Lernende Vierbeiner Hunde äffen nicht bloß nach

Schon ganz kleine Kinder imitieren ein Verhalten nur dann, wenn es ihnen sinnvoll erscheint. Für so intelligent hatte man bisher nur Menschen gehalten. Jetzt zeigt sich: Das ist offenbar ein Irrtum - auch Hunde unterscheiden zwischen zielgerichtetem und ziellosem Verhalten.

Von Anke Brodmerkel


Hundebesitzer haben es schon immer geahnt: Ihre Lieblinge sind ebenso schlau wie der Mensch. Dass die meisten Hunde sehr lernfähig sind, ist bekannt. Doch nun haben deutsche, österreichische und ungarische Forscher herausgefunden, dass die Tiere tatsächlich ganz ähnlich wie kleine Kinder durch Nachahmung lernen. Genau wie der Mensch imitierten die Tiere ein ineffizientes Verhalten nur dann, wenn es sich zwar aus der Situation heraus nicht erkläre, aber als zielgerichtet empfunden werde, berichten sie in der der Fachzeitschrift "Current Biology" (Online-Veröffentlichung).

"Eine solch selektive Imitation hat man im Tierreich noch nicht beobachtet", sagte Studienleiterin Friederike Range von der Universität Wien zu SPIEGEL ONLINE. Womöglich würden sich Hunde in ihrem Lernverhalten von allen anderen Tieren abheben. "Von kleinen Kindern weiß man mittlerweile, dass sie die Menschen in ihrer Umgebung nicht bloß nachäffen", erklärte Range. Bereits drei bis zwölf Monate alte Kinder gingen davon aus, dass andere mit einem bestimmten Verhalten stets ein bestimmtes Ziel verfolgten: "Sie ahmen ein ineffizientes Verhalten nur dann nach, wenn sie keinen Sinn dahinter erkennen können."

Diese Erkenntnisse gehen auf eine Studie des ungarischen Psychologen György Gergely aus dem Jahr 2002 zurück. Vor den Augen vierzehn Monate alter Babys drückte damals eine Frau ihre Stirn auf die Oberseite eines Kästchens, das daraufhin aufleuchtete. Eine Woche später durften sich die Kinder selbst mit dem Kästchen beschäftigen – und sofort senkte sich bei zwei von drei der Probanden das Köpfchen in der zuvor beobachteten Weise.

Baby-Experiment mit Leucht-Kästchen

Ganz anders fiel das Ergebnis aus, wenn die Hände der Frau bei der Vorführung beschäftigt waren. Wickelte sie sich unter dem Vorwand, ihr sei kalt, eine Decke um die Schultern und hielt diese mit beiden Händen fest, imitierte nur noch eins von fünf Kindern die Kopfbewegung. Die anderen versuchten, die kleine Kiste mit den Händen zum Leuchten zu bringen.

Das unterschiedliche Verhalten der Kinder erklärten sich die Forscher folgendermaßen: Waren die Hände der Frau beschäftigt, konnte sie das Kästchen zwangsläufig nur mit dem Kopf zum Leuchten bringen. Die Kinder aber hatten ihre Hände frei und verwendeten diese deshalb, um das Licht anzuschalten. Waren hingegen die Hände der Frau frei und deshalb der Kopf nicht das probateste Mittel, glaubten die Kinder offenbar, dass die Kopfbewegung notwendig sei, um das Kästchen zum Leuchten zu bringen.

Für ihre Hunde dachten sich Range und ihre Kollegen ein ähnliches Experiment aus. Sie trainierten einen Border Collie darauf, mit der Pfote an einem hängenden Holzstock zu ziehen, um so eine Kiste mit Futter zu öffnen. Normalerweise würden die Tiere eher mit der Schnauze an dem Stock zerren.

54 weiter Vierbeiner - darunter Golden Retriever, Labradore und Pudel - teilten die Forscher in drei Gruppen ein. Die erste Gruppe bekam den trainierten Border Collie nicht zu sehen. Die zweite sah ihm beim Öffnen der Kiste zu, während er einen Ball in der Schnauze hielt – also einen sichtbaren Grund für den Gebrauch seiner Pfote hatte. Hunde der dritten Gruppe durften den Border Collie ebenfalls beobachten, diesmal blieb dessen Schnauze aber leer.

Das Unerklärliche nachgeahmt

Die Besitzer der Hunde durften ihre Tiere allgemein zum Beobachten und Nachahmen animieren, allerdings ohne konkrete Hinweise zu geben – etwa den Tipp, auf die Schnauze des Border Collies zu achten. "Um zu verhindern, dass die Hundehalter ihren Tieren nonverbal Hilfestellung leisteten, wurden einigen von ihnen zudem die Augen verbunden", sagte Range. "Sie wussten also nicht, was der Border Collie ihren Hunden vorführte."

Das ist wichtig, denn bei solchen Experimenten, haben Forscher stets das Beispiel des klugen Hans im Hinterkopf: Das Pferd hatte Anfang des letzten Jahrhunderts durch scheinbare Zähl- und Buchstabierkenntnisse Aufsehen erregt - tatsächlich aber nur auf subtile Signale des Experimentators reagiert. Der "Kluge-Hans-Effekt" ging in die Wissenschaftsgeschichte und in die Tierpsychologie ein.

In Ranges Kistenexperiment hatte es zumindest keinen Einfluss, ob die Herrchen ihre Hunde anschauen konnten oder nicht. In den zehn Versuchsreihen bedienten vier von fünf Hunden den Stock mit der Pfote, wenn der Border Collie dies zuvor ebenfalls getan hatte, ohne dabei einen Ball in der Schnauze zu haben. Womöglich vermuteten die Tiere – ähnlich, wie es in dem vergleichbaren Experiment die Kinder getan hatten – einen zwar unerklärlichen, aber triftigen Grund für den Pfoteneinsatz und imitierten ihn deshalb.

Ließ sich das Verhalten des Vorführhundes dagegen leicht erklären, weil er den Ball in der Schnauze hatte, wurde er nur von einem von fünf Hunden imitiert. Bei den Tieren, die den Border Collie zuvor nicht beobachtet hatten, nahm nur einer von sieben die Pfote zur Hilfe.

Die Spuren von Jahrtausenden Koexistenz?

"Natürlich wissen wir bisher nicht, was sich in den Köpfen der Hunde tatsächlich abspielte und ob die Tiere wirklich vermuten, dass es einen Grund dafür geben muss, wenn die effizientere Methode nicht angewandt wird", sagte Range. "Wir wissen auch noch nicht, welche Rolle die Kommunikation zwischen den Hunden und ihren Besitzern spielt."

Das wollen sie und ihre Kollegen jetzt in weiteren Experimenten untersuchen: Im nächsten Experiment wird es gar keine Kommunikation zwischen Herrchen/Frauchen und Hund mehr geben. Sollten sich die jetzigen Ergebnisse so nicht wiederholen lassen, wäre das für Range auch ein Ergebnis: Es würde darauf hindeuten, dass Hunde vor allem deshalb ähnlich wie Menschen lernen, weil sie schon seit Tausenden von Jahren von ihnen domestiziert werden.

"Es könnte gut sein, dass sich die kognitiven Fähigkeiten der Hunde denen der Menschen angepasst haben", sagte die Forscherin. "Schließlich hat der Mensch seinen Hund bisher vor allem darauf trainiert, möglichst komische Sachen zu machen, zum Beispiel Männchen, wenn er ein Leckerli haben möchte." Viele Hundebesitzer mögen dieses Spiel – ihr Hund kommt ihnen dann nämlich so schlau vor.



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