Großbritannien Eichhörnchen leiden an Lepra

Schwellungen an Schnauze und Ohren, Knoten an den Hinterläufen: Viele rote Eichhörnchen auf den Britischen Inseln leiden an Lepra.

Ein rotes Eichhörnchen
DPA

Ein rotes Eichhörnchen


In Großbritannien geht die Lepra um - unter roten Eichhörnchen (Sciurus vulgaris). Zahlreiche Tiere in England, Schottland und Irland sind mit Lepra-Bakterien infiziert, die im Mittelalter auch unter Menschen in England und Dänemark grassierten. Das schreiben Forscher des Global Health Institute im Fachblatt "Science".

Offenbar konnten die Erreger in den roten Eichhörnchen jahrhundertelang überdauern, obwohl die Krankheit unter Menschen in Europa als ausgerottet gilt. Es ist überhaupt erst der zweite Fund von Lepra in Nichtprimaten.

Die Forscher um Charlotte Avanzi untersuchten 110 tote Tiere - bei 36 fanden sie Lepra-Bakterien, 13 von ihnen zeigten schon deutliche Symptome. An der Schnauze und den Ohren war die Haut angeschwollen und von Flecken und Knoten überzogen. Auch an den Hinterläufen zeigten sich Schwellungen. Einige der Eichhörnchen waren vermutlich an der Lepra zugrunde gegangen.

Eichhörnchen vom Aussterben bedroht

Die roten Eichhörnchen sind in England sowieso schon vom Aussterben bedroht und stehen unter Schutz. Ihr Lebensraum wird immer knapper, weil sie von Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) verdrängt werden, die aus Nordamerika eingewandert sind. Derzeit leben in England und Schottland insgesamt nur noch etwa 140.000 rote Eichhörnchen, ihnen stehen rund 2,5 Millionen Grauhörnchen gegenüber.

Als Hauptproblem dabei gilt das Parapoxvirus, ein Pockenvirus, das die grauen Tiere in sich tragen, das ihnen selbst aber nichts anhaben kann. Infizieren sie jedoch ihre roten Verwandten, bedeutet das für viele von diesen den Tod. Bei den Lepra-Bakterien ist die Situation offenbar ähnlich: Die grauen Einwanderer aus Nordamerika waren nicht einmal damit infiziert - das ergaben die Analysen.

Lepra-Bakterien
imago/ SPL

Lepra-Bakterien

Nun wollen die Forscher die roten Eichhörnchen in Kontinentaleuropa genauer untersuchen und herausfinden, ob auch sie infiziert sind. Die Wissenschaftler gehen nicht davon aus, dass eine große Ansteckungsgefahr für Menschen besteht. Das Risiko sei "generell gering", sagte ein Co-Autor der Studie dem ORF. Eine ähnliche Epidemie wie im Mittelalter ist unter Menschen in Europa nicht zu erwarten.

220.000 Neuansteckungen im Jahr

In vielen ärmeren Regionen der Welt stellt Lepra nach wie vor ein großes Problem dar. Jährlich erkranken etwa 220.000 Menschen - vor allem in Indien, Brasilien und einigen afrikanischen Ländern.

Lepra ist eigentlich nicht besonders ansteckend und überträgt sich durch Tröpfchen. Man infiziert sich nur über einen längeren engen Kontakt mit einem Betroffenen. Doch mangelnde Hygiene, Unterernährung und ein sowieso schon geschwächtes Immunsystem begünstigen die Verbreitung der Erreger.

Wenn es in Europa zu Erkrankungen kommt, haben sich die Betroffenen in der Regel bei einer Fernreise infiziert. Zwischen Ansteckung und Ausbruch vergehen mehrere Monate, oft sogar mehrere Jahre. Mit modernen Behandlungsmethoden ist Lepra gut zu therapieren.

mpz



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