Luftverschmutzung am Hindukusch Kabul erstickt an seinem Dreck

Ruß, Abgase und Staub wabern über der afghanischen Hauptstadt. Hier ist es so dreckig, dass selbst Kurzzeitbesucher vom sogenannten Kabul-Husten gepackt werden - und das an einem Ort, der noch vor Jahrzehnten wie ein Garten am Fuße des Hindukusch war.

Von und Joachim Hoelzgen


Kabul - Das waren noch Zeiten in den sechziger Jahren, als Kabul zu den schönsten Hauptstädten der Welt zählte – mit grünen Parks unter einem stahlblauen Himmel und Blumen und Blüten überall. Nach fast drei Jahrzehnten Krieg hat sich die Bilderbuchwelt von damals mit ihren Pinien und Eukalyptusbäumen dramatisch verändert. Kabul ist heute ein Moloch, der sich wie ein riesenhafter Teppich zwischen kahlen Bergketten erstreckt. Selbst an den Flanken der Berge sind wilde Siedlungen aus Lehm entstanden. Schwalbennestern gleich scheinen sie hoch über dem Kabul-Tal zu hängen.

Im Jahr 1973, als der afghanische König Zahir Schah von seinem Schwager gestürzt wurde, lebten in Kabul 750.000 Einwohner. Heute dagegen drängen sich in der Metropole am Kabul-Fluss drei Millionen Menschen. Davon geht die afghanische Umweltbehörde Nepa aus, der ein Enkel des 2007 gestorbenen Monarchen als Generaldirektor vorsteht: Prinz Mustafa Zahir.

Wieviele Menschen in Kabul wohnen, weiß der Prinz auch nicht genau, und wahrscheinlich ist die Bevölkerung Kabuls weitaus größer. Die Schätzungen reichen von 3,6 bis 4,6 Millionen, weil in den vergangenen Jahren Hunderttausende afghanischer Flüchtlinge in das Land am Hindukusch zurückkehrten und in der Hauptstadt eine neue Chance suchten. Sie kamen aus Lagern im benachbarten Pakistan und versprachen sich in Kabul Jobs und Sicherheit.

Erstaunlich war dabei, dass viele der Neuankömmlinge rasch motorisiert waren – erst mit Mopeds und dann klapprigen Autos, die das Verkehrsgewühl in Kabul noch mehr verdichteten. Damit hat sich ein Problem verschlimmert, das Kabul buchstäblich den Atem raubt: die Luftverschmutzung.

Ein Schleier von Ruß, Abgasen und Staub wabert über der Stadt, und die Chance ist groß, dass selbst Besucher, die sich nur kurz in der Stadt aufhalten, vom sogenannten Kabul-Husten gepackt werden. Der Husten geht mit Auswurf einher, der bei den Bewohnern Kabuls oft auch Blutspuren enthält. Besonders nach dem Aufstehen am Morgen und dann wieder in den Abendstunden quälen sich die Betroffenen. Und auch Mittel gegen den lästigen Reizschmerz im Hals helfen nur wenig, so dass manche der Ausländer, die in Kabul stationiert sind, einmal im Monat nach Dubai fliegen, um sich dort von dem Leiden zu erholen.

Die Luftverschmutzung bedrohe die Gesundheit der Menschen "auf das Äußerste", sagt nun Dad Mohammed Baheer, der Vizedirektor der Umweltbehörde in Kabul. "Wir stehen vor einer Krise", schlägt er im Uno-Nachrichtendienst Irin Alarm. Das ist nicht verwunderlich, da in Kabul eine Million Pkw unterwegs sind und monatlich 8000 neu angemeldet werden.

Zum Heer alter Toyotas und anderer Veteranen japanischer Herkunft gehört eine große Taxiflotte, die Geländewagen-Armada von 94 internationalen Hilfswerken, Konvois von Militärfahrzeugen und dazu Busse und Lastwagen, die zumeist armdicke Abgasfahnen ausstoßen.

Der Irrwitz hat solche Ausmaße erreicht, dass am Morgen und Nachmittag auf den Straßen praktisch nichts mehr geht. Alle Verkehrsadern, die vom Massud Circle im Zentrum abgehen, verwandeln sich in qualmende Lindwürmer aus Blech, die erstarrt und hupend vor sich hinwarten.

Doch nicht nur die Abgase der Autos im Stau verpesten die Luft.

Den ganzen Tag über rumoren Tausende von Generatoren, um Strom zu erzeugen. Denn Leitungsstrom gibt es nur an drei oder vier Stunden am Tag, und so beschafft sich jeder, der es vermag, einen der massigen Stromerzeuger und stellt ihn in den Hof. Erst gegen Mitternacht, wenn Kabul langsam einschläft, geben die Generatoren endlich Ruhe, und die Stadt versinkt in der Dunkelheit.

Mit dem toxischen Gemisch der Abgase vermischt sich der Staub, den der Wind von den baumlosen Bergen und den Halbwüsten des nördlichen Afghanistans heranweht. Zum Glück gab es vorige Woche noch einmal Winterregen, der die Smog-Glocke über dem Kabul-Tal etwas beiseite schob, so dass man den blauen Himmel sehen konnte.

Die schlechte Luft macht viele krank

Wenigstens hat mit dem Frühling auch die Zeit des Heizens mit Kohle und Holz ein Ende. Aber dafür wirken die pechschwarzen Qualmwolken umso bedrohlicher, die in den Außenbezirken aus den Schloten von Ziegeleien emporquellen. Die Umweltbehörde Nepa hat herausgefunden, dass dort alte Reifen und Plastikabfälle verfeuert werden, um wegen der hohen Ölpreise beim Ziegelbrennen Geld zu sparen.

Den Cocktail von Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid und Stickoxiden, zu dem wegen der Hitze bald wieder Ozon hinzukommt, reichern in Kabul aber auch Bazillen an.

Eine Kanalisation, die funktioniert, gibt es nur im Nobelviertel Wazir Akbar Khan, dem "Beverly Hills Afghanistans" im Osten der Stadt und im Nachbarviertel Shir Poor, in dem hauptsächlich hohe Beamte der Regierung Karzai wohnen. Ansonsten sind die Abwässer ungeklärt und Brutstätten für Erreger aller Art.

"Die meisten Erkrankungen in Kabul, mehr als 70 Prozent, sind auf die verschmutzte Luft, Abwässer und Abfälle zurückzuführen", beschreibt Nepa-Mann Basheer die Lage. Seit Jahren nehme auch die Häufigkeit von Krebs in Kabul zu, "vor allem bei Kindern".

"Wir müssen viel ganz schnell anpacken", meint der Beamte. "Wir müssen wieder Wälder aufforsten und Grünflächen anlegen. Wir müssen die Einfuhr von minderwertigem Benzin beenden und die Abwässer klären."

Das aber wird alles andere als einfach sein. Denn von den Milliarden an Hilfsgeldern, die von den sogenannten Geberländern nach Kabul überwiesen worden sind, hat die kleine Umweltbehörde bisher nichts gesehen. Immerhin aber hat die amerikanische Hilfsorganisation USAid 500.000 Dollar versprochen. Aber auch das wird nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein.



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