Kühne Prognose Sprudelnde Ölquellen noch in 200 Jahren?

Experten in aller Welt warnen vor versiegenden Ölquellen. Doch die saudi-arabische Fördergesellschaft Saudi Aramco teilt die Befürchtung nicht: Der Ölvorrat der Erde reiche noch sehr, sehr lang - eine äußerst exklusive Meinung.


Die Prognose erinnert ein wenig an den berüchtigten Satz des damaligen Arbeits- und Sozialministers Norbert Blüm. "Das Öl ist sicher", lautet der Tenor der Prognose von Saudi Aramco. Das Erdöl, so erklärte Abdallah S. Jum'ah, Präsident der Öl-Fördergesellschaft am Dienstag, werde noch über viele Jahrzehnte einen wesentlichen Beitrag zur Versorgung mit Energie leisten. Es seien Ressourcen und förderbare Reserven für 100 bis 200 Jahre vorhanden. "Die Welt muss sich für lange Zeit nicht um das Ende des Öls sorgen", sagte Jum'ah auf dem Weltenergiekongress in Rom. Nicht einmal der "Peak Oil", der Zenith der Ölförderung, sei erreicht.

Mit dieser Ansicht steht Saudi Aramco ziemlich allein - zahlreiche andere Prognosen sehen die Erdölvorräte schon bald zur Neige gehen. Selbst Ölkonzerne wie BP und Esso vertreten seit Jahren diesen Standpunkt. Nach derzeitigem Wissensstand reichen die bekannten Reserven - also jenes Erdöl, das mit heutiger Technik kostendeckend gefördert werden kann, für noch etwa 45 Jahre, wenn man von einer jährlichen Förderung von vier Gigatonnen ausgeht. Im Jahr 2006 pumpten die Fördergesellschaften weltweit 3,9 Gigatonnen aus der Erde.

Nimmt man zu den Reserven noch die sogenannten Ressourcen hinzu, reicht das Erdöl ab heute gerechnet noch für rund 60 Jahre. Zu den Ressourcen zählen Lagerstätten, deren Existenz noch nicht erwiesen, aber geologisch möglich ist, und bereits entdeckte Ölfelder, deren Förderung aber technisch oder finanziell noch nicht möglich ist.

Die zehn ölreichsten Länder

1 Saudi-Arabien 35.478
2 Kanada 24.126
3 Iran 18.630
4 Irak 15.430
5 Kuwait 13.717
6 Arabische Emirate 12.851
7 Venezuela 11.190
8 Russische Föderation 8.163
9 Libyen 5.465
10 Nigeria 4.915

Angaben: Millionen Tonnen (2006), Quelle: Esso-Studie Oeldorado 2007

Jum'ah, Chef der weltgrößten Öl-Fördergesellschaft, rechnete den rund 4000 Delegierten in Rom dagegen etwas anderes vor: Nach seinen Erkenntnissen gibt es noch sechs bis acht Billionen Barrel konventionelles Öl. Das entspricht etwa 800 bis 1100 Gigatonnen. Hinzu kämen sieben bis acht Billionen Barrel nicht-konventionelles Öl, etwa in Ölsänden und -schiefer.

Gemessen an dem bisherigen Verbrauch der Menschheit von 1,1 Billionen Barrel seien damit erst sieben bis neun Prozent des Öls verbraucht. Die nutzbaren Reserven im Sinne förderbaren Öls betragen laut Jum'ah je nach Szenario zwischen drei und sechs Billionen Barrel - also 400 bis 800 Gigatonnen. Laut neuester Prognose des Bundesamts für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) betragen weltweite Reserven und Ressourcen zusammen jedoch rund 245 Gigatonnen.

Die äußerst optimistischen Angaben der von Saudi Aramco widersprechen allen Zahlen, mit denen Erdölexperten ansonsten rechnen - und die übrigens auch auf bisherigen Angaben Saudi Arabiens gegenüber der Opec basieren. Mancher Fachmann bezweifelt sogar, ob Saudi-Arabien nicht schon bei diesen Angaben schummelt, die es offiziell als Reserven und Ressourcen nennt. Die Angaben könnten, so argwöhnt mancher, übertrieben sein, um möglichst gut dazustehen.

Von aufgeblasenen Reservestatistiken geht man im BGR jedoch nicht aus: "Für mich ist das Panikmache", sagte Peter Kehrer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Opec-Angaben sind nach Einschätzung des Geologie-Professors glaubwürdig. "Wir machen jährlich eine Zusammenstellung der Energieträger weltweit - und prüfen Angaben der Länder auf Plausibilität."

Fest steht jedoch: In den vergangenen Jahren ist die Menge der Ölreserven immer wieder gestiegen - so auch von 2005 zu 2006. Der Anstieg, zumindest im Vorjahr, hat jedoch weniger mit Neufunden zu tun als mit einer Höherbewertung bekannter Felder. Kleinere Steigerungen sind also immer möglich. Eine Verdopplung oder Verdreifachung, wie sie Saudi Aramco jetzt vornimmt, erscheint jedoch kaum glaubwürdig.

hda/dpa



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