Schlammvulkan-Ausbruch: Geologen geben Erdbeben die Schuld

Von Peter Gotzner

Schlammvulkan-Ausbruch: Katastrophe auf der Insel Java Fotos
Getty Images

13 Dörfer hat ein Schlammvulkan auf der Insel Java begraben. Die Schuld für den Ausbruch sahen Forscher bei einer Bohrfirma. Laut einer neuen Studie haben jedoch eine spezielle Gesteinsschicht und ein Erdbeben die Katastrophe verursacht. Die Vermutung ist umstritten.

Der Lusi-Schlammvulkan spuckt seit Jahren Tausende Kubikmeter Schlamm. Im Osten der indonesischen Insel Java hat der Schlamm 13 Dörfer begraben, 50.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Was hat die Katastrophe ausgelöst? Wissenschaftler hatten bislang vermutet, dass eine Probebohrung der Firma PT Lapindo Brantas die seit 2006 andauernde Schlamm-Eruption in Gang gesetzt hat.

Doch nun stellen Geologen eine andere Hypothese vor, die das Unternehmen entlasten würde: Im Fachmagazin "Nature Geoscience" berichten sie von Messdaten und Computersimulationen, die ihren Angaben zufolge untermauern, dass ein Erdbeben die Katastrophe verursacht hat.

Das Beben mit der Stärke 6,3 hatte sich am 27. Mai 2006, zwei Tage vor dem Ausbruch des Schlammvulkans, in 250 Kilometern Entfernung ereignet. "Wir folgern, dass die Lusi-Schlamm-Eruption ein natürliches Ereignis war", schreiben die Geologen um Matteo Lupi von der ETH Zürich. Das Beben habe zwar in großer Entfernung stattgefunden, doch eine Gesteinsschicht habe wie eine Linse die Energie des Bebens gebündelt. Laut einem Computermodel seien so die Auswirkungen der Erdbebenwellen verstärkt worden. "Eine solche parabolische Struktur in den Gesteinsschichten kommt oft in der Natur vor. In diesem Fall wirkte sie wie ein Reflektor." Das habe die Schlamm-Eruption ausgelöst.

Zweifel an der neuen Hypothese

Der verstärkte Stoß habe die Quelle des Schlamms verflüssigt und dafür gesorgt, dass das Material in eine Bruchlinie gepresst wurde. Die ist mit einem hydrothermalen System, also heißen unterirdischen Quellen, verbunden. Diese "langfristige Flüssigkeitszufuhr", so die Wissenschaftler, nährt bis heute die Schlamm-Eruption. Zu Spitzenzeiten drückten sich 180.000 Kubikmeter pro Tag aus dem Lusi-Vulkan. Heute ist die Rate auf 15.000 bis 20.000 Kubikmeter pro Tag gefallen, gibt die indonesische Regierung an. Das sind aber immer noch etwa sechs bis acht olympische Schwimmbecken voller Schlamm pro Tag.

Der britische Geologe Richard Davies hat Zweifel an der neuen Erklärung und verweist auf das Protokoll der Bohrung. Es zeige, dass etwas bei der Probebohrung schiefgelaufen sei, sagt Davies. Am Tag des Ausbruchs hatte das Team Probleme, den Druck des in das Loch eingespritzten Bohrschlamms zu stabilisieren. Zusammen mit dem Fehlen einer schützenden Hülle um das Bohrloch war das "als ob ein Korken aus einer Champagner-Flasche gezogen wird", so der Wissenschaftler der Durham University, der bereits vor Jahren den Ausbruch untersuchte. "Die Wissenschaftler haben ein sorgfältig ausgearbeitetes geophysikalisches Modell erdacht. Aber ich denke, dass sie die offensichtlicheren Daten ignoriert haben."

Schlamm könnte mehr als hundert Jahre lang fließen

Viele Geologen stimmen den Argumenten von Davies zu und führen an, dass schon vorher viel stärkere Erdbeben näher an am Ausbruchsort stattgefunden haben, die keine Schlamm-Eruption zur Folge hatten. Den Grund dafür sieht Matteo Lupi aber in der Art der Beben. "Die Wellen der früheren Beben waren anders. Sie waren oberflächlich. Erst die Wellen des Erdbebens im Mai 2006 lagen tief genug und wurden von dem seismischen Reflektor gebündelt", erklärt Lupi SPIEGEL ONLINE.

Selbst wenn sich die Forscher über den Auslöser für die Katastrophe uneinig sind, die Auswirkungen sind nicht zu übersehen. Die Regierung baute zwar etwa zehn Meter hohe Deiche und versuchte unter anderem mit Betonkugeln die Ausbreitung der Schlammmassen zu verhindern. Trotzdem wird das Gebiet noch über Jahre unbewohnbar sein - womöglich sogar noch länger. Geologe Amein Wododo vom Sepuluh Nopember Institute of Technology nahe dem Vulkan hat eine düstere Prognose: "Die Menge an Schlamm ist zwar schon stark gesunken, aber betrachtet man andere Fälle auf Java, so ist es denkbar, dass die Eruptionen für mehr als hundert Jahre anhalten könnten."

Mit Material von AFP

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Gefälliges Gutachten
tradepro 22.07.2013
Wieso gibt sich der Spiegel für so offensichtlich gefällige Gutachten her? Ist doch vollkommen klar dass dieses Gutachten dazu dient dass die Bohrfirma von aller Schuld freigesprochen werden und die armen Bauern die alles verloren haben keinen Euro zu sehen bekommen. Der Mensch soll ganz einfach nicht dermassen tief bohren. Das ist unkontrollierbar. Wäre das Loch nicht gebohrt worden hätte der Schlamm keinen Weg an die Oberfläche.
2. Na, so ein feines Gutachten bringt doch richtig
ratschbumm 22.07.2013
Zitat von sysop13 Dörfer hat ein Schlammvulkan auf der Insel Java begraben. Die Schuld für den Ausbruch sahen Forscher bei einer Bohrfirma. Laut einer neuen Studie haben jedoch eine spezielle Gesteinsschicht und ein Erdbeben die Katastrophe verursacht. Die Vermutung ist umstritten. Lusi-Schlammvulkan: Erdbeben bündelnde Schicht hat Ausbruch verursacht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/lusi-schlammvulkan-erdbeben-buendelnde-schicht-hat-ausbruch-verursacht-a-912359.html)
Kohle in die Institutskassen. Beruht zwar überwiegend aus Computersimulationen und Mutmassungen aber, aber, aber ist für die betroffene Gesellschaft sehr hilfreich. Die Betroffenen werden sich wohl kaum dagegen wehren können. Neben dem Dreck haben sie jetzt auch noch den schwarzen Peter. So wie die Ergebnisse mancher Geothermie-Bohrungen.
3. Wir werden uns noch wundern!
unixv 22.07.2013
So schnell können wir gar nicht SCH.... rufen, wie die bei uns Fraking erlauben! Solange da auch nur ein Politiker eine Mark machen kann, solange wird es bei uns Fraking geben! AntiBestechungsGesetz .... UNTERZEICHNEN .... ihr PolitikDarsteller!
4. also,
sitiwati 22.07.2013
ich hab die Anfänge vor Ort, mehr als Zuschauer erlebt-für die Menschen eine Katastrophe- für den Betrachter eine Horrorvorstellung, und man sieht, obwohl Experten aus aller Welt, auch aus Deutschland vor Ort waren, es gab kein Mittel dagegen, als letzten Ausweg wollte man das Zeug ins Meer leiten !
5.
colouredwolf 22.07.2013
zum glück war ich erst im mai 2007 dort - sonst müsste ich einiges befürchten
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