Kunstsonne in Fußballstadien Goldlicht für perfektes Grün

In manchen Stadien ist Rasenmähen sogar im Winter Pflicht: Eine holländische Firma hat ein aufwendiges Beleuchtungssystem entwickelt. Immer mehr Clubs nutzen es, weil in den modernen Fußball-Arenen zu wenig Licht auf den Rasen trifft. Ein Rosenzüchter brachte die Lösung.

Von

SGL Stadium Grow Lighting

Beim Züchten von Pflanzen gelten die Holländer als wahre Experten. Tomaten, Tulpen, Paprika und mitunter auch Cannabis - der grüne Daumen ist in den Niederlanden weit verbreitet. Einer dieser Pflanzenversteher ist Nico van Vuuren. Der Rosenzüchter wunderte sich aber immer wieder, dass große Fußballclubs Probleme mit dem Rasen haben. Das heilige Grün war häufig nur blass oder ein zerfurchter brauner Acker - alles andere als ein Aushängeschild für Vereine, die Stars für Millionen verpflichten.

Van Vuuren untersuchte die Probleme genauer, und schnell war klar, dass dem Gras vor allem eins fehlt: Licht. In modernen Arenen beginnen die Zuschauerreihen nämlich direkt neben den Außenlinien, die Tribünen steigen steil nach oben und sind meist überdacht. Das Stadion wird so zu einem engen Kessel, in dem die Sonne bestimmte Areale selbst im Sommer nicht erreicht.

Der Holländer experimentierte mit künstlich beleuchtetem Rasen und entwickelte für den PSV Eindhoven das erste System. Die Tests waren erfolgreich, mittlerweile hat van Vuurens Firma Stadium Grow Lighting (SGL) Dutzende Fußballclubs in Europa als Kunden, in der Bundesliga sind es unter anderem Bayern München, Eintracht Frankfurt, der VfL Wolfsburg und Werder Bremen.

Die Lampen sind auf meterlangen Gerüsten montiert, die auf den Rasen gerollt werden. In der dunklen Jahreszeit leuchten sie bei fast allen Vereinen rund um die Uhr - auch nachts. Wenn ein Spiel ansteht, werden die Lichtgerüste aus dem Stadion gerollt. "Nur im Sommer, wenn genügend Licht einfällt, werden die Lampen ausgeschaltet", sagt Thomas Franke, Stadionchef beim VfL Wolfsburg. "Bei langen Phasen mit starker Bewölkung müssen wir aber auch in den Sommermonaten beleuchten."

Die deutlich längere Lichtbestrahlung im Winter ist für das Gras biologisch gesehen kein Problem: Die Photosynthese, dem Stoffwechselprozess, bei dem Pflanzen mit Hilfe von Licht den Energiespeicher Glukose und Sauerstoff freisetzen, wird verstärkt. Der sogenannten Dunkelreaktion, einer Teilreaktion der Photosynthese, schadet das Extralicht nicht, denn sie findet sowohl bei Licht als auch ohne Licht statt.

Bestrahlung nach Plan

Für jede Arena erstellt die Firma SGL einen Beleuchtungsplan, den Platzwarte auf einem Firmenserver abrufen können. "Wie lange die Lampen zu welcher Jahreszeit angeschaltet sind, hängt von den konkreten Gegebenheiten im Stadion ab", sagt Frank van Beusekom, Manager bei Stadium Grow Lighting. "Das ist zum Beispiel in der Allianz-Arena anders als in einem kleinen Stadion."

Die Lampen der Firma SGL erzeugen ein goldgelbes Licht, so dass sie im Stadion wirken, als seien sie Teil einer Kunstinstallation. Tino Polster, Kommunikationschef bei Werder Bremen, schaut sich das Lichtspektakel fast jeden Tag nach der Arbeit kurz an. "Weil es ein so faszinierendes Bild ist", wie er sagt.

Die goldgelbe Farbe ist kein Zufall: Das Beleuchtungssystem der Firma SGL erzeugt sogenannte photosynthetisch aktive Strahlung. Das Licht ist in den Wellenlängen besonders intensiv, die die Photosynthese stark anregen.

Dem Rasen bekommt die Behandlung gut: "Wir mussten im Februar den Rasen mähen", berichtet der Bremer Pressesprecher Polster. Normalerweise wachse das Gras in der kalten Jahreszeit nicht. Jetzt könne es auch im Winter regenerieren.

Licht nur einer von vielen Faktoren

Damit bei der Rasenpflege nichts schiefgeht, hat die Firma SGL in den Stadien ihrer Kunden verschiedene Sensoren installiert. Die einen überwachen die eingefallene Lichtmenge. Per Computer wird dann berechnet, wie viele Stunden Zusatzlicht welche Rasenareale benötigen. Der Platzwart kann die Module dann entsprechend platzieren.

Andere Sensoren messen außerdem Feuchtigkeit, Temperatur und den Nährstoffgehalt im Boden. "Das System gibt dann auch Empfehlungen zum Düngen oder Wässern", sagt Frank van Beusekom, Manager bei SGL. Das Licht sei nämlich nur einer von vielen Faktoren, die die Rasenqualität beeinflussten.

In der Premier League haben fast alle Teams SGL-Module im Einsatz. Die englische Liga kennt keine Winterpause - zudem legt man auf der Insel besonders großen Wert auf sattes Grün, schließlich wurde hier der englische Rasen erfunden.

Unter Umständen können sich die Lichtmodule sogar rechnen. Zum Beispiel wenn im Sommer auch Rockkonzerte im Stadion stattfinden können, weil der Rasen in einem Top-Zustand ist. Außerdem muss regelmäßig beleuchtetes Grün seltener ausgewechselt werden. Der Komplettaustausch eines Fußballrasens kostet um die 100.000 Euro. Ohne extra Beleuchtung muss meist einmal pro Jahr neues Grün verlegt werden, in manchen Stadien sogar zwei- oder dreimal.

Der VfL Wolfsburg hat im Januar erstmals seit dreieinhalb Jahren das Grün komplett getauscht. Auf den ersten Blick rentiert sich Zusatzbeleuchtung für den Verein nicht, aber womöglich zahlt sie sich trotzdem aus. "Uns geht es vor allem um optimale Spielbedingungen", sagt Stadionchef Thomas. Ein guter Rasen senke die Verletzungsgefahr und biete Vorteile bei einer technisch anspruchsvollen Spielweise. "Wir erhoffen uns davon auch einen zusätzlichen Heimvorteil für unser Team."

Zumindest in der Saison 2008/2009 trat der erwünschte Effekt ein. Die Wolfsburger gewannen 16 ihrer 17 Heimspiele und wurden deutscher Meister.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Seldon, 23.03.2011
1. Titel
Zitat von sysopIn manchen Stadien ist Rasenmähen sogar im Winter Pflicht: Eine holländische Firma hat ein aufwendiges Beleuchtungssystem entwickelt. Immer mehr Clubs nutzen es, weil in den modernen Fußball-Arenen zu wenig Licht auf den Rasen trifft. Ein Rosenzüchter brachte die Lösung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,749682,00.html
Zumindest wissen wir jetzt, daß die nächsten AKW für was Sinnvolles gebaut werden... Werden jetzt eigentlich alle verrückt?
maipiu 23.03.2011
2. Grün ist Leben
Na wenn dann noch die Stadiondächer mit Solarzellen ausgerüstet werden, zumindest auf der Südseite, dann geht das auch mit der Stromrechnung einigermaßen. Die schlauen Käsköpfe!
st4n 23.03.2011
3. Zeitsprung?
Etwas mehr Sorgfalt bei der Recherche bitte, Meister 2010 war der FC Bayern. Die Wolfsburger konnten schon ein Jahr vorher den Titel feiern.
founder 23.03.2011
4. Staion in Taiwan: Solarpflicht
Zitat von maipiuNa wenn dann noch die Stadiondächer mit Solarzellen ausgerüstet werden, zumindest auf der Südseite, dann geht das auch mit der Stromrechnung einigermaßen. Die schlauen Käsköpfe!
Beim Neubau eines Stadiums in Taiwan gab es Solarpflicht. Entweder 1,2 MW Photovoltaik oder keine Baugenehmigung.
Snoozel 23.03.2011
5. Da kann man sich nur an den Kopf fassen
Was für eine Stromverschwendung ... entsprechende Spiegel mit automatischer Steuerung auf dem Dach hätten es sicher auch getan. Oder eine andere Grassorte. Aber wir haben es ja, haut den Strom nur so weg ... das sind doch sicherlich 1000W pro einzelner Lampe. Schwups ist damit der Energiespareffekt durch das verbieten der Glühlampe negiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.