Leipziger Affenforscher Per Zeitmaschine durch die Evolution

Sie haben Kulturen, benutzen Werkzeuge, machen Liebe und führen Kriege. Schimpansen sind auch nur Menschen. Oder ist es umgekehrt? In Leipzig fragen sich Dutzende von Forschern, was die beiden Primaten denn nun unterscheidet. Seit einem Jahr gehen ihnen dabei 37 Menschenaffen zur Hand.

Von Dominik Baur


"Er ist ein schwarzes Schaf in unserer Familie, beraubt aller guten Werte, degeneriert im Haarkleid und in seinen Kletterkünsten, unfähig, im Wald die richtigen Früchte zu finden, und auch noch geplagt von rückständigen Viren wie HIV, die unsereins schon lange hinter sich gelassen hat. Es ist absolut skandalös, dass sich so was in der nächsten Verwandtschaft befindet..."

Ein Schimpanse: Er denkt, also ist er - dem Menschen so ähnlich. Oder?
Dominik Baur

Ein Schimpanse: Er denkt, also ist er - dem Menschen so ähnlich. Oder?

Wer da so jammert, ist kein geringerer als der berühmte Philosoph Langer Arm. Und der Grund seiner Trübsal ist der Mensch. Langer Arm ist Schimpanse. In seinem viel beachteten Werk "Die Kronen der Schöpfung" vertritt er die These, dass seine Spezies gemeinsam mit Bonobos, Gorillas und Orang-Utans das Ziel der Schöpfung ist. Nur der fünfte im Bunde, der Mensch, schlage bedauerlicherweise aus der Art, schreibt er.

Schreibt er natürlich nicht. Weil Schimpansen keine Bücher schreiben. Wahrscheinlich machen sie sich auch gar keine Gedanken darüber, warum sie Schimpansen sind. So ist Langer Arm in Wirklichkeit dem Hirn eines anderen entsprungen, dem von Wolfgang Enard.

Kleine Unterschiede: Von Menschen und Mäusen

Der ist kaum behaart, kann schlecht klettern, macht sich aber umso mehr Gedanken darüber, warum er ein Mensch und kein Schimpanse ist. Enard ist Genetiker am Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie, für dessen Jahrbuch er Langer Arm erfunden hat. Nur wenige Gehminuten vom Leipziger Gewandhaus entfernt, haben sich hier Dutzende von Wissenschaftlern der Frage nach dem Wesen des Menschen verschrieben. Das Einzigartige an dem Institut ist dabei der interdisziplinäre Ansatz. Neben den Genetikern forschen im zweiten Stock des ehemaligen Reclam-Verlagshauses Primatologen, Psychologen und Linguisten. Alle widmen sie sich der Frage, was den Menschen zum Menschen macht.


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 in der größten Menschenaffenanlage der Welt


Einen Schlüssel zur Antwort sehen Enard und seine Genetiker-Kollegen in dem Unterschied des Erbguts von Menschen und Schimpansen. "Die Gene sind das Gerüst", erklärt Svante Pääbo, Direktor der Max-Planck-Genetiker. "Ohne meine Gene kann ich nicht funktionieren." Pääbos Team hat in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, den genetischen Unterschied zwischen dem Menschen und seinem nächsten Verwandten zu quantifizieren. Man weiß heute, dass sich die beiden höchstentwickelten Primaten nur in etwa 1,2 Prozent ihres Erbgutes unterscheiden. Das ist nicht viel - asiatischer und afrikanischer Elefant haben da größere Variationen aufzuweisen. Sind wir uns deshalb ähnlicher als die beiden Elefantenarten?

Mensch und Schimpanse: Näher verwandt als zwei Elefantenarten?
Dominik Baur

Mensch und Schimpanse: Näher verwandt als zwei Elefantenarten?

Nein, sagt der Schwede Pääbo. Die rein quantitative Näherung bringt uns der Lösung des Problems nicht näher. Schließlich haben wir auch mit der Maus etwa 70 Prozent unseres Erbguts gemeinsam.

Das menschliche Genom ist gerade erst entschlüsselt. In drei bis vier Jahren, schätzt Pääbo, wird auch das Schimpansengenom vorliegen. Dann können die Genetiker auf die Suche nach den wenigen Genen gehen, die den Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse ausmachen. Dabei reicht es aber nicht, einfach nur die Abweichungen in den beiden Genomen zu finden, erklärt der 46-jährige Wissenschaftler. "Die Millionen-Dollar-Frage ist: Welche Unterschiede sind funktionell wichtig? Da wissen wir noch fast nichts." So gebe es vielleicht 40 Millionen Unterschiede zwischen den beiden Genkarten. "Aber von denen sind höchstens einige tausend oder zehntausend wichtig. Und die suchen wir."

"Wir wissen noch fast nichts": Genetiker Pääbo
Dominik Baur

"Wir wissen noch fast nichts": Genetiker Pääbo

Pääbo, der sich bereits in jungen Jahren einen Namen machte, als es ihm gelang, DNS von Neandertalern und Mumien zu isolieren, geht es dabei vor allem um die Frage, welche Gene wo im Körper zum Einsatz kommen. "Wir haben zum Beispiel Genproben aus Leber, Blut und Gehirn von Menschen und Schimpansen verglichen und untersucht, welche Gene in diesen drei Gegenden aktiviert sind." Das Ergebnis: Während es in Leber und Blut kaum Abweichungen gibt, unterscheidet sich der Einsatz dieser Gene im Gehirn deutlich. "Diese Entdeckung ist natürlich sehr interessant. So sind wir auf eine Gruppe von Genen gekommen, mit denen wir jetzt weitermachen können."

Ortswechsel. Auf der anderen Seite der Leipziger Innenstadt liegt der Zoo. Und in ihm Pongoland. Dort befindet sich das Büro von Josep Call. "Als Kind habe ich Primaten nicht gemocht", erzählt der Psychologe. "Ich mochte keine Affen, ich mochte keine Schimpansen. Ich wollte Elefanten studieren. Oder Löwen..." Aber dann war da diese Sache mit dem Projekt, das der kleine Tierfreund in den Sommerferien im Zoo seiner Heimatstadt Barcelona recherchieren wollte. Dort traf er ausgerechnet auf den Primatenpfleger. Der setzte ihn ins Affenhaus und ließ ihn "Snowflake" beobachten, den berühmten Albino-Gorilla. Nach ein paar Tagen schließlich zog ihn der weiße Riese in seinen Bann. So sehr war der Junge nun von Menschenaffen fasziniert, dass er sich fortan nur noch mit ihnen beschäftigte.

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