Senatsbericht Luftverschmutzung kostet Frankreich 100 Milliarden Euro

Krankheiten, Ernteeinbußen, verrußte Gebäude - die Luftverschmutzung kostet Frankreich einem Bericht zufolge 100 Milliarden Euro. Politiker fordern harte Gegenmaßnahmen.

Dicke Luft in Paris: "Ein technologischer Bruch ist nötig"
AFP

Dicke Luft in Paris: "Ein technologischer Bruch ist nötig"


Der Eiffelturm im Smog, Nizzas Promenaden unter Abgasschwaden, Smog-Warnschilder auf Autobahnen - Frankreichs Bürger leben mit der Luftverschmutzung. Doch die finanziellen Belastungen waren nicht einmal im Ansatz bekannt. Bis jetzt.

Ein Bericht des Senats beziffert erstmals die Kosten der gesamten atmosphärischen Umweltbelastungen. Er kommt auf eine Summe von 100 Milliarden Euro. Und hat damit politisch ordentlich Staub aufgewirbelt - und das nur fünf Monate vor dem vorweg als Weltereignis angekündigten Klima-Gipfel in der französischen Hauptstadt Paris.

Der Rapport der Enquetekommission fasst erstmals die gesamten finanziellen Folgen der schlechten Umweltbilanz zusammen - für Gesundheit, Landwirtschaft, Ökosysteme und sogar historische Bauten. "Zweimal mehr als die Folgen des Tabakkonsums", schreibt die Tageszeitung "Le Monde" zu dem Schock-Gutachten. "Ein Drittel der griechischen Schulden", kommentiert "Le Parisien" und titelt. "Luftverschmutzung - eine stratosphärische Rechnung".

Das Gutachten, provokativ überschrieben mit "Die Kosten des Nichtstuns", ist die Arbeit eines parteiübergreifenden Gremiums der französischen Regionalkammer. Die Kommission sichtete dazu vier Monate lang alle verfügbaren Studien, lud vier Minister vor und hörte mehr als 70 Experten an.

Weizenernte betroffen

Das Ergebnis, einstimmig von den 17 Senatoren verabschiedet, nennt die Zahl der Toten durch Feinstaub und Ozon auf bis zu 45.000 vorzeitige Todesfälle - ausgelöst durch chronische Bronchitis, Asthma, Lungenkrebs, Schlaganfall, Herzinfarkt. Die Kosten dafür summieren sich laut Weltgesundheitsorganisation WHO allein für Frankreich auf jährlich rund 48 Milliarden Euro.

Rechnet man Arztbesuche, Krankenhausbehandlungen, Arbeitsausfälle und Invalidenrenten hinzu und addiert die Kosten für die Sozialversicherung, steigt der Betrag in Richtung 100 Milliarden Euro. "Eher noch unterbewertet", meint Leila Aichi, Senatorin der Grünen und Urheberin der Enquete: "Die bisherigen Untersuchungen beschränken sich auf eine kleine Zahl von Schadstoffen und der Cocktail-Effekt deren Zusammenwirkens wird ganz und gar nicht erfasst."

Hochgerechnet belaufen sich die Folgekosten der Luftverschmutzung für ganz Europa laut WHO auf rund 1400 Milliarden Euro - das entspricht etwa einem Zehntel des EU-Bruttoinlandproduktes. "Die Umweltverschmutzung ist nicht nur ein gesundheitlicher Wahnwitz", folgern die Senatoren, "sondern auch eine ökonomische Absurdität".

Feinstaub, Dieselabgase oder Ozon belasten auch Landwirtschaft, Bodenqualität und biologische Vielfalt. "Die Weizenernte in der Pariser Region", so eine Studie der Umweltorganisation Airparif, "lag in den vergangenen 15 Jahren im Schnitt zehn Prozent unter dem Ertrag einer vergleichbaren Region ohne Umweltverschmutzung." Betroffen sind auch historische Bauten - die unlängst abgeschlossene Fassadenreinigung des Pariser Pantheons schlug mit 900.000 Euro zu Buche.

"Vor dem Ersticken"

Betroffen sind jedoch nicht nur die Metropolen und deren Einzugsgebiete. Selbst zu Füßen des Mont Blanc, in den malerischen Tälern der Savoyen, einst gerühmt als Luftkurorte, sind die Belastungen durch die geografische Kessellagen drastisch gestiegen. Die Region zwischen Chamonix und Vallorcine bis nach Megève und Passy, konstatiert die Zeitung "Aujourd'hui En France" dramatisch, "steht vor dem Ersticken."

Die Ursachen für die landesweite Zunahme des Drecks sind bekannt: Veraltete Dieselmotoren verbreiten Feinstaub und Stickoxyde, die Industrie pustet CO2 und flüchtige organische Verbindungen in die Luft, private Ölheizungen oder Holz befeuerte Kaminöfen beteiligen sich mit Abgasen und Ruß.

Die Senatskommission belässt es nicht bei seiner pessimistischen Diagnose. Sie schlägt 60 konkrete Maßnahmen vor, um der "Plage" beizukommen. Weil in Frankreich zwei Drittel der Fahrzeuge mit Selbstzündern unterwegs sind (in Deutschland sind es knapp ein Drittel) soll Dieselkraftstoff binnen fünf Jahren so teuer wie Benzin werden.

"Harte Maßnahmen"

In den Städten müssten vermehrt Elektrobusse rollen und schließlich soll die zwei Jahrzehnte alte Umweltgesetzgebung überholt werden mit strikteren Normen für die Luft.

"Ein technologischer Bruch ist nötig", schreiben die Senatoren in ihrer Empfehlung, zumal "glaubwürdige Alternativen existieren". Und Senatorin Leila Aichi ergänzt: "Es gibt hier beachtliche Gelegenheiten für Wachstum und Beschäftigung."

Umweltministerin Ségolène Royal reagierte prompt auf den erstickenden Bericht. Die Sozialistin will unverzüglich staatliche Entscheidungen veröffentlichen, darunter zunächst Restriktionen für den Autoverkehr in den Großstädten. Royal versprach wörtlich "harte Maßnahmen, schon nächste Woche."

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Seite 1
wombie 16.07.2015
1.
Da werden die Zeterer gegen notwendige Restriktionen von der Realität eingeholt. Schon schlimm wenn einem die Ökofaschisten die Lebensfreude verbieten in der Stadt die kleinsten Strecken oder aus purem Spaß mit dem Auto herumzufahren.
Edgard 16.07.2015
2. Wenn die Franzosen...
... weiterhin so progressiv sind wie bei Elektrofahrzeugen könnten sie demnächst alle Zweitakter auf E-Antrieb umstellen und den Wasserstoffantrieb forcieren; der Wasserstoff selbst kann über regenerative Energien erzeugt werden. Auf diesem Wege könnte Frankreich zumindest auf diesem Gebiet technologisch wie wirtschaftlich wieder Vorreiter werden in Europa - und in Folge auch ökologisch.
käthe 16.07.2015
3. Mein alter Diesel ist in Frankreich
Vor zwei Jahren musste ich meinen 10 Jahre alten Diesel (mit gelber Plakette) verkaufen, weil an meinem Wohnort die Umweltplakette eingeführt wurde und das Umrüsten nicht mehr wirtschaftlich war. In Deutschland fand sich kein Interessent, das Auto wurde nach Frankreich verkauft... Ich war immer der Annahme, Umweltrichtlinien wie die Feinstaubverordnung gelten EU-weit??? Offenbar nicht.
emporda 16.07.2015
4. Es gibt noch schöne Ecken
Wir sind alle 5 - 8 Wochen im AUCHAN in Perpignan einkaufen, auch wenn die Preissteigerung der letzten "sozialistischen" Jahre immer weniger Produkte für einen Kauf interessant macht Das Department Roussillion an der spanischen Grenze ist das französische Armenhaus, die Straßen sind mies bis saumäßig, die Orte verkommen abgewirtschaftet aber Teile der Natur sind gerade deswegen noch schön. Das Fleisch von den Kühen in den Pyrenäen schmeckt phantastisch, im Thermalbad Llo auf 1450 mNN sitzt man für 12 € gut 1 Stunde im schwefligen Wasser von 35°C und läßt sich von Düsen den Rücken massieren. Nur tanken und im Restaurant sollte man besser in Spanien, die französische Gastromie ist ein industrialisierter Saustall der Sonderklasse, wo Fabrikprodukte in der Mikrowelle aufgewärmt als "heimische" Küche serviert werden und schmecken wie "Knüppel auf den Kopf". Es soll ja Menschen geben, die mögen das
TheBear 16.07.2015
5. Ist doch erfreulich
Ist doch erfreulich, dass endlich mal eine häufig übersehene Binsenwahrheit ausdrücklich erwähnt wird, nämlich, dass Nichtstun auch teuer sein kann.
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