Löwen Der König dankt ab

Der Löwe ist in Gefahr. Um 80 bis 90 Prozent ist die Zahl der majestätischen Katzen in den letzten 20 Jahren geschrumpft. Bald schon, warnen Artenschützer, könnte man dem König der Tiere nur noch in "Mega-Zoos" begegnen.

Aus dem Queen-Elizabeth-Nationalpark berichtet Dominik Baur


Es ist fünf vor zwölf in der afrikanischen Savanne. Nicht im metaphorischen Sinne, die Sonne hat ihren Höhepunkt tatsächlich fast erreicht. "High noon", murmelt Ludwig Siefert, 58, während er das Gewehr anlegt. In etwa 15 Metern Entfernung liegen drei junge Löwen im Gebüsch und beäugen den Geländewagen skeptisch, der mit abnehmendem Radius um sie kreist. Als einer von ihnen aufspringt und sich als perfekte Zielscheibe präsentiert, drückt Siefert ab. Doch der Pfeil mit dem Narkosemittel trifft die Schulter des Tieres und springt ab. Siefert flucht.

Ein junges Löwenmännchen begutachtet den Nachwuchs seines Rudels
Dominik Baur

Ein junges Löwenmännchen begutachtet den Nachwuchs seines Rudels


Heute ist kein guter Tag für den deutschen Tierarzt in Uganda: Auch eine zweite Ladung verfehlt ihr Ziel, erst beim dritten Versuch trifft Siefert schließlich eine der Großkatzen frontal. Nach drei Minuten wird das Tier schläfrig, fünf Minuten später ist es vollends betäubt. Die Zeit läuft. Etwa eine Stunde hält die Narkose. Schnell werden die beiden anderen Tiere verscheucht. In einem zweiten Wagen naht Sieferts Assistent James mit einem Rudel amerikanischer Studentinnen der Veterinärmedizin, das sich sofort auf den hilflosen Löwen stürzt: Die angehenden Tierärztinnen nehmen ihm Blut ab, messen den Blutdruck, untersuchen das Fell nach Parasiten, vermessen den Körper und machen Fotos von eindeutigen Körpermerkmalen.

Im Flüsterton - denn man weiß ja nie, wie tief der Narkotisierte wirklich schläft - erklärt Siefert, der seit 1990 an der Makere-Universität in Ugandas Hauptstadt Kampala lehrt, den Studentinnen, was zu tun ist. James, so einigt man sich schnell, soll das Tier heißen - Sieferts Assistent, der Namensgeber, ist stolz. Anhand der Anordnung seiner Schnurrhaare ist das etwa zwei Jahre alte Tier von nun an auch identifizierbar. Das Muster ist gewissermaßen der Fingerabdruck des Löwen, erklärt Siefert.

Das Freiluftseminar hat nicht nur pädagogischen Wert. Die Untersuchung der Löwen im ugandischen Queen-Elizabeth-Nationalpark ist Teil des Large Predator and Scavenger Project (Raubtier- und Aasfresser-Projekt), das Siefert neben seiner Lehrtätigkeit im Auftrag der ugandischen Naturschutzbehörde betreibt. Regelmäßig betäubt er die Löwen, Hyänen, Leoparden von Queen Elizabeth und anderen Nationalparks des Landes, um mehr über ihren Bestand und ihren Gesundheitszustand zu erfahren.

Siefert startete das Projekt Mitte der neunziger Jahre, als in der Serengeti und der Massai Mara ein mutiertes Hundestaupe-Virus, das noch nie bei Katzenartigen aufgetreten war, ein Drittel der Löwenpopulation dahingerafft hatte. Siefert und die Naturschutzbehörde befürchteten, die Seuche könnte auf Queen Elizabeth übergreifen, und machten sich daran, die Gesundheit der ugandischen Löwen zu untersuchen.

Sierra Leone ohne Leone

Die Gäste aus den USA bekommen nicht nur praktische Erfahrung, sondern leisten auch finanziell ihren Beitrag zum Erhalt des stets klammen Projekts. Anfangs hatten holländische Zoos das Projekt finanziert, doch 2004 versiegte der Geldfluss. Jetzt sind die lernbegierigen Studenten aus den USA und Europa eine willkommene Unterstützung. Ziel des Projekts ist es, so viel über die Löwen Ugandas zu erfahren, dass man anhand der Datenbasis genau festlegen kann, welche Schutzmaßnahmen wichtig sind.

Afrika: Wo Löwen noch einigermaßen sicher sind
DER SPIEGEL

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Löwe James, so ergeben die Tests, ist gesund. Doch Panthera Leo in seiner Gesamtheit geht es gar nicht gut. In einer vor zwei Jahren veröffentlichten Studie kamen Hans Bauer von der Universität Leiden und Sarel van der Merwe von der African Lion Working Group zu dem Ergebnis, dass die Zahl der afrikanischen Löwen in der jüngsten Vergangenheit drastisch gesunken ist. Anfang der achtziger Jahre schätzte man den Bestand noch auf etwa 200.000 Tiere. Von gerade einmal 20.000 bis 40.000 Exemplaren gehen die beiden Wissenschaftler heute aus.

"Dagegen gibt es etwa 500.000 Elefanten", sagt Bauer. "Und schauen Sie mal, wie viel Aufmerksamkeit die bekommen." Aber es ist weniger die absolute Zahl der Raubkatzen, die den Artenschützern zu schaffen macht, als vielmehr ihre ungleichmäßige Verteilung. "In West- und Zentralafrika, also der Hälfte des Kontinents, leben gerade noch zehn Prozent der gesamten Löwenpopulation", erklärt Bauer.



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