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Furchen am Meeresgrund: Gigantische Eisberge trieben bis nach Florida

Schmelzender Eisberg vor Grönland (Archivbild): Das abfließende Süßwasser der Eisberge beeinflusst Ozeane und Klima Zur Großansicht
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Schmelzender Eisberg vor Grönland (Archivbild): Das abfließende Süßwasser der Eisberge beeinflusst Ozeane und Klima

Eisberge vor den Bahamas? Was heute unvorstellbar ist, kam vor einigen Jahrtausenden offenbar mehrfach vor. Laut einer neuen Studie trieben die weißen Kolosse weit in den Süden - und hinterließen verräterische Schrammen am Meeresgrund.

Noch vor 21.000 Jahren waren weite Teile Nordamerikas mit Eis bedeckt. Der gefrorene Schild reichte über die gesamte heutige Fläche Kanadas bis hinein in die USA, wo heute New York und Chicago liegen - dachte man bislang. Doch offenbar hat sich das Eis über weitaus größere Gebiete breitgemacht: Eisberge gelangten bis nach South Carolina und den Süden Floridas, berichten Forscher im Fachmagazin "Nature Geoscience".

Alan Condron von der University of Massachusetts in Amherst und eine Kollegin haben Bilder vom Meeresgrund vor Cape Hatteras an der Ostküste der Vereinigten Staaten bis hinunter nach Florida untersucht und 400 Furchen entdeckt. Die Abdrücke seien entstanden, als riesige Eisberge in flacheres Wasser gerieten und auf dem Meeresgrund entlangschrammten, meinen die Forscher.

"Die Tiefe der Furchen verrät, dass die Eisberge, die nach Florida drifteten, bis zu 300 Meter dick waren", sagt Condron. "Das ist enorm. Solche Eisberge findet man heute nur noch vor der Küste Grönlands."

  In den Grund geschrammt:  Eisberge hinterließen tiefe Furchen im Meeresgrund Zur Großansicht
Jenna C. Hill

In den Grund geschrammt: Eisberge hinterließen tiefe Furchen im Meeresgrund

Um herauszufinden, wie die Eisberge es bis nach Florida geschafft haben, simulierten die Wissenschaftler die Zirkulation des Wassers im Ozean während der letzten Kaltzeit vor 21.000 Jahren. Das eiskalte Schmelzwasser der Eisberge hat großen Einfluss auf die Strömungen im Meer und auf das Klima.

"Unser Modell zeigt uns, dass enorme Mengen Schmelzwasser vom großen nordamerikanischen Eisschild, dem sogenannten Laurentidischen Eisschild, in den Ozean geflossen sein müssen", sagt Condron. "Entweder über die Hudson Bay oder den St.-Lawrence-Golf." Er vergleicht den enormen Wasserabfluss mit einem Gletscherlauf. Dabei entleert sich plötzlich ein unter einem Gletscher gelegener See in Form mehrerer heftiger Flutwellen.

Eis in der Karibik

Die Studie zeigt laut Condron erstmals, dass Eisberge, die nahe der Hudson Bay vom schmelzenden Laurentidischen Eisschild abbrachen, in einem schmalen Schmelzwasserstrom an der Ostküste der USA entlang bis nach Miami und sogar zu den Bahamas, die zur Karibik gezählt werden, trieben. Einige der eisigen Riesen hätten mehr als 5000 Kilometer zurückgelegt.

Diese Erkenntnis soll helfen, Klimaveränderungen besser zu interpretieren: Herauszufinden, wie weit die subpolaren Eisberge und das Schmelzwasser Richtung Süden vorgedrungen sind, sei entscheidend, um genauer zu verstehen, wie Strömungen des Tiefseewassers im Nordatlantik und das Klima reagieren, wenn sich der Süßwasserzulauf verändert. Auch heute gelangen große Mengen Süßwasser in die Ozeane, weil im Zuge der Erderwärmung Eisberge und Gletscher schmelzen.

jme

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Grönland - Labor für den Klimawandel
Grünes Land und Eiswüste
Die Vergangenheit der Insel zeigt, wie wechselvoll die Klimageschichte war. Im Juli erst berichteten Forscher in "Science" von Wäldern und Schmetterlingen auf Grönland. Als im Mittelalter ab dem Jahr 800 die Wikinger nach Grönland drängten, fanden sie dort im Süden jenes grüne Land vor, das für den Namen Pate stand. "Die Besiedlung ist dann verschwunden, weil es kälter wurde", sagt Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Meeres- und Polarforschung in Bremerhaven: Als in Europa die kleine Eiszeit begann, hatten die Wikinger in der Arktis keine Chance mehr.
Frühling kommt früher
Dänische Biologen haben sich Pflanzen und Tiere an der Südspitze Grönland angeschaut: Wann geht für sie der Frühling los? 14,5 Tage früher als noch vor zehn Jahren, so berichteten sie im Juni in der Fachzeitschrift "Current Biology", sprießt und schlüpft es im hohen Norden. Kanadische Wissenschaftler warnen gar vor dem Austrocknen Jahrtausende alter Seen im arktischen Sommer. AWI-Forscher Lemke weiß, dass die Periode, während derer arktische Flüsse und Seen im Winter zugefroren sind, "in hundert Jahren um etwa zwei Wochen kürzer geworden" ist.
Ackerbau in der Gletscherbucht
Bedeutet das auch, dass Grönlands Gletscher schneller schmelzen? 125 Gigatonnen Eis schmelzen jährlich, meldeten britische Forscher im März im Wissenschaftsmagazin "Science". Allerdings gilt diese Zahl für Arktis und Antarktis zusammen. "In der Antarktis ist es, mit Ausnahme der Halbinsel, die nach Südamerika zeigt, noch relativ kühl", sagt Peter Lemke. Grönland ist deshalb, auch wenn dort nur rund ein Zehntel der Eismasse der Antarktis lagert, die dynamische Komponente in der globalen Schmelze. Erst letzten August meldeten Geophysiker: Der Eisverlust beschleunigt sich. Das hatten Gravitationsuntersuchungen der riesigen Eisschildes gezeigt.


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