Langstreckenflüge: Wildgänse brauchen kein Konditionstraining

Zugvögel legen auf ihren Reisen Tausende Kilometer zurück. Wie sie diese Strapazen meistern, ist nur zum Teil geklärt. Biologen haben nun eine These widerlegt: Demnach betreiben Wildgänse kein Aufbautraining, ehe sie Richtung Süden starten.

Weißwangengans: Die Zugvögel fliegen 2500 Kilometer von Spitzbergen bis Schottland Zur Großansicht
Jon Evans/ The Royal Society

Weißwangengans: Die Zugvögel fliegen 2500 Kilometer von Spitzbergen bis Schottland

Hamburg - Marathonläufer müssen ihre Kondition aufbauen, ehe sie bereit für die lange Strecke sind. Zugvögel scheinen solch ein Training vor ihren Flügen nicht zu benötigen. Das haben Untersuchungen von Weißwangengänsen ergeben, die jedes Jahr im Herbst rund 2500 Kilometer von ihren Brutplätzen in Spitzbergen zu den Überwinterungsgebieten im Südwesten Schottlands zurücklegen. Die Vögel flogen vor ihrer langen Reise nicht mehr oder öfter als zuvor, berichtet ein internationales Forscherteam um Steven Portugal von der University of Birmingham im Fachjournal "Biology Letters".

Bevor Zugvögel ihre Langstreckenflüge starten, nimmt das Volumen ihrer Herz- und Flugmuskulatur für gewöhnlich zu. Andere Organe verkleinern sich dagegen zeitweise. Damit optimieren die Tiere ihre Flugkapazität und vermeiden unnötigen Ballast. Bisher vermuteten Biologen, dass die Vögel dies erreichen, indem sie vor dem Langstreckenflug öfter fliegen - eben so, wie ein menschlicher Läufer trainiert. Doch diese These konnten Portugal und seine Kollegen nicht belegen.

Ein Jahr lang den Herzschlag dokumentiert

Bei acht freilebenden Weißwangengänsen (Branta leucopsis) aus Spitzbergen implantierten die Forscher kleine Datenspeicher, die rund ein Jahr lang alle fünf Sekunden den Herzschlag der Tiere dokumentierten. Frequenzen im Bereich von 285 bis 400 Schlägen pro Minute ordneten die Wissenschaftler einer Flugphase zu. Betrug diese erstmals mehr als 30 Minuten, wurde sie als Beginn der Zugperiode eingestuft.

Die Auswertung der Daten von sechs wieder eingefangenen Tieren zeigte keine Hinweise auf ein spezielles Flugtraining vor Antritt des Langstreckenflugs, wenngleich die Forscher individuelle Unterschiede zwischen den einzelnen Tieren beobachten konnten. Obwohl die Muskelmasse der Vögel für die Studie nicht gemessen wurde, gehen die Forscher davon aus, dass sich diese - wie bereits mehrfach für Weißwangengänse beschrieben - vor Beginn der Langstreckenflüge erhöht haben muss.

Dies hänge nach Angaben der Forscher vermutlich damit zusammen, dass sich die Zugvögel vor der langen Reise einige Fettreserven anfuttern. Jeder Flug ist wegen des erhöhten Gewichts etwas anstrengender, so dass die Tiere ihre Flugmuskeln stärker trainieren, obwohl sie nicht länger als die durchschnittlichen 22 Minuten am Tag im Flug verbringen. Nach Ansicht der Wissenschaftler ist dies eine effektive Strategie, um ein Energie raubendes Flugtraining zu vermeiden und stattdessen die Fettreserven für die anstrengenden Langstreckenflüge aufzusparen.

wbr/dpa

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