Experiment auf Schweizer Wiesen Laternen stören Bestäuber

Steht eine Laterne in der Nähe einer Wiese, bestäuben Insekten nachts deutlich weniger Pflanzen. Tagaktive Tiere können den Effekt nicht ausgleichen - ein Teufelskreis droht.

Licht zieht die Motten an
DPA/ Lukas D. Schuler

Licht zieht die Motten an


Künstliche Beleuchtung verringert die nächtliche Bestäubung von Pflanzen durch Insekten deutlich. Eine Schweizer Studie ergab, dass sich die Bestäubung von Wiesenpflanzen in der Nacht um fast zwei Drittel verringert, wenn in der Nähe Laternen leuchteten. Auch Tagbestäuber wie Bienen glichen das Defizit nicht aus.

Die Pflanzen brachten demnach weniger Früchte hervor, was sich wiederum auf die Insekten auswirken könnte. Das Phänomen könne den globalen Rückgang von Bestäubern verstärken, mahnt das Team um Eva Knop von der Universität Bern in der Zeitschrift "Nature".

Einige nachtaktive Insekten wie bestimmte Käfer, Fliegen oder Falter bestäuben Pflanzen nach Einbruch der Dunkelheit. Die Forscher untersuchten, wie sich künstliches Licht auf deren Aktivität auswirkt. Sie wählten 14 Wiesen in den Schweizer Voralpen aus, die bisher kaum von künstlichem Licht bestrahlt wurden. Auf sieben davon stellten sie Laternen mit weißer LED Beleuchtung auf. Zwischen Mai und September 2014 und Juni und September 2015 zogen die Forscher an mehreren Tagen nach Sonnenuntergang durch die Wiesen, um Insekten bei der Bestäubung einzufangen. Zudem beobachteten sie die Bestäubung.

Käfer nachts auf einer Kohldistel
DPA/ Eva Knop/ University of Bern

Käfer nachts auf einer Kohldistel

Weniger Früchte durch Beleuchtung

Auf beleuchteten Wiesen registrierten die Wissenschaftler 62 Prozent weniger Bestäubungsvorgänge. Sie gehen davon aus, dass viele Insekten wie etwa Motten sich von den Laternen ablenken ließen. Auch sei es möglich, dass die Pflanzen auf das Licht reagierten und dadurch auf Insekten weniger attraktiv wirkten.

Die Forscher sammelten zudem Früchte einer weitverbreiteten und bei Insekten beliebten Pflanze, der Kohldistel (Cirsium oleraceum). Sie wird etwa hälftig von tag- und nachtaktiven Insekten bestäubt. Auf den beleuchteten Flächen fanden die Forscher 13 Prozent weniger Früchte als auf den unbeleuchteten. Daraus schließen sie, dass Tagbestäuber die nächtliche verringerte Bestäubung nicht ausgleichen können.

Weniger Früchte, weniger Tagbestäuber

Außerdem, so das Team, sei ein Kaskadeneffekt zu erwarten. Durch die verringerte Nachtbestäubung gebe es weniger Früchte. Von diesen ernähren sich viele Tagbestäuber, die dann durch das geringere Nahrungsangebot gefährdet würden. Nächtliche Beleuchtung sei eine bisher kaum beachtete Gefahr für Bestäuber und ihre Arbeit, schließen die Autoren.

Bisher hatten Studien eine Reihe anderer Faktoren ausgemacht, die sich negativ auf Bestäuber auswirken, etwa intensive Landwirtschaft, Pestizide oder invasive Insektenarten, die Krankheiten einschleppen.

Zahlreiche Studien haben auch andere negative Auswirkungen von Nachtbeleuchtung gezeigt. So verbrennen Insekten an den Lampen, und biologische Prozesse, die an Tag- und Nachtzeiten gekoppelt sind, verändern sich.

jme/dpa

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.