Landwirtschaft: Insektizide belasten Gewässer an deutschen Äckern

Von Christian Gruber

Forscher haben Gewässer an deutschen Äckern auf Insektizide geprüft - und melden erschreckende Befunde. Die Giftbelastung liegt teilweise um ein Vielfaches über den vorausberechneten Werten. Dabei wurde das Zulassungsverfahren erst vor drei Jahren eingeführt.

Sprühen von Pflanzenschutzmittel: Gift findet sich oft in Gewässern wieder Zur Großansicht
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Sprühen von Pflanzenschutzmittel: Gift findet sich oft in Gewässern wieder

Insektenvernichtungsmittel sind in der Landwirtschaft weit verbreitet - und äußerst toxisch. Gelangen größere Mengen zum Beispiel durch Regen in Flüsse und Seen, können sie Tiere absterben lassen und auch für Menschen zur Gefahr werden. Erst 2009 haben die EU und Deutschland eine neue Vorschrift erlassen, wie und in welcher Dosierung neue Insektizide aufgebracht werden müssen. Vor der Markteinführung werden Laborergebnisse und Freilanderhebungen mit Hilfe eines mathematischen Modells verrechnet; am Ende steht eine Prognose über die erwartete Insektizidbelastung.

Doch jetzt stellt sich heraus, dass das Verfahren möglicherweise nichts taugt. Das zumindest legt eine aktuelle Studie der Universität Koblenz-Landau nahe, die demnächst in der Fachzeitschrift "Environmental Science & Technology" erscheint.

Das Forscherteam um den Umweltwissenschaftler Ralf Schulz verglich in 122 Fällen die Insektizidmenge, die in Gewässern um die Äcker herum tatsächlich gemessen wurde, mit den Werten, die im Zulassungsverfahren vorhergesagt worden waren. "Das Ergebnis ist besorgniserregend", sagt Schulz zu SPIEGEL ONLINE. "In bis zu vier von zehn Fällen ist die tatsächliche Belastung der Gewässer höher als vorausberechnet. Bei neuen Insektiziden liegt diese Quote sogar darüber."

Die Messwerte hätten in manchen Fällen die prognostizierten Mengen um das Zehn- bis Tausendfache überschritten. "Das Modell hat nichts mit der Realität zu tun", sagt Schulz. "Die bisherigen Validierungen sind nicht imstande, das Ganze richtig zu bewerten." Wie groß die Gesundheitsgefahr genau ist, lasse sich allerdings nur schwer sagen. Denn anders als für Trinkwasser gibt es für Oberflächengewässer laut Schulz keine Insektizid-Grenzwerte.

Keine ausreichenden Kontrollen

Die überhöhten Konzentrationen, die jetzt in der Umwelt gemessen wurden, könnten neben fehlerhaften Berechnungen noch andere Gründe haben, vermuten die Landauer Umweltwissenschaftler: Landwirte halten möglicherweise die Vorschriften beim Ausbringen nicht ein, oder die Gebrauchsanweisungen der Hersteller sind zu ungenau. Würden die Bauern etwa durch Hecken gezwungen, breite Randstreifen um die Felder herum vom Anbau und damit auch von Spritzmitteln freizuhalten, könnte das die giftigen Substanzen von den Gewässern fernhalten. "Derzeit kann aber so gut wie nicht kontrolliert werden, ob der Landwirt die Gewässerschutzvorgaben tatsächlich einhält", meint Schulz.

Höhere Konzentrationen als vorhergesagt haben die Landauer Forscher etwa bei den Insektiziden Chlorpyrifos, Cypermethrin und Fenvalerate gefunden. "Die Industrie muss ihrer Verantwortung für einen vorsorgenden Umweltschutz gerecht werden", fordert Schulz. "In jedem Fall brauchen wir auch in Deutschland mehr unabhängig gewonnene Daten zur Belastung von Gewässern mit Pflanzenschutzmitteln."

Bis die Ursachen eindeutig geklärt sind, sollten beim Zulassungsverfahren die derzeit gültigen Werte für die vorhergesagten Insektizid-Konzentrationen vorsichtshalber um das Zehnfache erhöht werden, um bei den Prognosen einen Sicherheitspuffer nach oben zu haben und um damit die Gewässer zu schützen, schlagen Schulz und seine Kollegen vor. Außerdem könne man einen nicht landwirtschaftlich genutzten Randstreifen von fünf bis zehn Metern Breite zwischen Ackerfläche und Gewässer vorschreiben.

Damit machen sich die Wissenschaftler genau für das stark, worauf man in Deutschland bei der Überarbeitung des Pflanzenschutzgesetzes im Jahr 2011 verzichtet hatte.

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insgesamt 65 Beiträge
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1. Was kümmert das unsere Politiker?
Nörgelkopf 07.08.2012
Die Chemische Industrie wird das schon noch schön rechnen. Die Lobby macht das.
2. König kunde
meergans 07.08.2012
Zitat von sysopForscher haben Gewässer an deutschen Äckern auf Insektizide geprüft - und melden erschreckende Befunde. Die Giftbelastung liegt teilweise um ein Vielfaches über den vorausberechneten Werten. Dabei wurde das Zulassungsverfahren erst vor drei Jahren eingeführt. Landwirtschaft: Gewässer an Äckern massiv mit Insektiziden belastet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,848725,00.html)
Solange die Bauern,aus Gründen des knallharten wirtschaftlichen Überlebens, gezwungen sind, das Letzte aus ihren Böden herauszuholen, kann sich die Situation nur verschlechtern. Wie sich " König Kunde " quält und wie er knausert, wenn es um den Kauf von ökologisch korrekt erzeugten Lebensmitteln geht, das kann ich, jobbedingt, jede Woche beobachten. Bei echten Bio-Lebensmitteln ist der Ertrag pro Hektar um ein Erhebliches geringer, die Feldfrüchte stehen im Schnitt etwa drei Wochen länger auf dem Acker bis zur Ernte und der Aufwand an Handarbeit beim Anbau ist enorm größer. Das will bezahlt sein.
3. Da fehlt doch was
hxk 07.08.2012
Zitat von sysopDie Giftbelastung liegt teilweise um ein Vielfaches über den vorausberechneten Werten. Die Messwerte hätten in manchen Fällen die prognostizierten Mengen um das Zehn- bis Tausendfache überschritten.
Wo sind die absoluten Zahlen? Warum fehlen sie? Weil sie sehr gering sind?
4. Immer das gleich
botzer 07.08.2012
Es ist wie immer: Erst mal zulassen - dann vielleicht überprüfen - und danach eventuell doch verbieten... Aber nur eventuell... Es lebe die jeweilige Lobby !!
5.
Laubhaufenwiese 07.08.2012
Zitat von meergansSolange die Bauern,aus Gründen des knallharten wirtschaftlichen Überlebens, gezwungen sind, das Letzte aus ihren Böden herauszuholen, kann sich die Situation nur verschlechtern. Wie sich.....
Nein! Es ist keine Knausrigkeit. Es sind vielmehr die unverschämt hohen Zwischenhändlermargen, die ich als Kunde nicht bereit bin zu bezahlen. Ergibt sich für mich die Möglichkeit persönlich bei einem Erzeuger zu kaufen, greife ich auch gern mal tiefer in die Tasche.
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