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Fremde Art bedroht Madagaskars Tierwelt: Die Kröten-Invasion

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Invasion in Madagaskar: Die gefährliche Kröte Fotos
Jonathan Kolby

Sie sind giftig, übertragen Krankheiten und vermehren sich rapide: Eine Invasion fremder Kröten bedroht die einzigartige Umwelt Madagaskars - auch der Mensch ist nicht sicher.

Kürzlich sind auf Madagaskar erste Exemplare von dort nicht heimischen Schwarznarbenkröten (Duttaphrynus melanostictus) gesichtet worden. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Nature" warnen Forscher vor den Folgen einer Invasion - und rufen dazu auf, die Kröten zu stoppen, solange es noch möglich ist.

Eigentlich war Jonathan Kolby von der australischen James Cook University auf Madagaskar, um für seine Doktorarbeit die Ausbreitung von Amphibienkrankheiten zu untersuchen. Doch dann fand er etwas ganz anderes, was sich auf der Insel ebenfalls ausbreitete: sechs Schwarznarbenkröten - die auf Madagaskar eigentlich gar nicht vorkommen dürften.

"Wahrscheinlich wurden sie versehentlich eingeschleppt", berichtet Kolby. "Da wir die Kröten nur sechs Kilometer von Madagaskars größtem Hafen entfernt gefunden haben, kamen sie wohl in Containern dorthin, die Waren aus Asien enthielten."

Wenn schon zufällig an nur einem Ort mehrere Kröten auftauchen, wird die Dunkelziffer entsprechend hoch sein. Es läuft bereits eine Feldstudie, um das volle Ausmaß der Invasion zu erfassen.

Ein Weibchen kann 40.000 Eier auf einmal legen

"Es ist ganz gleich, wie viele es sind - entscheidend ist, dass ihre Anzahl bereits jetzt schon ausreicht, um sich erfolgreich vermehren zu können", sorgt sich Kolby. Grund genug, gemeinsam mit elf weiteren Kollegen einen Aufruf in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Nature" zu veröffentlichen, in dem die Forscher Maßnahmen fordern, um die Invasion zu stoppen.

Die drohende Gefahr bestätigt Frank Glaw, Amphibienspezialist an der Zoologischen Staatssammlung München. Gerade vor zwei Wochen ist er selber aus Madagaskar zurückgekehrt. "Inzwischen wurden dort schon sehr viele ausgewachsene Schwarznarbenkröten und auch zahlreiche Kaulquappen gefunden", berichtet er.

"Die müssen sich dort schon seit einigen Jahren vermehren." Bekannt seien derzeit mindestens zwei getrennte Populationen, eine direkt in der Hafenstadt Toamasina und eine südlich davon. "Es spricht vieles dafür, dass sie inzwischen eine sehr ernst zu nehmende Bedrohung sind."

Ob sich die Schwarznarbenkröte noch aufhalten lässt, ist ungewiss. Die Art gilt als extrem anpassungsfähig an eine ganze Reihe unterschiedlicher Umweltbedingungen. Außerdem ist sie in der Lage, sich schnell zu vermehren: Ein Weibchen kann 40.000 Eier auf einmal legen.

Sie kann lange Strecken in kurzer Zeit zurücklegen

Und die Schwarznarbenkröten sind zudem noch sehr mobil: Sie können selbst lange Strecken in relativ kurzer Zeit zurücklegen. Wie so eine erfolgreiche Invasion aussieht, hat die Aga-Kröte in Australien vorgemacht. Die invasive Art breitete sich rasant mit einer Geschwindigkeit von 55 Kilometern pro Jahr aus - mit verheerenden Folgen für das Ökosystem. Amphibien, Reptilien und Säugetiere verendeten an dem giftigen Sekret der Kröte, ganze Arten verschwanden für immer aus der Fauna Australiens.

Auch die Schwarznarbenkröte ist giftig - und die Fauna Madagaskars trifft dieses Gift völlig unvorbereitet. "Das wird jede Tierart Madagaskars zu spüren bekommen, die versucht, eine Schwarznarbenkröte zu fressen - in jedem Stadium der Entwicklung, vom Ei bis zum ausgewachsenen Exemplar", beklagt Kolby.

Außerdem, fürchtet der Biologe, könnte die Kröte amphibische Krankheiten nach Madagaskar einschleppen und zu ihrer Verbreitung dort beitragen - zum Beispiel den tödlichen Chytridpilz (Batrachochytrium dendrobatidis) oder den Ranavirus - die Hunderte von Amphibienarten bedrohen.

Und auch der Mensch wird nicht vor ihr sicher sein. "Mögliche Gefahren für den Menschen sind unter anderem eine Verunreinigung von Trinkwasser und die Übertragung von Parasiten in Gegenden mit schlechten sanitären Bedingungen", warnt Kolby. Nicht abschätzbar ist außerdem, wie viele Haustiere den Kontakt zu einer Schwarznarbenkröte nicht überleben werden.

Invasion stoppen

Nun hat der Mensch ja bereits bewiesen, dass er durchaus in der Lage ist, Arten auszurotten. Was versehentlich geht, sollte auch vorsätzlich funktionieren. "Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, um eine Invasion wie diese zu stoppen. Zum Beispiel können die ausgewachsenen Tiere gejagt werden", schlägt Kolby vor.

Man könne auch die Eier von den Brutplätzen entfernen. Wo es sinnvoll ist, können sogar die Teiche, in denen die Tiere brüten, ganz trockengelegt werden. Und stellt man Barrieren - niedrige Zäune - auf, gelangen die Tiere gar nicht erst zu ihren Brutplätzen. "Derzeit versuchen wir, die Mittel für entsprechende Experten aufzutreiben, die eine Machbarkeitsstudie zur Ausrottung durchführen können", begründet Kolby seinen Aufruf in "Nature".

"Ich bin aber nur einer von vielen, die daran arbeiten", betont er, "mir ist die Aufgabe nur in den Schoß gefallen, weil ich gerade zufällig auf Madagaskar war, als die Kröte auftauchte."

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