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Lebensraum Erde: Die Menschheit zertrampelt den Planeten

Der WWF schlägt Alarm: Wir beuten die Erde rascher aus, als sie sich erholen kann. Wir entziehen der Tierwelt und uns selbst die Lebensgrundlage. Das plastische Bild der Umweltschützer: Der Fußabdruck der Menschheit ist einfach zu groß für den Planeten.

Der Abdruck eines nackten Fußes im Wüstensand: Der WWF geht nicht eben subtil vor. Heute stellte der World Wide Fund for Nature eine Studie zum "ökologischen Fußabdruck" der Menschheit vor, und die Ergebnisse sind alarmierend: Die Menschen verbrauchen zu schnell zu viele Ressourcen. Seit 1961 hat sich der Verbrauch verdreifacht. Der Beleg der Umweltschutzorganisation: Im selben Zeitraum schrumpften die Populationen der beobachteten Wirbeltierarten um ein Drittel.

Alle zwei Jahre zählen die Wissenschaftler des WWF Tiere, vergleichen Populationen, suchen in alten Daten nach Unterschieden, generieren so Statistiken in rauen Mengen. Die Zahlen dieses Jahres mögen für Fachleute beeindruckend sein, gar alarmierend - weil Laien aber mittlerweile sogar aus dem Mund konservativer Industriepolitiker die Worte Nachhaltigkeit und Umweltschutz gewohnt sind, sind sie damit schwerlich zu erschrecken. Je mehr Nachrichten über Umweltsünden der Menschen, umso größer auch die Abstumpfung. Daher sind Metaphern Trumpf - Bilder, die das große Ganze vermitteln. So kam jetzt der WWF auf den eindrucksvollen Fußabdruck.

Umsetzung des ökologischen Fußabdrucks auf eine Weltkarte: Rote Länder nehmen die meiste produktive Fläche in Anspruch (mehr als 5,4 Hektar pro Person), hellgelbe am wenigsten (unter 0,9 Hektar)
WWF Living Planet Report

Umsetzung des ökologischen Fußabdrucks auf eine Weltkarte: Rote Länder nehmen die meiste produktive Fläche in Anspruch (mehr als 5,4 Hektar pro Person), hellgelbe am wenigsten (unter 0,9 Hektar)

In diesem Konstrukt werfen die Umweltschützer alles zusammen, was der Mensch zum Leben braucht: Fleisch und Meeresfrüchte, Holz und Textilien, Energieträger und Infrastruktur. Sie berechnen, wie er durch den Verbrauch dieser Ressourcen die Erde belastet.

Es ist ein simples Gedankenspiel: Rund ein Viertel der Erdoberfläche ist produktive Land- und Meeresfläche, der Rest sind Wüsten, Gebirge, Gletscher und so fort. Das nutzbare Viertel müssen die Menschen bewirtschaften, um von seinen Früchten zu leben. Die so verfügbaren 11,2 Milliarden Hektar teilen die WWF-Forscher durch die Weltbevölkerung von aktuell 6,4 Milliarden Menschen. Jeder Mensch hat demzufolge im Schnitt 1,8 Hektar zur produktiven Nutzung - ein Richtwert.

"Unser Planet kommt nicht hinterher"

Doch 2003 umfasste der "ökologische Fußabdruck" des Menschen schon 14,1 Milliarden Hektar - im Schnitt 2,23 Hektar pro Person. Das ist nicht nur mehr als der Richtwert. Das ist auch dreimal soviel wie noch 1961.

"Seit mehr als 20 Jahren überschreiten wir die Fähigkeit der Erde, einen konsumgeprägten Lebensstil zu tragen, der nicht nachhaltig ist", sagte WWF-Generaldirektor James Leape. Daran sei nicht bloß das Bevölkerungswachstum schuld. Denn der Verbrauch wachse schneller als die Weltbevölkerung.

Der Mensch überfordere die Fähigkeit der Natur, sich zu regenerieren. "Um zu erneuern, was die Menschen auf der Erde in zwölf Monaten an Ressourcen aufbrauchen und vernichten, braucht die Natur 15 Monate. Wir leben also über unsere Maße, unser Planet kommt nicht hinterher", warnt der WWF.

Beim "ökologischen Fußabdruck" fällt der CO2-Verbrauch am stärksten ins Gewicht. Er wird durch die Verbrennung fossiler Treibstoffe verursacht und war 2003 neunmal höher war als 1961. Im "Living Planet Report 2006" beklagt die Umweltschutzorganisation, "dass unsere Angewiesenheit auf fossile Brennstoffe zur Deckung unserer Energiebedürfnisse weiter wächst, und dass klimaverändernde Emissionen nun 48 Prozent unseres Fußabdrucks ausmachen - beinahe die Hälfte".

Gemessen am Pro-Kopf-Verbrauch belasten dem WWF zufolge die Vereinigten Arabischen Emirate den Planeten am meisten. Dahinter folgen die USA, Finnland und Kanada. Generaldirektor Leape warnt, die Menschheit könne sich ein Weiter-so nicht leisten: Die Menschen würden Ressourcen schneller in Abfall verwandeln, als der Abfall wieder zur Ressource werden könne. Das ist die Kernbotschaft der Fußabdruck-Metapher.

"Der Kollaps großer Lebensräume ist wahrscheinlich"

Sollte sich der Trend fortsetzen, brauche die Menschheit im Jahr 2050 zwei Planeten, um ihren Ressourcenverbrauch zu decken. Damit bedienen sich die Autoren bei einem der wohl bekanntesten Bilder der Ökobewegung, den "Grenzen den Wachstums", die der Club of Rome schon 1972 beschworen hat: Solange unser Fußabdruck zu groß für die zur Verfügung stehende Fläche ist, wird die Menscheit ihre Lebensgrundlage zertrampeln. Und zwar so weit, dass im Jahr 2050 die Erde allein nicht mehr genug hergibt für die Menschen. "Der Kollaps großer Lebensräume ist wahrscheinlich", warnt der WWF.

Um den Beweis zu führen, dass genau dies stattfindet, veröffentlichte der WWF ein zweites ökostatistisches Werk: den "Living Planet Index". Darin werden zahlreiche Tierbestände über die Jahre vergleichen. Und auch die Ergebnisse dieser Statistik klingen ernst.

Rund 30 Prozent der beobachteten Populationen höherer Tierarten seien in den vergangenen 33 Jahren geschrumpft: 31 Prozent der an Land lebenden Arten, 28 Prozent der Süßwasser- und 27 Prozent der Meerwasserarten. Für diese vergleichende Erhebung hat der WWF in Zusammenarbeit mit der Zoological Society London und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) 3600 Populationen von 1313 Wirbeltierarten beobachtet.

In 33 Jahren 30 Prozent der Tierarten verloren

Besonders drastisch sei der Schwund an Artenvielfalt in den Tropen gewesen. Dort haben sich die zum Index gehörenden Arten seit 1970 um 55 Prozent verringert.

Schuld an dem Rückgang sei der Mensch: Er gefährde die Tiere durch Umweltverschmutzung, das Abholzen von Wäldern und Überfischung. So passen am Ende der Index des lebendigen Planeten und der Fußabdruck der Menschheit zueinander.

Dass WWF-Direktor Leape die statistische und methaporische Botschaft der Umweltschützer ausgerechnet in Peking der Weltöffentlichkeit vorstellte, hat einen tieferen Sinn. Denn der Verbrauch von fossilen Brennstoffen trage am meisten zur immer negativeren Bilanz bei, sagte er. Daher sei es ein Schritt in die richtige Richtung, wenn das bevölkerungsreiche China sich verpflichte, seinen Energieverbrauch in den kommenden fünf Jahren um 20 Prozent zu reduzieren. "Von den Entscheidungen der schnell wachsenden Entwicklungsländer wie China oder Indien wird viel abhängen", sagt Leape.

stx/fba/AFP/AP/dpa/rtr

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