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Unbekannte Art: Forscher finden Mallorca-Ameise

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Auf Mallorca haben Forscher eine bislang unbekannte Ameisenart entdeckt. Möglicherweise kamen sie gerade noch rechtzeitig: Mit dem Winzling könnte es schon bald vorbei sein.

Mallorca-Ameise: Gestatten, Lasius balearicus! Fotos
Gerard Talavera

Man übersieht sie leicht: Ihre Körper sind zwei Millimeter kurz, gelbbraun und stark behaart. Imposant wirken sie nur, wenn man sie durch ein Mikroskop betrachtet. Lange lebte Lasius balearicus in unmittelbarer Nähe des Menschen - auf der Ferieninsel Mallorca. Doch erst jetzt haben Forscher den Winzling, der die Höhenlagen der Serra de Tramuntana im Westen der Insel bewohnt, wissenschaftlich untersucht.

Die Entdeckung gilt unter Experten als kleine Sensation. Die Insel ist schließlich bestens erforscht, erklärt der Biologe Gerard Talavera von der CSIC-Universitat Pompeu Fabra in Barcelona. Insgesamt gebe es auf Mallorca rund 30 verschiedene Ameisenarten. "Viele davon wurden eingeschleppt." Lasius balearicus dagegen ist die erste bekannte endemische Spezies - zu 100 Prozent mallorquinisch und ausschließlich dort beheimatet.

Talavera und ein paar seiner Kollegen haben die Krabbler bei der Feldarbeit gefunden. "Per Zufall", sagt der Wissenschaftler. "Eigentlich suchten wir nach Schmetterlingen." Die Ameisen erregten jedoch ihr Interesse. In Barcelona zeigte Talavera einige Exemplare dem Insektenkundler Xavier Espadaler. Der bestätigte den Verdacht: Die Ameise war der Wissenschaft noch nicht bekannt.

Auf Treibholz übers Meer

Die Biologen starteten eine systematische Suche. Auf den acht wichtigsten Bergen der Serra de Tramuntana durchkämmten sie tagelang die Karstlandschaft und wurden tatsächlich fündig. Die gelbbraunen Ameisen krabbeln in Felsspalten umher, oder sie sitzen auf Pflanzen und melken dort Blattläuse.

Insgesamt spürte das Team neun Teilpopulationen der Tierchen auf, mit jeweils bis zu sechs Nestern. Anderen Höhenlagen im Zentrum und im Osten Mallorcas sowie den Nachbarinseln Menorca und Eivissa statteten die Forscher ebenfalls Besuche ab. Auch dort gibt es reichlich Ameisen, aber nicht die Gesuchten. Langsam zeichnete sich ab, dass Lasius balearicus nur in spärlich bewachsenen Gebieten oberhalb von 800 Metern über dem Meeresspiegel vorkommt. Den Wald scheinen die Krabbler sorgfältig zu meiden.

Die neue Ameisenart lässt sich nicht nur aufgrund äußerlicher Merkmale deutlich von anderen Spezies der Gattung Lasius unterscheiden. Ihre Entdecker haben auch das Erbgut analysiert und verglichen. Den Ergebnissen dieser Untersuchungen zufolge fand die Trennung zwischen Lasius balearicus und ihren nächsten Verwandten vor rund anderthalb Millionen Jahren statt. Mallorca war damals schon eine Insel. "Die Vorfahren kamen wahrscheinlich vom spanischen Festland", sagt Talavera. Womöglich hat Treibholz sie herübergetragen.

Die Genomvergleiche zwischen Arbeiterinnen aus unterschiedlichen Lasius-balearicus-Teilpopulationen zeigen erstaunlich wenig Unterschiede. Das, meint Talavera, könnte eine Folge von besonderer Langlebigkeit der Königinnen sein. Nur sie legen Eier. Eine ganze Kolonie stammt von einem einzigen Weibchen ab. Talavera und seine Kollegen schätzen, dass einzelne Nester von Lasius balearicus gut zehn Jahre alt werden können. Anhand der Daten zur Besiedlungsdichte lässt sich die Größe der Gesamtpopulation ungefähr ermitteln. Sie dürfte bei weniger als 2500 Königinnen liegen, schreiben die Forscher im "Journal of Biogeography".

Das ist alles andere als eine gute Nachricht: Die Refugien der seltenen Ameisen auf den Gipfeln sind bedroht; der Klimawandel treibt die Temperaturen in die Höhe. Schon bald könnte es Lasius balearicus schlichtweg zu heiß werden. In tieferen, wärmeren Lagen kann die Art offensichtlich nicht überleben, und nach oben ausweichen geht nicht. Mallorcas höchster Berg, der Puig Major, ragt nur 1445 Meter über den Meeresspiegel empor.

Die Wissenschaftler haben Modellrechnungen zur Größe des für Lasius balearicus geeigneten Lebensraums durchgeführt. Zurzeit stehen den Kolonien insgesamt noch etwa 100 Quadratkilometer zur Verfügung - theoretisch zumindest. Bis 2050 jedoch könnte diese Fläche um etwa 90 Prozent schrumpfen. 2080 wäre nichts mehr übrig, und Mallorcas einzige endemische Ameisenart somit Geschichte. Vielleicht gelingt es den Winzlingen, sich anzupassen, meint Talavera. Durch Umstellung auf nachtaktives Verhalten zum Beispiel. "Aber das ist nicht sehr wahrscheinlich."

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