Leere Meere Forscher warnen vor Kollaps der Fischerei bis 2050

Die Lage in den Weltmeeren spitzt sich dramatisch zu: Ein Großteil der Fischbestände ist ausgeplündert. Schon in wenigen Jahrzehnten könnte kommerzieller Fischfang nicht mehr möglich sein, warnen Umweltschützer. Neue Studien beweisen, wie wenig zum Schutz der Tiere passiert.

Fische im Ozeaneum Stralsund: Forscher warnen vor leergefischten Meeren
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Fische im Ozeaneum Stralsund: Forscher warnen vor leergefischten Meeren


New York - Mehr als drei Viertel aller Fischbestände auf hoher See sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen schon jetzt überfischt. Es müsse damit gerechnet werden, dass bis zum Jahr 2050 die Fischerei weltweit komplett zusammenbrechen werde, sagt Susan Lieberman von der Pew Environment Group zum Auftakt einer einwöchigen Konferenz in New York. Grundlage ihrer Warnung waren Zahlen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen.

Bei dem Treffen geht es darum, das Fish Stocks Agreement (UNFSA), ein Fischereiabkommen der Uno, zu überarbeiten. Es steht viel auf dem Spiel: "Wir sprechen von der Zukunft der Ernährungssicherung auf unserem Planeten", sagte Lieberman. Die Krise habe gewaltige Auswirkungen auf Entwicklungsländer und Küstengebiete. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung - bis zu drei Milliarden Menschen - seien auf Fisch als wichtigste Eiweißquelle in ihrer Ernährung angewiesen.

Eine Forschergruppe unter Leitung von Pew-Mitarbeiterin Kristin von Kistowski hatte in der vergangenen Woche im Fachblatt "Science" gewarnt, dass jedes Jahr weltweit weiter bis zu 26 Millionen Tonnen illegal gefangener Fisch angelandet würden, wenn die Fischerei nicht schärfer kontrolliert werde. Das bisherige internationale Überwachungssystem sei nicht ausreichend.

Unter dem Dach der Welternährungsorganisation (FAO) ist zwar ein neues Regelwerk entwickelt worden, doch ihm fehlt es derzeit noch an internationaler Unterstützung. Bisher haben nur 14 Staaten und die Europäische Union das Abkommen angenommen. Damit die Vorschriften beim Entladen von Fischereischiffen tatsächlich verschärft werden, müssen aber 24 Länder und die EU zustimmen. Weltweit würden Staaten ihren Verpflichtungen zum Schutz der Fischbestände nur unzureichend nachkommen, so das Fazit der Pew-Experten.

"Zum Vergnügen von Suppen-Liebhabern abgeschlachtet"

Eine weitere Studie, die im Fachmagazin "Marine Policy" veröffentlicht wurde, legt nahe, dass auch regionale Organisationen zum Fischereimanagement oft versagen. Forscher um Sarika Cullis-Suzuki von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver haben sich 18 dieser Organisationen angesehen und kommen zu einem wenig schmeichelhaften Schluss: "Selbst wenn das Mandat einer solchen Organisation die Bewahrung von Fischbeständen ausdrücklich erwähnte, war von diesem Ziel im Endeffekt oft nicht viel zu sehen."

Beinahe zynisch mutet es da an, dass die Piraterie vor Ostafrika für den Schutz der dortigen Fischbestände zu sorgen scheint - weil sich die Trawler aus Angst vor Überfällen nicht mehr in die Gegend trauen.

Der Pazifikstaat Palau forderte auf der Konferenz in New York ein internationales Moratorium auf das Abschneiden von Haiflossen. Jedes Jahr würden 73 Millionen Haie getötet, nur weil Feinschmecker Flossen in der Suppe schwimmen sehen wollten, sagte Palaus Uno-Botschafter Stuart Beck. "Das ist so unnötig und grausam wie das Töten von Elefanten, um aus ihren Stoßzähnen Schmuck zu fertigen." Nur ein gemeinsamer Aufschrei könne verhindern, "dass die Haie weltweit zum Vergnügen von Suppen-Liebhabern abgeschlachtet werden".

Im März hatten es die Mitgliedstaaten des Uno-Artenschutzabkommens nicht geschafft, sich auf Anträge zum Schutz von Haien und Thunfisch einigen. Tierschützer sprachen von einem Debakel. "Die Meere bleiben ein weißer Fleck beim Artenschutz", gestand der stellvertretende deutsche Delegationsleiter, Gerhard Adams, ein.

chs/apn



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