Extreme Wetterlage Wie Lawinen entstehen und was sie so gefährlich macht

Die Lawinengefahr ist in Bayern und Österreich so hoch wie seit Jahren nicht. Welcher Lawinentyp besonders tückisch ist - und warum Vorhersagen so schwierig sind.

Lawine in den Schweizer Alpen (bei Les Diablerets, Februar 2012)
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Lawine in den Schweizer Alpen (bei Les Diablerets, Februar 2012)


Das Wetter wird in Bayern und Österreich immer mehr zur Gefahr. Die anhaltenden Schneefälle haben die Region teilweise ins Chaos gestürzt. In einigen Teilen sind aufgrund der riesigen Schneemengen ganze Ortsteile abgeschnitten und etliche Straßen blockiert.

Bei Berchtesgaden sitzen rund 350 Menschen fest und müssen per Lastwagen mit Lebensmitteln versorgt werden. Aufgrund der Lawinengefahr mussten die Behörden in Österreich zahlreiche Bundes- und Landesstraßen sperren. Am Mittwochmorgen waren weitere Orte nicht mehr erreichbar, darunter auch das bei Touristen beliebte Obertauern im Bundesland Salzburg. Auch die Inntalautobahn (A12) war für etwa eine Stunde gesperrt.

Videointerview: Die fünf wichtigsten Fragen zur Lawinengefahr

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Zudem kam es schon mehrmals zu tödlichen Unfällen: Im Berchtesgadener Land wurde am Samstag eine Tourengeherin von einer Lawine verschüttet und starb. Auch am Vorarlberg in Österreich konnte ein deutscher Skifahrer nur tot aus einer Lawine geborgen werden. (Wie sich Wintersportler bei Lawinengefahr verhalten sollten, lesen Sie hier.)

In einigen Teilen der Steiermark wurde bereits die höchste Lawinenwarnstufe fünf ausgerufen, sie gilt seit Mittwoch auch in den Ybbstaler Alpen in Niederösterreich. "Das Risiko von großen Lawinenabgängen ist sehr, sehr hoch", sagte der Leiter des Katastrophenschutzes der Steiermark, Harald Eitner.

Lawinen bedrohen die Menschen in bergigen Regionen schon seit Jahrtausenden. So soll schon der Feldherr Hannibal bei seiner legendären Überquerung der Alpen in der Antike Soldaten sowie Elefanten durch Schneemassen verloren haben. Was ist über Lawinen bekannt?

Welche Faktoren begünstigen Lawinen?

Damit sich von einem Berg Schnee- und Eismassen lösen und zu Tal stürzen können, müssen verschiedene Bedingungen erfüllt sein. Zudem spielen unterschiedliche Prozesse eine Rolle. Ein wichtiger Faktor ist, wie viel Neuschnee in kurzer Zeit an einem bestimmten Ort fällt. Auch Schneeverwehungen können das Problem verschärfen. Dieser sogenannte Triebschnee verbindet sich nur schlecht mit dem bisherigen Untergrund und kann daher leicht abrutschen. Auch hohe Temperaturen sowie die Bodenbeschaffenheit unter der Schneedecke (Gras, Fels, Waldboden) können entscheidend sein.

Zudem spielt auch die Lage des Hangs eine Rolle: In unseren nördlichen Breiten sind Nordhänge am wenigsten der Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Dadurch verlangsamt sich die Stabilisierung der Schneedecke, weil sie sich nicht so schnell verdichtet. Gefahrenstellen bestehen länger. Im späteren Verlauf des Winters sind Südhänge dagegen heikel, da hier größere Wärme Nassschneelawinen begünstigt.

Ist Lawine gleich Lawine?

Nein, Experten unterscheiden mehrere Typen. Lockerschneelawinen entstehen in steilem Gelände, gewissermaßen spontan und an einem einzigen Punkt. Wenn die einzelnen Eiskristalle im Schnee nicht mehr stark genug aneinanderhaften, bewegen sie sich talwärts - und stoßen dabei andere Teilchen an. Es ist ähnlich wie bei einer Kugel, die größer wird, wenn sie zu Tal rollt. Solche Lawinen gelten als vergleichsweise ungefährlich und sind eher klein und langsam.

Als schneller, schneereicher und gerade für Wintersportler besonders gefährlich gelten Schneebrettlawinen. Hier bewegt sich eine ganze Schneetafel am Stück talwärts. Diese Form der Lawine entsteht, wenn im Schnee unterschiedliche Schichten übereinander gestapelt sind. Besonders problematisch sind dabei sogenannte Schwachschichten im Untergrund, in denen es nur wenige Bindungen zwischen den einzelnen Eiskristallen gibt. Wenn zum Beispiel über einer solchen Schicht große Mengen an Neuschnee fallen, können durch das Gewicht immer mehr dieser Bindungen brechen. Der Effekt breitet sich mit einer hohen Geschwindigkeit aus - große Schneestücke brechen mit einem Mal heraus. Auf der gebrochenen Schicht rutschen dann die darüberliegenden Schneelagen talwärts. In Österreich warnen Experten derzeit vor allem vor Lockerschnee- und Schneebrettlawinen.

Nassschneelawinen entstehen spontan, vor allem bei großer Erwärmung. Hier werden die Bindungen zwischen den Eiskristallen meist durch eindringendes Schmelzwasser zerstört. Sie können als Lockerschneelawine oder als Schneebrett auftreten.

Tückisch sind auch Gleitschneelawinen, die wie ein Schneebrett über eine längere Strecke abreißen. Allerdings rutscht in diesem Fall die gesamte Schneedecke am Stück ab, weil Wasser in den Bereich der Schneedecke eingedrungen ist, der direkten Kontakt zum Boden hat. Ein weiterer Fall sind Staublawinen, in denen sich zum Beispiel nach Schneebrett- oder Fließlawinen Schnee und Luft mischen. Diese Lawinenart birgt wegen der auftretenden Druckwellen ein großes Zerstörungspotential, sie kann mit mehr als 300 Kilometern in der Stunde unterwegs sein. Außerdem drohen Menschen zu ersticken, wenn ihre Lungen mit dem Schneestaub gefüllt werden.

Welcher Lawinentyp ist besonders gefährlich?

Nach Auskunft des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung im schweizerischen Davos fordern Schneebrettlawinen 90 Prozent aller Todesopfer. Sie müssen nicht groß sein, um tödlich zu sein. Eine typische durch Wintersportler ausgelöste Schneebrettlawine ist rund 50 Meter breit und 150 bis 200 Meter lang. Und ist vor allem gefährlich, weil derjenige, der sie ausgelöst hat, mit verschüttet wird. In Lockerschneelawinen sterben dagegen nur zehn Prozent der Opfer. Hier ist es oft so, dass die Lawinen unter der auslösenden Person abgehen und die Schneemengen niedriger liegen.

Welche Rolle spielt die Hangneigung?

Ein Hang muss nicht unbedingt steil sein, damit eine Lawine entsteht. Materialforscher haben herausgefunden, dass Schneebretter auch im flachen Gelände ins Rutschen kommen. Dafür reichen schon 30 Grad und zum Teil weniger aus. Bei Lockerschneelawinen mit trockenem Schnee liegt die Hangneigung am Auslösepunkt normalerweise jenseits von 40 Grad. Bei Hangneigungen jenseits von 50 Grad sind Schneebrettlawinen eher selten.

Wie fühlt es sich im Inneren einer Lawine an?

Sehen Sie dazu unseren Selbstversuch:

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Wie entsteht eine Lawinenprognose?

Für Vorhersagen verwenden Experten aktuelle Beobachtungsdaten und Computermodelle. Doch oft sind Lawinenprognosen für größere Gebiete nur schwer zu machen. Denn wie genau es im Inneren einer Schneedecke aussieht, ist nicht immer leicht festzustellen. Auch können sich die Bedingungen selbst auf kleinem Raum leicht ändern. Dazu kommt, dass der Abgang einer Lawine ein chaotischer Prozess ist. Daher lässt er sich auch nur in Grenzen vorhersagen.

Es ist aber sehr wohl möglich, die Wahrscheinlichkeit einer Lawine für einen bestimmten Ort zu bestimmen. Solche, im Winter oft auch mehrmals am Tag aktualisierten Berichte, sind für Betreiber von Skigebieten wichtig, die entscheiden müssen, wann Pisten gesperrt werden.

chs/joe



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