Lärm unter Wasser Von wegen stiller Ozean

Unter Wasser tobt ein Lärm, der manchmal mit dem Krach von Düsenflugzeugen vergleichbar ist. Frachter, Marineschiffe und Erkundungsboote auf der Suche nach Öl und Gas machen Fischen und Meeressäugern genauso zu schaffen wie der Bau von Windparks. Techniker sinnen nun auf Abhilfe.

Grauwal (vor der Pazifikküste Mexikos im März 2008): "Ähnlich stark befahren wie eine Autobahn"
dpa

Grauwal (vor der Pazifikküste Mexikos im März 2008): "Ähnlich stark befahren wie eine Autobahn"


Hamburg - Die Nordsee ist nach Einschätzung von Kieler Meeresbiologen eines der lautesten Seegebiete weltweit. "Die Handelsschifffahrt hat stark zugenommen. Die Hauptschifffahrtsstraßen, etwa durch den Ärmelkanal, sind heute ähnlich stark befahren wie eine Autobahn", sagt Jürgen Jokat, Abteilungsleiter Akustik bei der Schiffsklassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd in Hamburg.

Die Zukunft lässt noch mehr Lärm erwarten. Vor den deutschen Küsten werden bald die Gründungsstrukturen für Hunderte Windräder mit Hammerschlägen in den Grund gerammt, um derzeit 22 genehmigte Windparks zu errichten. Auch das verursacht einen Höllenlärm.

Der Krach im Wasser kann Fischen und Meeressäugern zum Verhängnis werden. Sie nutzen Töne, um sich zu orientieren, Feinde rechtzeitig zu bemerken und ihre Beute aufzuspüren. Blauwale beispielsweise unterhalten sich über Infra- und Ultraschalltöne über Distanzen von bis zu 3500 Kilometern.

Der Meereslärm störe nicht nur solche Ferngespräche, sondern schade den Tieren, warnen Naturschützer und Meeresbiologen. In unmittelbarer Folge von seismischen Erkundungen und von Sonar-Experimenten der US-Marine wurden mehrfach Massenstrandungen beobachtet, bei denen die Tiere oft qualvoll verendeten. 420 Wale seien seit den sechziger Jahren auf diese Weise ums Leben gekommen, schreibt die amerikanische Umwelt- und Friedensforschungsorganisation Natural Ressources Defense Council.

Lauter als in der Discothek

Teils entdeckte man in den Leichen verletzte Hörorgane und innere Blutungen. Kritiker bestreiten zwar einen ursächlichen Zusammenhang, aber der Verdacht erhärtet sich. Zuletzt konnten Biologen vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum an zwei Schweinswalen in einem Aquarium nachweisen, dass diese ab einem gewissen Schallpegel vorübergehend die Orientierung verlieren. Britische Forscher zeigten im Frühjahr, dass Sonarimpulse von Marineschiffen Delfine zumindest zeitweise taub machen können.

Wegen dieser Ergebnisse dürfen nun die Betreiber von Offshore-Windanlagen beim Bau einen Schallpegel von 160 Dezibel in mehr als 750 Metern Entfernung nicht überschreiten. Zum Vergleich: Discothekenbesucher werden mit rund hundert Dezibel beschallt. "Ohne zusätzliche Maßnahmen ist das nicht einzuhalten", macht Bauingenieur Raimund Rolfes von der Universität Hannover klar. Wenn die Gründungsstrukturen der Windräder mit einem Rammhammer in den Boden getrieben werden, treten deutlich höhere Lärmbelastungen auf. "Das sind mehrere tausend Schläge über mehrere Stunden je Objekt", führt Rolfes aus.

Der Ingenieur hat eine Lösung gegen den Lärm ausgeklügelt. An einer Forschungsplattform nahe Sylt wurde ein Rohr rings um eine Baustelle gelegt. Aus kleinen Löchern strömte Druckluft aus. Die Luftsäulen vereinten sich zu einem geschlossenen trichterförmigen Schleier. Als in der Mitte ein Pfeiler von viereinhalb Metern Durchmesser in den Meeresboden gerammt wurde, konnte der Lärm dank der Luftschutzwand um zwölf Dezibel vermindert werden. "Das wird deutlich leiser", so Rolfes: "Eine solche Schallminderung, wie wir sie erreicht haben, ist noch nie realisiert worden." Mit dem Blasenschleier könnte es vermutlich gelingen, den erforderlichen Grenzwert für den Bau der Windräder einzuhalten.

Rolfes will die Technik aber zunächst weiterentwickeln. Statt aus Rohren könnte die Druckluft aus einem Schlauch strömen. Zugleich möchte er testen, wie der Pegel sinkt, wenn die Rammschläge weicher ausgeführt werden. Denkbar wäre auch, zwei Schleier hintereinanderzusetzen.

Richtlinie für leise Schiffsschrauben in Arbeit

Für Schiffe ist der Schleier gegen Lärm nicht ohne weiteres geeignet. Rolfes winkt auch aus anderem Grund ab: "Die Belästigung für die Tiere durch Schiffslärm scheint mir nicht mit dem beim Bau von Windanlagen vergleichbar." Und doch steht das Thema ganz oben auf der Agenda der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation IMO. Sie möchte in den kommenden Jahren eine Richtlinie für leise Schiffe erarbeiten. Jokat räumt ein: "Ein Risiko durch den Schifffahrtslärm für die Meereslebewesen kann nicht ausgeschlossen werden. Der Beitrag der Schiffe zum Meereslärm ist aber bisher nicht genau bekannt und muss ermittelt werden."

Der Germanische Lloyd würde es unterstützen, wenn zu diesem Zweck eine Mikrofonkette entlang der Handelsrouten ausgelegt würde. So ließe sich beispielsweise in Zukunft auch ein Fahrverbot oder Tempolimit für laute Kähne überwachen. Die US-Armee hat solche Hydrofone bereits zu Zeiten des Kalten Krieges im Atlantik installiert, um U-Boote zu orten.

Im kommenden Jahr will der Germanische Lloyd ein Computerprogramm fertigstellen, mit dem leise Schiffe gezielt gebaut werden können. Eine wesentliche Ursache für den Krach sind deren Propeller, landläufig Schiffsschraube genannt. Sobald sie sich schnell dreht, kann sich an der Spitze ein Vakuum aufbauen, das schließlich lautstark zusammenbricht. Ein leichterer Propeller beispielsweise, der sich langsamer dreht, wäre in vielen Fällen leiser.

Susanne Donner, ddp



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