Landnutzungsatlas Die Welt in 22 Farben

Der Mensch formt die Erde - dies zeigt in einer bisher nicht da gewesenen Präzision der Esa-Atlas Globcover. Seine Auflösung ist zehnmal höher als bei bisherigen Karten. Im Juli will die Esa den Atlas ins Netz stellen - SPIEGEL ONLINE zeigt Ausschnitte des einzigartigen Kartenwerks.


Grün, Ocker, hellbraun - so präsentieren sich die Landflächen auf dem Esa-Atlas Globcover. Jetzt hat die europäische Weltraumbehörde eine vorläufige Version der Karte vorgestellt, die die Erde in einer Schärfe zeigen soll wie kein Atlas zuvor. Seit 2005 arbeiten Forscher an dem Projekt, dass die Nutzung der Erdoberfläche auf 300 Meter genau zeigt.

Die 22 verschiedenen Farben (siehe Fotostrecke oben) stehen für die unterschiedlichen Oberflächenformen: Dunkelgrün bedeutet beispielsweise immergrüner Mischwald, ocker offenes Weideland und weiß permanente Schnee- und Eisflächen. Surfer können die Karte im Internet bereits nutzen. Die Navigation funktioniert ähnlich wie bei Google Maps.

Globcover basiert auf Aufnahmen mit dem Instrument Meris an Bord des Esa-Satelliten "Envisat". Die Wissenschaftler haben verschiedene Farbkanäle der Kamera mit Messungen weiterer Sensoren kombiniert - etwa dem Radarinstrument Asar. So können sie zwischen leicht verwechselbaren Kategorien wie Feuchtbiotop und dem feuchten tropischen Regenwald unterscheiden. Vegetation kann aus dem All besonders gut im Infrarotbereich beobachtet werden. Dies nutzen Forscher, um Veränderungen in der Pflanzenwelt frühzeitig zu erkennen - siehe Fotostrecke unten.

Landnutzungstrends verfolgen

20 Terabyte Bilddaten wurden zwischen Mai 2005 und April 2006 gesammelt. Der Satellit "Envisat" fotografierte jeden noch so entfernten Winkel der Erde. Forscher schickten das Bildmaterial dann durch eine standardisierte Verarbeitung, entwickelt vom Institut Medias-France, der Université catholique de Louvain und weiteren Partnern.

"Landnutzungsdaten sind essentiell, um mit natürlichen Ressourcen nachhaltig umgehen zu können", sagte John Latham von der Welternährungsorganisation FAO. Die hohe Auflösung von 300 Metern mache Globcover zu einem Meilenstein. Christiane Schmullius von der Universität Jena sagte, Globcover revolutioniere die Darstellung der weltweiten Landnutzung. Nach Esa-Angaben ist der Atlas zehnmal genauer als bisher verfügbare.

Wissenschaftler wollen mit Hilfe der neuen Karte Landnutzungstrends verfolgen sowie natürliche und vom Menschen beeinflusste Ökosysteme studieren. So zeigt Globcover, wie stark der Mensch bereits in Urwälder eingegriffen hat, um Ackerflächen oder Viehweiden zu schaffen.

Ökozonen als "theoretisches Konstrukt"

Geografen arbeiten schon länger an einer Neugestaltung klassischer Weltkarten, um statt der herkömmlichen Vegetations- und Ökozonen den Einfluss des Menschen auf den Globus zu zeigen. Denn das Weltbild, das mitunter noch im Geografieunterricht vermittelt wird, ist geschönt: Auf der Erde soll es nur eine Handvoll Vegetationszonen vom sommergrünen Laubwald über Wüste bis zum tropischen Regenwald geben. Das Modell der Ökozonen geht noch etwas weiter ins Detail: Es zeigt Wüstensteppen, Halbwüsten und Trockensavannen.

Doch mit der Realität haben diese Übersichten wenig zu tun. Wo angeblich saftiger Laubwald wächst, finden sich dicht bebaute Metropolen, Autobahnen oder Rapsfelder, so weit das Auge reicht. Geografen fordern deshalb schon seit längerem Alternativen zu den herkömmlichen, unrealistischen Zonenmodellen.

"Wir suchen nach neuen Bewertungen, die die jetzige Situation besser beschreiben", sagte Rüdiger Glaser vom Institut für Physische Geografie der Universität Freiburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ökozonen seien ein "theoretisches Konstrukt". Sie besagten lediglich, was wäre, wenn es den Menschen nicht gäbe. Globcover geht ebenfalls in diese Richtung, denn der Atlas zeigt was ist, und nicht was theoretisch sein müsste.

hda



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