen Debatten im Detail zu folgen. Selbst Fachleute müssten gehöriges Wissen ins Feld führen, um etwa die Argumente von Klimawandel-Skeptikern zu entkräften.
Nicht jeder kann Klimaforscher sein
Zum anderen sei solches Detailwissen in der breiten Bevölkerung auch gar nicht notwendig. Wichtig sei vielmehr, dass die Gesellschaft versteht, wie wichtig Forschung ist. Die Wissenschaft müsse "einen viel höheren Stellenwert in Politik und Medien besitzen, eine wesentlich größere Relevanz im täglichen Leben einnehmen" und "die Agenda für die Zukunft bestimmen, so weit wir sie absehen können", schreiben Mooney und Kirshenbaum.
Klimaforscher Schellnhuber sieht durchaus "die Chance einer Renaissance der Forschung in der öffentlichen Kultur Deutschlands". "Das Interesse an Wissenschaft ist in der Öffentlichkeit prinzipiell vorhanden", sagte Schellnhuber im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das müssen wir nutzen." Die Aufgeschlossenheit gegenüber der Wissenschaft sei derzeit größer als in den vergangenen 20 Jahren. "Als Physiker und Mathematiker wurde ich früher fast schon als Zombie angesehen", so Schellnhuber. "Das hat sich glücklicherweise geändert." Auch bei Politikern bestehe generell die Bereitschaft, Ratschlägen aus der Wissenschaft zu folgen - "aber nur, wenn die Öffentlichkeit das fordert".
"Ordinarien-Arroganz noch nicht überwunden"
Die aber werde zu wenig über wissenschaftliche Zusammenhänge informiert. Die Verantwortung dafür sieht Schellnhuber sowohl bei Nachrichtenmedien, die wissenschaftliche Themen in ihrer täglichen Berichterstattung weitgehend ausblenden, als auch bei der Forschergemeinde. "Manche Wissenschaftler bedenken nicht, dass sie mit öffentlichen Geldern finanziert werden und der Öffentlichkeit Informationen über ihre Arbeit schuldig sind", sagt Schellnhuber. "Die Ordinarien-Arroganz der Nachkriegszeit ist in Deutschland leider immer noch nicht ganz überwunden."
Fraunhofer-Präsident Bullinger pflichtet bei: Der Dialog mit der Öffentlichkeit sei eine Aufgabe für "das breite Feld" der Wissenschaftler, nicht nur für die Top-Funktionäre. "Und dieser Diskurs kann nicht entlang unserer Wissenschaftssystematiken stattfinden." Im Zweifel müssten Forscher den Mut finden, mit ihren Erkenntnissen auch dann an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn sie noch nicht den allerletzten Zweifel ausgeräumt hätten.
Zwar sei die Entwicklung der Forschungsfinanzierung in Deutschland derzeit durchaus positiv, doch Gefahr drohe durch die Wirtschaftskrise. "Es scheint derzeit noch offen, ob die Überschuldung der Haushalte dazu führen wird, dass Wissenschaft wieder als Luxus angesehen wird", sagt Schellnhuber. Ähnlich äußerte sich Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Die Politik sei zur Ausgabe von Milliardenbeträgen bereit gewesen, weil gefährdete Banken als "systemrelevant" erkannt worden seien. "Was aber kann in einem rohstoffarmen und hoch entwickelten Staat wir Deutschland systemrelevanter sein als eine solide Basis für Forschung und Bildung?"
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